Die Zungen wie Riegel

ZUVIEL IST ZU WENIG Simone Meiers Erstling "Mein Lieb, mein Lieb, mein Leben"

Kitschkiste" nennt ihre Mutter einmal die Erzählerin in Simone Meiers Erstling Mein Lieb, mein Lieb, mein Leben, jene junge Journalistin, deren großes Vorbild Lou Andreas-Salomé ist, die tatsächlich aber in ihrem Leben einzig Clemens und ihre Großmutter Verena Nyffenegger geliebt hat. Die Großmutter ist schon lange tot, Clemens irgendwie irgendwann und irgendwo auf der (Beziehungs-)Strecke geblieben. Seitdem fühlt sie sich unbehaust und unbemannt, erträgt einen Michael an ihrer Seite, der sie immerhin dazu inspiriert, die Geschichte(n) der Großmutter erst zu erzählen, dann aufzuschreiben, schließlich auch nicht mehr und klingt überhaupt wie ein abgebrüht-ausgebrannter Lebensprofi: "Es wird auch immer so sein, daß meine Liebhaber zu diesen andern Frauen zurückkehren, die ihnen ein Essen geben und eine Sicherheit."

Das klingt larmoyant, ist es wohl auch und wäre noch erträglich, wenn es der Erzählerin tatsächlich gelänge, die beiden Stränge der Geschichte, die Episoden aus dem Leben der Großmutter und die eigenen Liebes-Lust- und Unlust-Abenteuer, miteinander engzuführen, sie ineinander zu spiegeln und zu reflektieren. Das aber geschieht nur in Ansätzen auf der Oberfläche, beiläufig. Konturenlos und blaß bleiben daher Figuren und Handlung im gegenwärtigen Leben der Erzählerin - Clemens etwa, der zwar raunend beschworen wird, erhält dennoch keine eigene Physiognomie. Die guten Ansätze und Vorsätze stecken in den Passagen, die der Großmutter gewidmet sind. Da zeigt sich, was man hätte aus diesem Roman machen können, denn über das sprachliche Vermögen verfügt Simone Meier allemal, der neben pointierten Formulierungen ("Ein Paar, das einander die Zungen wie Riegel in die Münder schnappen ließen") immer wieder überraschende Metaphern gelingen.

Das beschwerliche Leben eines Kleine-Leute-Kindes in der Schweiz der dreißiger Jahre, der bescheidene Aufstieg zum Provinz-"Model", die klammheimliche Liebe zum Vetter, Heirat und Tod des Ehemannes, Ernüchterungen und Entbehrungen, am Ende die vermeintliche Genugtuung, die Wiederannäherung an den Vetter, dessen Tod im winterlichen Bach - all diese nicht linear-chronologisch, sondern assoziativ und episodisch vorgebrachten Geschichten hätten einen eigenen passablen Roman abgegeben. Einen vielversprechenden Erzähltext über vergangenes Leben und Lieben samt verborgener Lebenslügen, etwa der, dass die jüngere, früh verstorbene Schwester der Großmutter nahezu abgöttisch denselben Cousin geliebt, verfolgt und einstmals gar im städtischen Séparée mit anderen Männern (wie sagt man?) erwischt hat.

Warum aber Simone Meier der Großmutter-Geschichte allein nicht getraut hat und partout noch eine Doppelgeschichte zumuten musste, bleibt wohl ein ungelöstes Rätsel.

Simone Meier: Mein Lieb, mein Lieb, mein Leben. Roman. Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 2000, 231 S., 34,90 DM

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