Klagelied eines Heizers

Geigerzähler In Lutz Seilers Erzählung "Turksib" leuchtet ein rotes Lämpchen

Turksib heißt der Nachtzug, in dem sich der Erzähler auf seiner Reise durch Kasachstan befindet; und der Zug sieht "einer Karawane vorsintflutlicher Blechkarossen" gleich, "auf einem Gleis namens Seidenschiene, das mitten durch die Steppe schnitt, von Orient zu Okzident."

In dieser Erzählung, einem Ausschnitt aus einer größeren Prosaarbeit, für den der 1963 geborene Thüringer Schriftsteller Lutz Seiler im letzten Jahr den Ingeborg-Bachmann-Preis (Freitag 27/28/2007) erhalten hat, überkreuzen sich messerscharfe Beobachtungen mit phantastischen Sequenzen, gehen ein dostojewskischer Realismus mit einem kafkaesken Tonfall Hand in Hand.

Es treten nacheinander auf: Ein Geigerzähler, den der Erzähler mit sich führt - aus Angst vor jederzeit möglicher Verstrahlung, womit ein Hinweis darauf gegeben wird, in welcher Zeit nach Tschernobyl wir uns befinden. Eine Dolmetscherin, die zugleich Vermittlerin zweier Welten ist und ein raunendes Geheimwissen durchscheinen lässt, und dann vor allem noch ein Heizer (Kafka lässt grüßen!), den der Erzähler auf dem Waggon-Gang der Eisenbahn kennen lernt.

Dieser Heizer beginnt, unmittelbar nachdem er erfahren hat, einen Deutschen vor sich zu haben, die altbekannte, aber noch ungehörte Weise zu sprechen: "Ihrrweiss niehrrt, wahs sohlbe deute,/ dass ihrersoo trau rührrtbin." Allein der Reim "wollte ihm nicht auf die Zunge." Zuvor hat die Dolmetscherin berichtet, dass in der kasachischen Steppe jeder Bewohner "Sorge tragen" müsse "für sein eigenes Klagelied" - und dies bereits zu Lebzeiten. Urplötzlich kommt es dem Erzähler so vor, als habe dieser Heizer die kleine Weise aus Heines Loreley-Lied von 1823 zu seinem Klagelied auserkoren. Ja, plötzlich blitzt ihm diese Erkenntnis auf, wie ebenso plötzlich die Poetik des Erzählers Seiler aufscheint: denn er stellt Marcel Prousts "memoire involontaire", diesen epiphanischen Augenblick, in dem Erinnerung, Wahrnehmung und aktuelle Beobachtung auf unvergleichlich betörende Art zusammenschießen, in den Mittelpunkt seiner Erzählbewegung.

Hierfür mag auch die dem schmalen Bändchen beigegebene, 2005 geschriebene, kurze Erzählung Die Anrufung einstehen. Der Erzähler in diesem Text erinnert sich an seine Abschlussprüfung im Fach Ästhetik seinerzeit in der DDR und an seine Ausführungen zur Kategorie der Schönheit, die er dem - leicht abwesend wirkenden - prüfenden Professor im Blick auf klassische Definitionen von Platon bis zu den Jung- und Althegelianern erläutert. Dann ergibt sich aber eine entscheidende Verschiebung. Der Prüfling bemerkt, dass er sozusagen aus sich heraustritt, dass er die eingelernten Sätze ganz automatisch abspult, während seine Erinnerung zu frühen Kindheitserlebnissen zurückkehrt. Nämlich "an einen Moment von Schönheit" selbst, den er im Rückblick an die drei Jahre älteren Zwillinge Kerstin und Andrea, die Spielgefährtinnen seiner Kindheit, bewahrt hat und der ihm jetzt in dieser Prüfungssituation als Moment der "Anrufung" erscheint.

In dieser Anrufung konstituiert sich die ganze Welt: "die Dinge wirkten nicht mehr vereinzelt, sie zeigten mir ihre Zusammengehörigkeit, gemeinsam ergaben sie ein Bild, und dieses Bild war ganz und gar stimmig." Und das ist schön, denn plötzlich stimmt alles einfach zusammen, bringt es die Sprache, den Text, auf den Punkt, der selbst wieder so etwas wie einen "geglückten Augenblick" (in Handkeschem Sinne) auslöst: "Aus meinem Ringen", so der letzte Satz in Seilers Erzählung, "diesem klagenden und beglückenden Singsang über die Abwesenheit, war eine Anrufung geworden, deren Widerhall im Bild dieses Ortes (meiner kindlichen Welt) und dessen Echo in mir selbst sich zu einem außerordentlichen Moment von Schönheit verbanden." Der Büchner-Preisträger Wilhelm Genazino hat dafür in seinen Frankfurter Poetikvorlesungen den gelungenen Ausdruck "Überwältigung durch den gedehnten Augenblick" gefunden.

Umgekehrt erfährt auch die neue Erzählung Seilers aus der Perspektive des schon älteren Textes "plötzlich" eine andere Bedeutung. Denn auch hier ist wieder von dem erfüllenden Moment die Rede, in dem die Anrufung, eine Art Benennung gelingt und - in diesem Fall - der Schrecken gebannt wird. Was auch mit durchaus ironischem Gestus geschehen kann wie im Fall des Geigerzählers: "Am Kopf des Zählers, meines kleinen Erzählers, wie ich das schnarrende Kästchen jetzt halb scherzhaft nannte - nur um mich weiter zu beruhigen, um durch die Namensgebung etwas von dem zu bannen, was mir an seiner Technik und ihrer Wirkung nicht ganz geheuer sein konnte -, flackerte sogleich ein rotes Lämpchen auf und begann zu blinken".

Das mag möglicherweise mit der untergegangenen und immer noch präsenten DDR zu tun haben. Denn könnte die Anrufung und Benennung, die Bannung ins Wort nicht der fortgesetzte Versuch sein, in einer Art Poetik der Erinnerung etwas aufzubewahren? Gar etwas noch von dem, was der jüngst verstorbene Wolfgang Hilbig als "Abwesenheit" (so der Titel seines bekanntesten Lyrik-Bändchens und darüber hinaus noch poetologisches Programm) bezeichnet hat und womit gemeint gewesen ist: die Entfremdung als Entfernung von sich selbst im Schreiben aufzuheben. "Im sauren, meine Nasenschleimhäute beizenden Geruch der Heizeruniform", so kommt es dem Erzähler vor, "aus den Ingredienzien dieses atemberaubenden Dunstes erstand das alte Sowjetkasino. Ich roch das Waffenöl und das Linoleum unterm Knie, ich roch die Lappenbinde über den Augen, die Bestzeit, den Wettkampf, das Feder!-Stange!-Kolben!-Zylinder! - die bedeutsame Schwere jedes einzelnen Teils in der Hand und den Hocker vor der Brust".

Plötzlich verkehrt sich auf magische Weise - sollte man nicht im Sinne Kafkas von "Verwandlung" sprechen?! - die Reisegeschichte zu einer Poetik der Erinnerung, die wiederum ihre Evidenz im Augenblick erfährt: Kennzeichen großer Literatur. Dabei ist gewiss nicht neu, was und wie Seiler das erzählt. Die europäische Moderne schaut durch die Texte hindurch, und diese epiphanischen Augenblicke zu herabgesetztem Risiko hat Karl Heinz Bohrer sogar als prägende Erfahrungen (post-)moderner Literatur beschrieben. Neu ist´s nicht. Aber gut gemacht und im nicht zu verachtenden mal ironischen bisweilen komischen, zum Teil auch surrealen Tonfall erzählt.

Ärgerlich ist allerdings die Politik des Suhrkamp-Verlags; denn der Leser muss für ein schmales, 47 Seiten kurzes (mit viel Durchschuss gedrucktes) Bändchen, das neben einem Textauszug, der demnächst in Gänze erscheinen wird, eine nunmehr bereits zum dritten Mal gedruckte Erzählung umfasst, teure 12,80 Euro berappen. Skandalös!

Lutz Seiler Turksib. Zwei Erzählungen. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2008, 48 S., 12,80 EUR

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