Reißverschluss

TIEF IM WESTEN Silvia Szymanskis neuer Roman »Agnes Sobierajski«

Bloß der Name stimmt irgendwie nicht, er wirkt wie ein Fremdkörper: Agnes Sobierajski, wo doch hier alle Prümmer oder Noppeney, Lauffs, Nobis oder Delheid heißen. Hier, das ist das Dreiländereck rund um Aachen, wo die Eifel nahtlos in den Selfkant und die Düren-Jülicher Börde übergeht. Deutschland ganz weit draußen im Westen, provinziell und verschlafen. Agnes ist hier einfach hängengeblieben, ihre ganze Familie eigentlich, schon über mehrere Generationen vermutlich. Ob ihr Ururgroßvater einstmals auf den Pütt gegangen ist, als der Eschweiler Bergwerksverein noch aus ganz Deutschland samt östlichen Anrainern Kumpel gesucht hat? Wir wissen es nicht, wie auch Agnes selbst vermutlich die Genealogie ihrer Familie nicht so genau kennt. Warum auch?! Man schlägt sich durch, mehr schlecht als recht, hockt im dörf lichen Kaff, fährt ab und zu in die nächste Kreisstadt, ins Lieblingscafé, schon mal kurz rüber über die Grenze nach Holland, um sich mit ein wenig Shit zu versorgen. Und sonst? Tristesse pur. Freund Männs Leben zum Beispiel riecht nicht nur nach altem Alkohol, sein Leben »war damit durchtränkt wie ein Ätherlappen«; oder die Schulfreundin Maria: »Bei Maria und ihren Eltern zu Hause herrsch te früher eine furchtbar tote Atmosphäre. Alles war wie aus Pappe und so trocken, dass es staubte. Wenn sie das Kreuz zeichen vor dem Essen machten, war es, als hätten sie unsichtbare Schnüre an den Händen, mit denen sie sich dabei fesselten.»

Agnes hingegen jobbt als Babysitterin, ist angestellt bei einer Agentur und hütet Kids, die Palette reicht von der fundamentalistischen katholischen Familie über diverse Akademiker bis zu penetranten Neureichen. Bis plötzlich Mustafa in ihren grauen Alltag hineinplatzt, sie im Sturm erobert und in die ärgsten sexuellen Abhängigkeiten führt. Mit ihm gelingt es Agnes, geheimste Wünsche und verborgenste Lüste zu offenbaren, bei ihm findet sie endlich, was sie in der Stadt sonst vermisst: »die Heimat meiner Seele.» Und die hat einen Namen und ein präzises Aussehen: »Er legte meine Hand auf seinen Reißverschluß. Sein lebendiger Schwanz lag darunter eingepackt, vergraben wie ein geheimnisvolles Monument, ein hartes, dickes, einsames Gefühl. Geister stiegen auf und verwirrten das Muster.»

Eine der besonderen Qualitäten der Szy manskischen Prosa, was sie auch schon in ihrem Erstling Chemische Reinigung, mehr aber noch in ihrem letztjährigen Erzählband Kein Sex mit Mike demonstriert hat, ist ihr herrlich anstößig-zotiges, politisch selbstverständlich inkorrektes, dabei überaus sinnliches Fabulieren. Dem neuen Roman kann man allenfalls vorwerfen, dass hier die Sexualität ein wenig zur Obsession gerät, wodurch die stärksten Seiten von Silvia Szymanski mit fortschreitender Lektüre etwas in den Hintergrund gedrängt werden: ihr gnadenloser Blick und die treffende Formulierung, wenn es um die provinzielle Lebenswelt der Protagonisten geht.

Liebe Agnes Sobierajski, sag' doch bitte Silvia Szymanski, dass ich diesen Mustafa (und auch jenen Ali, der dich verfolgt hat) nicht soooo spannend finde, dass ich aber noch mehr - viel mehr! - über Männ und Maria, Tanta Johanna und die Oma erfahren möchte. Da stecken nämlich noch sackweise und -weite Geschichten drin ...

Silvia Szymanski: Agnes Sobierajski. Roman. Hoffmann und Campe, Hamburg 2000, 240 S, DM

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