Schalen für die Hände

Epiphanie Christoph Peters’ neuer Roman "Mitsukos Restaurant" führt vom Begehren zur Begeisterung

Manchmal entdeckt man Kern- und Schlüssel­wor­te, die, nein, nicht wie der Deckel zum Topf passen, aber doch so etwas wie den erzählerischen Anlass eines Werks, das Rankenwerk, wenn man so will, liefern.

In Christoph Peters’ neuem Roman Mitsukos Restaurant ist die Sache eindeutig. Es geht ums Schwärmen, jene nur an einer einzigen Stelle so genannte „Begeisterung“, mit der Achim Wiese, der männliche Prota­go­nist, allem Japanischen begegnet. Genauer noch: der japanischen Küche, antiker Keramik und einem, beziehungsweise dem unbekannten weiblichen Wesen aus Japan.

Peters’ Roman beginnt im Jahr des Abiturs der beiden Freunde Achim und Wolf, 1984, und hebt mit einem, letztlich aus pekuniärem Mangel gescheiterten Versuch an, in der Landeshauptstadt Düsseldorf einmal die sagenumwobene japanische Küche kennenzulernen. Doch es muss dann beim ortsüblichen Chinesen bleiben.

Achim vergöttert seit frühester Kindheit alles Japanische, eine Vorliebe, die acht Jahre später dann ihr definitives Objekt der Begierde findet. Freund Wolf ist inzwischen zum angehenden Schönheitschirurgen geworden, während Achim sich vor allem der Flanerie hingegeben hat: Hilfskoch in Restaurants, Ausstatter, Schauspieler, Mann für alle Fälle bei Kunstprojekten, Film- und Theaterproduktionen, wie es einmal heißt.

Auf einer seiner ausgedehnten Wanderungen durch die Voreifel entdeckt er zufällig an einem entlegenen Waldrand ein Gartenrestaurant – noch dazu eins mit japanischer Küche. Er ist schwer beeindruckt, von der Küche, der er fortan immer wieder zuspricht, insbesondere jedoch von der japanischen Köchin Mitsuko. Er freundet sich mit ihr, die Ende 30 ist, zwei gescheiterte Ehen hinter sich hat, und ihrem Freund, dem Mittfünfziger Eugen, an.

Ein kurzes Zwischenspiel

Nachdem sich allmählich Mitsukos Küche als Geheimtipp nicht nur bei den Deutschen, sondern auch in der zweifelhaften japanischen Community aus dem Großraum Düsseldorf-Köln herumgesprochen hat und es wieder einmal einen Engpass in der Küche gibt, bietet Achim großzügig seine Hilfe an.

Bloß, sein ständiger Wunsch, der verehrten wie erotisch begehrten Mitsuko auf diese Weise endlich näherzukommen, erfüllt sich nicht. Ein kleines Tête-à-tête beziehungsweise „Brust an Handrücken-Spiel“ bleibt kurzes Intermezzo: „Beim Abschied küßte sie ihn auf die Wangen und hielt seine Hand so, daß deren Rücken auf ihre Brust traf. Er spürte die harte Warze durch den Stoff.“

In dem Maße, wie sich Achims Zustand „schwerer Verliebtheit“ in corpore nicht zu erfüllen vermag, steigert sich sein schwärmerisches Verhältnis zu antiker japanischer Keramik, zu Teegeschirr. Wenn man so will, findet da eine massive ästhetische Verschiebung (und Verdrängung) statt: vom realen weiblichen Körper zum effeminierten und ästhetisierten Artefakt – der Teeschale.

Geradezu verräterisch wird über Achims „Epiphanie“ berichtet: Diese Schalen „waren nicht für die Augen gemacht – jedenfalls nicht nur –, sondern für die Hände. Man mußte sie fühlen, wollte man etwas von ihnen erfahren.“

Achims schüchtern-zögerliche Annäherungsversuche scheitern allesamt: an Mitsukos Fremdheit, an ihrer Sprödigkeit, an seinem Unvermögen. Genauso unbeholfen gestaltet sich der Versuch, mit der chinesischen Studentin und Aushilfskellnerin Yun Tsi – sozusagen Achims zweite Wahl – eine Nacht zu verbringen.

Es kommt, wie es kommen muss. Mitsuko heiratet schließlich ihren älteren Freund; allerdings bereits zu einem Zeitpunkt, da sich die beiden längst auseinandergelebt haben, wovon Achim freilich nicht – wie erhofft – profitieren kann.

Kurz nach der Hochzeit verschwindet Mitsuko auf Nimmerwiedersehen nach Australien, Eugen führt das Gartenrestaurant als urdeutsche Kneipe mit Biergarten und Grillstand weiter, und Achim macht sich zu einer Reise von unbestimmter Dauer auf – nach Japan. Dorthin, wo er die wahre Töpferkunst beheimatet glaubt. Die hübsche Pointe über den Abgang des Freundes Wolf wird an dieser Stelle aber nicht verraten.

Durch die Vorhölle

Ende gut – alles schlecht. Dem hyperromantischen Einsatz wird’s mit dem Kleingeld der Ernüchterung heimgezahlt. Augenzwinkernd und mit leichter Hand hat Christoph Peters einen wunderbaren Roman geschrieben, der einen ziemlichen Schwarmgeist durch die Vorhölle der Realität treibt.

Von der Romantik zur (erotischen) Desillusion. Herausgekommen ist dabei eine Erzählung, deren Subtext dem empfänglichen Leser nicht nur immer wieder, wenn er die zahlreichen Küchenszenen vor sich hat, gefährlich den Gaumen kitzelt, sondern auch, da wir es bei dem Protagonisten zusehends mit einem Connaisseur zu tun haben, eine Sensibilität für japanische Preziosen und Kunstgewerbliches zu wecken versteht.

Hinzu kommt die Fähigkeit des 1966 in Kal­kar am Niederrhein geborenen Peters, die er auch in früheren Romanen (Stadt Land Fluss oder Kommen und gehen, manch­mal bleiben) schon gezeigt hat, Land und Leute seiner (nieder-)rheinischen Herkunft genrebildhaft und mild ironisch zu schildern: „Zumindest in diesem Augenblick passten sie auf rührend verfehlte Weise zusammen. Um sie herum gruppierten sich Otto, Willi und Gernot, der dem staunenden Eugen einmal mehr die großen ökonomischen Zusammenhänge in ihrer Abhängigkeit von historischen Prozessen erläuterte. Wolfram hockte an der Theke und lallte bereits, während Werner wie immer ununterbrochen vor sich hin redete: Über aussichtslose Schlachten am Roulette-tisch, Untergänge erhobenen Hauptes mit fliegenden Fahnen, Selbstmorde und Millionengewinne. Außerdem waren da noch Heinz-Klaus, der Sänger, und seine Frau Margret, die hauptberuflich zusammen eine Lottoannahmestelle mit Kiosk betrieben und in letzter Zeit wieder häufiger hier aufschlugen.“

Mitsukos RestaurantChristoph Peters, Roman, Luchterhand, München 2009. 415 S., 19,95

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