Wer fragt, dem zittert die Hand

Verschlissene Worte Oya Baydar hat mit"Verlorene Worte" einen großen türkischen Gegenwartsroman geschrieben

Obwohl Oya Baydar schon seit 50 Jahren Bücher schreibt, ist "Verlorene Worte" der erste Roman der türkischen Autorin, der auf Deutsch erschienen ist. Die 1940 geborene Schriftstellerin, die aus einem bürgerlichen, westlich orientierten Elternhaus stammt, hat bereits als 18-jährige einen Roman verfasst, auf den dann noch zwei weitere Jugendromane folgten. Nach ihrem Soziologiestudium in Paris und Istanbul gab sie jedoch Anfang der sechziger Jahre das Schreiben auf, um sich ganz in der sozialistischen Bewegung zu engagieren. Als Gründungsmitglied der Sozialistischen Arbeiterpartei der Türkei wurde sie nach dem Militärputsch von 1971 verhaftet, 1980 schließlich sogar ins Exil getrieben. In Frankfurt entstanden dann wieder erste literarische Texte, und nach der Heimkehr mit Mann und Kind in die Türkei 1992 schrieb sie dann in rascher Folge fünf preisgekrönte Romane, die für anhaltende Diskussionen in der Türkei sorgten.

"Verlorene Worte" - nur ein Jahr nach dem türkische Original veröffentlicht - bündelt die Themen einer hochpolitischen Autorin, die auch dem deutschen Publikation als engagierte, streitbare Journalistin (vgl. Freitag 44/2004) nicht gänzlich unbekannt ist. Baydar behandelt die Probleme eines zwischen Tradition und Moderne oszillierenden Landes, dessen Bewohner ein Leben zwischen Alltag und Terror führen, überschattet vom allgegenwärtigen Kurdenkonflikt. Eine klassische Rahmenerzählung hält wie in einer Momentaufnahme die Situation des ganzen Landes fest - gespiegelt am Schicksal einer Familie. Ömer Eren, der Vater dieser Familie, ist ein geachteter türkischer Schriftsteller und kritischer linker Intellektueller, der jedoch von einer Schreibkrise geplagt wird und das unbestimmte Gefühl hat, mit seinen letzten, von der westlichen Postmoderne inspirierten Texten alte aufklärerische Ideale verraten zu haben: "Ich hatte die Worte aufgebraucht. Ich nutzte die Begriffe ab, verschliss sie, entleerte sie ihrer Bedeutung. Worte, die leer sind, deren Seele zerstört ist, vergammeln." Seine Frau Elif dagegen ist Naturwissenschaftlerin und als Professorin für eine hohe akademische Auszeichnung vorgeschlagen worden. Ihr Sohn Deniz, ein anerkannter Fotojournalist und Kriegsberichterstatter, hat nach einem Attentat, bei dem seine Frau umgekommen ist, den Job quittiert und sich nach Norwegen zurückgezogen, wo er auf einer kleinen Insel mit dem gemeinsamen Kind lebt.

Das ist die Ausgangssituation, als Ömer auf einem Busbahnhof in Ankara Zeuge eines Anschlags auf eine junge Frau wird und spontan beschließt, nicht nach Hause zu seiner Frau zurückzukehren, sondern sich statt dessen um die junge Frau zu kümmern (wie sich herausstellt: eine Kurdin). Das geht soweit, dass er nicht nur für die medizinische Versorgung des Mädchens sorgt und sich um die Unterbringung ihres Freundes, eines PKK-Kämpfers aus den Bergen, kümmert, sondern sich sogar in die Heimat der beiden aufmacht, wo er eine kurze, aber intensive Affäre mit einer Apothekerin hat, um am Ende dann doch nach Hause zu reisen, wo Ehefrau und Schreibtisch auf ihn warten. Durch die politischen Wirren, die undurchsichtige Lage in den Bergen Südostanatoliens, und die existentielle Herausforderung durch die schöne Fremde ist einiges bei ihm in Bewegung gekommen, und Ömer glaubt wieder, die "richtigen Worte", seinen angemessenen Ausdruck, finden zu können. Der Kreis schließt sich: "Ich suchte ein Wort, ich hörte eine Stimme. - Einem Schrei hinterher reiste ich in die Ferne. - Dass die Stimme, die ich hörte, die Stimme des Schmerzes war, der aus Gewalt entsteht, wusste ich nicht, ich lernte es. - Ich folgte jener Stimme, ich fand das Wort. - Ich habe wieder ein Wort zu sagen."

Während Ömer seine Erweckung im Osten erfährt, begibt sich seine Frau Elif, zur gleichen Zeit in den Westen. Sie reist nach Norwegen, nicht zuletzt um die Lebenssituation ihres Sohns besser kennenzulernen, der dort mit Schwiegereltern und seinem Kind unter kargen Bedingungen haust. Doch die Entfremdung, die zwischen den Schwiegereltern und Elifs Sohn herrscht, dem diese - in Verkennung von Deniz Traumatisierung - Antriebslosigkeit und fehlenden Ehrgeiz vorwerfen, beginnt sich erst aufzuklären, als die Mutter schon wieder auf der Rückreise in die Türkei ist. Sie erfährt, dass auch das vermeintliche Insel-idyll von rechter Gewalt heimgesucht worden ist. Neonazis haben nämlich das Haus des "Fremden", des Türken, angezündet.

Dritte Handlungsebene eines von alternierenden Erzählerstimmen getragenen Romans, ist schließlich die komplexe Geschichte des kurdischen Pärchens Mahmut und Zelal, die, auf der Flucht vor Terror, Aggression und eingegangenen blutigen Verpflichtungen, in der Großstadt von der eigenen Vergangenheit und Herkunft wieder eingeholt werden. Auf Zelal wird im Krankenhaus ein weiterer Anschlag verübt, dem jedoch ein anderer Mensch zum Opfer fällt. Und Mahmut trifft auf Terroraktivisten von früher, die ihn an alte Schwüre erinnern. Was soll er tun? Wie soll er sich entscheiden? Wie kann man Rationalität und Glauben miteinander verbinden? "Wer fragt, verliert seinen Glauben", will es ihm scheinen. "Je mehr einer seinen Glauben verliert, desto mehr fragt er. Wer fragt, dem zittert die Waffe in der Hand. So wie meine Hand hier zittert. Sie wird noch mehr zittern, wenn das Startsignal eingeht." Das weitere Schicksal der beiden bleibt indes offen: gelingt ihnen die Flucht, kommen sie um oder bringen gar andere um?

Baydar gestaltet ein gewaltiges Gegenwarts­panorama der Türkei als eines Landes, das von tiefen Widersprüchen und einer latent bedrohlichen, aber auch immer wieder manifest gewalttätigen Atmosphäre beherrscht ist. Sie beschreibt eine Gesellschaft, deren linke, aufgeklärte Intellektuelle um die Adaption an den Westen bemüht und zugleich von ständigen Selbstzweifeln geplagt sind; eine Gesellschaft, in der Terror von links und rechts gleichermaßen die Straßen bedroht; eine Gesellschaft auch, die um Selbsterkenntnis und - verständigung in Literatur und Kunst ringt.

Angesprochen auf ihre politische Biographie als türkische Achtundsechzigerin äußert sich Oya Baydur folgendermaßen: "Ich habe mich nicht von meiner linken Identität losgesagt. Ich versuche immer noch, etwas für die Welt zu tun. Ich habe meine Worte nicht verloren, und Gott sei Dank ist mein Herz nicht ausgetrocknet, aber ich verstehe, wie er [Ömer Eren] fühlt. Der einzige Unterschied ist, dass ich mich nicht dem Gefühl der Leere ausliefere." Und das merkt man auch, denn durch alle Zeilen ihres Romans schillert das vermeintlich antiquierte Dreigestirn Realismus-Humanismus-Parteilichkeit.

Oya Baydar Verlorene Worte. Roman. Aus dem Türkischen von Monika Demirel. Claassen, Berlin 2008, 455 S., 22,90 EUR

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