Kommentar zum 9. November 2019

SOS! Verlogenheit verdrängt Trauerarbeit und Suche nach Alternativen
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Es wurde mir gestattet am Katzentisch des "Freitag" meine unmaßgebliche Meinung zum 9. November 2019 zu schreiben. Damit ist die Gewähr gegeben, dass die Leserschaft so gering wie möglich ist, aber der "Freiheit des Wortes" wurde, aufgrund dieser repressiven Toleranz, formal stattgegeben. Die Ehre, mich in der on-line Ausgabe oder gar in der Printausgabe zu äußern, wurde mir nicht zuteil, obwohl ich bereits etliche Bücher, Artikel und Texte, seit Anfang der 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts veröffentlicht habe: zur deutsch-jüdischen und zur politischen Geschichte, aus der Sicht von vielen Zeitzeugen, zu denen auch ich gehöre.

Für mich sind die, mit gewaltigem politischem, medialen, prominenten, personellen und finanziellen Aufwand, betrieben Feierlichkeiten zum "runden" Geburtstag des 9. November, an Verlogenheit kaum zu überbieten. Dagegen waren die, gleichfalls verlogenen, Feierlichkeiten zur Oktoberrevolution oder zur Gründung der DDR, geradezu bescheiden.

Warum?

Meine Begründung lautet: weil damit die ununterbrochenen politischen, sozialen und ökologischen Dauerkrisen und Dauerkriege der westlichen Welt, insbesondere seit 1989, vergessen gemacht und der angebliche Sieg über eine sozialistische Gesellschaftsentwicklung gefeiert werden soll. Das alles erinnert mich an "Brot und Spiele" im untergehenden römischen Reich.

Was gibt es am 9. November zu feiern? Sollte dies nicht eher ein Gedenk- und Trauertag sein? Verhindern nicht diese Jubelfeiern gerade die notwendige Trauerarbeit, aus der erst bessere Gesellschaftslösungen hervorgehen können?

1. Ein Erinnern an die Novemberrevolution von 1918, nach dem vom kaiserlichen Deutschland hautpsächlich verursachten, verbrecherischen Ersten Weltkrieg, mit 20 Millionen Toten? Jene Revolution, die blutig niedergeschlagen wurde und in die krisengeschüttelte Weimarer Republik mündete, die ihrerseits im Faschismus unterging, weil sich Sozialdemokraten und Kommunisten, von Anfang an, zerfleischten ?

2. Ein Erinnern an das antijüdische Novemberprogrom von 1938, ein Jahr vor Ausbruch des verbrecherischen Zweiten Weltkrieges, der wieder von deutschem Boden ausging, mit 50 Millionen Toten? Ein Progrom, das den blutigen, femdenfeindlichen Auftakt bildete, um nicht nur 6 Millionen Juden zu ermorden, sondern auch Millionen Menschen auf der ganzen Welt, einschließlich der deutschen Bevölkerung, die auch damit, in den eigenen Untergang gerissen wurde?

3. Schließlich das Erinnern an den 9. November 1989, der, aus meiner Sicht. keine Revolution war, sondern der Auftakt zu einer Kontarevolution. Jedenfalls für jene Millionen Menschen auf der Welt, die seit vielen Jahrzehnten ersthaft um eine sozialistische Gesellschaftsentwicklung rangen, die aus universeller Rückständigkeit und antimperialistischen Revolutionen entsprang und 1989 an innerer Schwäche und Reformunfähigkeit zugrunde ging, aber auch an der universellen Übermacht des globalen Kapitalismus. War die Mauer nicht auch ein Ergebnis des verbrecherischen faschistischen Weltkrieges, gerade um eine solche erneute, imperiale Entwicklung und deren Ursachen zu verhindern?

Denn in welcher Lage befindet sich die Welt heutzutage?

Der erneut globalisierte Kapitalismus hat unzählige imperiale Kriege seit 1989 hervorgebracht, um sein Gesellschaftssystm der Profitmaximierung, insbesondere für wohlhabende Minderheiten und Oligarchen wieder weltweit, durch Regime - Change - Kriege, zu ethablieren. Millionen Menschen starben oder sind deshalb auf der Flucht, auch nach Europa und die Kriegsverwüstungen sind unüberschaubar geworden. Das System der Profitmaximierung und seine Protagonisten wehren sich mit ihrem Geld, mit allen Köpfen, Händen und Füßen gegen den Ausbau der sozialen Sicherungssysteme, gegen progressive Steuern und stetzen lieber auf Hochrüstung und Kriege zur Wahrung ihrer Interessen. Die ökologische Krise, die dieses Wirtschafts- und Konsumsystem hervorbringt, gefähret inzwischen das gesamte, menschliche und natürliche Leben auf der Erde. Die bürgerliche Demokratie erweist sich als eine manipulierte Scheinvolksherrschaft, wenn sie von solchen Typen, wie Trump, Johnsen, Erdogan oder Orban oder vielleicht demnächst auch von März regiert werden. Der Nationalismus und Fremdenhass, zu dem auch der Antisemitimsu gehört, sind weiterhin auf dem Vormarsch und das gesamte linke Spektrum ist weiterhin zerstritten und ohne glaubwürdige Vorkämpfer und umsetzbare Visionen, weil es bisher unfähig ist, aus ihrem dreifachen Scheitern im November 1918, 1938 und 1989, ein historisch neues, gemeinsames Geschichtsbewusstsein zu entwickeln.

Die Medienarbeiter machen in der Regel bei diesem Wahnsinn mit, werden sie doch von Leuten finanziert, die immer noch an diesem Verbrechersystem partizipieren. Oder vergeht irgendein Tag, an dem uns nicht Hiobsbotschaften von neuer Kriminalität, Morden, Korruption, Firmenzusammenbrüchen, sozialen und ökologischen Krisen und Kriegsverbrechen, von Nationalisten und faschistoiden Rechtsradikalen überschwemmen? Wo aber ist dagegen der Aufschrei in den Medien und die tiefere Ursachenerforschung sowie die ernsthafte Suche nach Alternativen gegenüber dieser apokalyptische Spirale der globalen Gewalt, in dieser, sich immer noch jubelnd feiernden, westlichen Welt, etwa an diesem geschichtsträchtigen 9. November 2019 ?

Wolfgang Herzberg www.wolfgangherzberg.de

13:53 09.11.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Wolfgang Herzberg

Politischer Publizist, Autor biografischer Zeitzeugen- Interviewbücher aus der DDR, Rock- und Liedtexter, Lyriker
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