"Friedhof der Namenlosen" (FREITAG 11/2019)

Der Weg der Erkenntnis: Das Lesen dieser Reportage weckt in mir die Erinnerung an ein lange zurückliegendes Gespräch mit meinem Vater. Seine Briefe geben Zeugnis der inneren Wandlungen.
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Nein, mit meinem Vater habe ich nicht oft über seine Erinnerungen an Krieg & Gefangenschaft gesprochen, über die sieben Jahre seines Lebens, die er von 1941 bis 1948 damit verband. Mit zunehmendem Alter wurden diese Gespräche sogar immer seltener.

Als ich jetzt in der Ausgabe 11/2019 des FREITAGs den Artikel "Friedhof der Namenlosen" las, fiel mir jedoch einer dieser seltenen Moment wieder ein.

Es war Frühling und als etwa 12-jähriger Junge musste ich meinem Vater beim Umgraben im Garten helfen. Vielleicht waren es diese Gelegenheiten der Zweisamkeit, der Nähe und des monotonen Arbeitens, die bei den Männern der Kriegsgeneration die bedrückenden Erinnerungen hervorbringen und sie sich gegenüber ihren Kindern zu öffnen vermochten. An seinem linken Ellenbogen kam unter dem hochgekrempelten Hemd eine Narbe zum Vorschein. Auf meine Frage hin, woher diese denn stamme, erzählte er mir von seiner Verwundung, die er als Artilleriebeobachter während der Belagerung von Leningrad erlitt.

Auf meine etwas später nachfolgende Frage hin, ob und wenn ja was er denn von der Vernichtung der Juden, Russen... mitbekommen hätte, erzählte er mir von einem Bahngleis in Bergen / Niedersachsen.

Sie waren im Dezember 1941 als Artillerie-Ersatz-Batterie von ihrer Kaserne in Göttingen aus zum Gefechtsschießen auf den Truppenübungsplatz nach Bergen gefahren und standen mit dem Zug auf einem der Gleise. Als ein Zug mit russischen Kriegsgefangenen einfuhr, schnippten seine Kameraden ihre Zigarettenkippen auf den benachbarten Gleiskörper. Waren sie belustigt, nachdenklich, betroffen oder insgeheim entsetzt, wenn sie zusahen, mit welch verzweifelten Energie sich die Kriegsgefangenen auf diese Kippen stürzten?
Für den 19-jährigen Vater war es wohl eine Erinnerung, die haften blieb und seinem Sohn mitgeteilt wurde.

In einem seiner Feldpostbriefe ist zu lesen:

„Bergen, 7.12.1941
… Trotzdem er und der Leutnant empfohlen hat, Land und Leute kennenzulernen. Aber das Land kennen wir zumeist sehr gründlich und für die Leute reicht ein Nachmittag auch nicht aus. Dann sollten wir uns das Russengefangenenlager von weitem betrachten. Die liegen unter freiem Himmel außerdem ... Flecktyphus. …

Viele Jahre später - als mein Vater den Krieg auf der Krim, vor Leningrad und in Oberitalien überlebt hatte - schrieb er aus der englischen Kriegsgefangenschaft an seine Eltern:

" Fanara (Ägypten) , 22.06.1947
... Der einzige Weg, um diese Dinge (Krieg & Zerstörungen) zu verhüten, ist fremde Völker kennenzulernen. Denn dann verstehen wir, dass wir nur Mittel sind, Werkzeuge in den Händen anderer. Nationen, Stolz und Gefühl - leere Worte und trotzdem peitschen diese Worte Millionen auf ..."

Vielleicht war es auch Scham, die meinen Vater in den Folgejahre so einsilbig werden ließ.

Von einer Reise in den 80er Jahren mit dem ‚Freundschaftszug‘ nach Moskau / Leningrad kehrte er erleichtert zurück: Die Freundlichkeit und herzliche Gastfreundschaft, mit der ihm die russischen Menschen dort begegnet sind, hatten ihn tief berührt.

12:56 14.03.2019
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