Von der Schrift zum Bild

Ausstellung Warum man Bilder lesen sollte: Das Schlossmuseum in Murnau zeigt eine Ausstellung, die den Einfluss Japans auf die Kunst der Maler des "Blauen Reiter" anschaulich macht

Es ist bekannt, dass der Aufbruch in die künstlerische Moderne vor 100 Jahren sich im Medium des Exotismus vollzog. So stößt uns die neue Murnauer Ausstellung, die dem Japonismus in der oberbayerischen Schmiede der expressionistischen Moderne nachspürt, zunächst einmal auf die Tatsache, dass sich die verbreitete Japanbegeisterung nach Mitte des 19. Jahrhunderts kolonialer Gewalt verdankte, die das nach außen abgeschlossene Reich für den Westen öffnete. Eroberung, kulturelle Ausbeutung und Aneignung gingen auch hier Hand in Hand.

Welche von der westlichen Tradition abweichenden Stilmittel die Münchener Moderne bei den Japanern für ihre Zwecke fand, notiert die Schau gleich zu Beginn des Rundgangs, darunter die Überschneidung und Verkürzung der Motive, hart aneinandergefügte Flächenaufteilung, das Spannungsverhältnis zwischen bemalter und leerer Bildfläche, eine antinaturalistische Farbgebung und die Dezentralisierung des dargestellten Motivs.

Auf dieser Spur hält Murnau eine Reihe von verblüffenden Einsichten bereit, und das nicht nur, was die hier erstmals nachgewiesene Verbreitung von japanischer Kunst in den Nachlässen fast aller um die „Blauen Reiter“ versammelten Künstler angeht. Von Kandinsky sind ein paar zauberhafte Blätter aus den Jahren 1906/07 zu sehen, da er nach Technik und Format mit dem japanischen Holzschnitt experimentierte. Gabriele Münters Herbstabend (1907) legt über den Vordergrund des Bildes eine scherenschnitthafte Baumreihe, durch deren Blattwerk der hellere Hintergrund wie ein Reigen von Fabelwesen erscheint.

Wunsch nach Entzifferung

Die über den Bildrand hinausreichende Baumreihe als Mittel der grafischen Strukturierung des Bildes, wandert, so macht der Katalog plausibel, von den Japanern über die Franzosen etwa zu Marianne von Werefkin. Die Stilisierung der Tierkörper, bis hinein in die vertrauten Kopfhaltungen der Pferde und Rehe, findet Franz Marc – so legen es die Fundstücke nahe – in der ostasiatischen Kunst vorgebildet.

Doch wäre die Ausstellung zu billig gehandelt, würde sie auf das Aufdecken einer weiteren Einflusslinie im Prozess der ästhetischen Moderne reduziert werden. Auf den japanischen Blättern sind häufig Schriftzeichen. Hier, an dieser gemalten Schrift, sticht erst ins Auge, dass das Bild die Fortsetzung der Schrift mit anderen Mitteln ist. Hier werden die großen Geschichten erzählt, Mythen, die die Naturdarstellungen, die Figuren und die Tiere aufladen. Auch das haben die Modernen geerbt. Über die Ambivalenz der mythischen Erbschaft der Moderne ist viel geschrieben worden, bis dahin, dass das Kind mit dem Bade ausgeschüttet und so getan wurde, als führe diese Kryptogeschichte des „Geistigen in der Kunst“ direkt ins „tausendjährige Reich“.

Nicht wenige Werke der Moderne, man denke nur an Klee, vollziehen eine Wiederannäherung von Malen und Schreiben, Sehen und Lesen. Die Bilder überwältigen nicht mit einem Schlag, sondern wollen entziffert werden. Im Fortleben des Mythischen zeigt sich überraschend ein demokratischer Zug: Mit den Augen über ein Blatt zu wandern, dokumentiert die Zugänglichkeit und Nachvollziehbarkeit von dem, was schwer zu verstehen ist.

Die Maler des Blauen Reiter und Japan. Schlossmuseum Murnau. Bis 6. November. Der Katalog kostet 24

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