Vor hundert Jahren in Murnau

Ausstellung Das renommierte Schlossmuseum Murnau traut sich aufzutrumpfen und die Entstehung der Moderne mit dem kleinen, malerisch unweit des Staffelsees ...

Das renommierte Schlossmuseum Murnau traut sich aufzutrumpfen und die Entstehung der Moderne mit dem kleinen, malerisch unweit des Staffelsees gelegenen, oberbayerischen Ort zu verknüpfen. Denn hier führten die beiden Künstlerpaare Wassily Kandinsky und Gabriele Münter beziehungsweise Alexej von Jawlensky und Marianne von Werefkin jene legendären Studien mit Pinsel und Wort, die um das Jahr 1908 binnen weniger Monate den Umbruch vom Spätimpressionismus zum Expressionismus entscheidend vorantrieben. Manchem mag die touristische Vermarktung des "Blauen Reiter" mittlerweile auf die Nerven gehen: Muss schon auf der Autobahn hinter Penzberg das "Blaue Land" angekündigt werden? Und doch hat die Stadt ihr Recht: Die einmalige Garküche der Moderne ist, neben der Nähe zu München und gespeist durch den Exodus der russischen Avantgarde, ohne die Besonderheit der Voralpenlandschaft nicht vorstellbar.

Unter dem Titel 1908/2008. Vor hundert Jahren. Kandinsky, Münter, Jawlensky, Werefkin in Murnau sieht man von den nämlichen Vieren manches zum zweiten oder dritten Mal, das aus den Murnauer und Münchener Beständen stammt, anderes verdankt sich den guten Kontakten der Direktorin Brigitte Salmen zu Museen und vor allem zu privaten Sammlern. Doch eine Schau aus Anlass eines 100-jährigen Rückblicks erschöpft sich nicht in exzeptionellen Einzelstücken. Zu beobachten ist das ständige Hin und Her der Techniken und Ansätze: Der bewusste Rückgriff auf die von der Murnauer Viererbande begeistert entdeckten Domänen der Volkskunst, besonders die Hinterglasmalerei, bringt etwa stete Schübe der Vereinfachung hervor, die in raffinierterer Pinselführung und feineren Farbabstufungen wieder zurückgenommen werden.

Komposition ist ein großes Thema, nicht nur bei Kandinsky, der den programmatischen Titel später vielfach verwendet hat. Bei Marianne von Werefkin sind die Bilder immer wieder aus zwei Farbfeldern zusammengesetzt, thematisch motiviert als Vorder- und Hintergrund. Im Falle von Herbst (Schule) (1907) stehen sich Grün-Rosa und Blau-Orange, bei Biergarten aus demselben Jahr Blau und Rot mutig gegenüber. Die landschaftlichen Objekte erscheinen in vielen Bildern Kandinskys, aber auch in Jawlenskys Landschaft - Murnau von 1909 als Ausdifferenzierungen großer Farbfelder, die das gesamte Bild strukturieren. Die aus Munchs Bildern bekannte "forcierte Perspektive", die bei Werefkin etwa als vereiste Straße in Der Krämer häufig die Farbfelder verbindet, holt die Darstellung nur scheinbar ins Räumlich-Gegenständliche zurück - sie zieht das Auge vielmehr magisch zum Fluchtpunkt des gesuchten neuen Sinns der Dinge.

Die Forschung vermag inzwischen - ein weiteres Mal beweist das der Beitrag des Jawlensky-Spezialisten Bernd Fäthke im Katalog - nahezu jeden Schritt nachzuvollziehen, den die Wegbereiter des "Blauen Reiter" in den Jahren um 1908 gegangen sind. All die spannenden Fragen, wer wen womit beeinflusst hat, von wem diese oder jene Wendung zu einer neuen Technik ausging, welche Reisen, natürlich nach Paris, wann stattfanden können mit immer größerer Detailgenauigkeit beantwortet werden. Doch kann sich der Rückblick auf die Moderne letztlich darin erschöpfen?

Der offenen Fragen wären viele, vor allem zu den Schattenseiten der Moderne. Die christlich-mystischen Masken Jawlenskys etwa, in denen seine Kunst in den dreißiger Jahren resultierte, zirkulieren um die Welt - persönliche Flucht oder konsequente Fortsetzung einer mystizistischen Linie, die in dem Unternehmen schon damals angelegt war? Eine Expressionismusrezeption, die sich dem Verdacht entziehen will, nur gelehrt-museale Begleitmusik zum anhaltenden Boom seiner klassischen Werke am Kunstmarkt zu sein, darf sich nicht scheuen, die Bezüge herzustellen, die solche Frage umreißen. Nur so kann die experimentelle Offenheit, in die sich der "Blaue Reiter" begab, als Aufforderung verstanden werden, aktuelle Entsprechungen zu suchen.

1909/2008 Vor hundert Jahren. Kandinsky, Münter, Jawlensky, Werefkin in Murnau. Bis 9. November, Schlossmuseum Murnau, Katalog 24 E

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