Im Deutschkurs: Prekariat trifft Prekariat

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„Lernt's gscheit Deitsch!“ - Die Integrationsdiskussion in Österreich ist beherrscht von den Vorgaben des rechten Populismus. So definieren alle Parteien ihre Positionen fast ausschließlich in Hinsicht auf die Slogans der FPÖ und seiner Nachgeburt, dem BZÖ. Und ebenso wie diese sind sie sich darüber einig, dass das Erlernen der deutschen Sprache einer der Schlüssel zur Integration von Ausländern in Österreich sei. Nachdem die FPÖ in den vergangenen Wahlkämpfen auf ihren Plakaten landauf, landab Deutschkurse gefordert hat, sprießen diese nunmehr so wie die hundert Blumen, die Mao-Tse-Tung ehedem in China hat blühen lassen wollen. Nur wetteifern dabei keine hundert Schulen, sondern einige große Anbieter teilen sich österreichweit im wesentlichen den angebotenen Kuchen der Integrationskurse und Maßnahmen des Arbeitsmarksservices (AMS). Für sie ist die Integration ein Geschäft, das recht einträglich ist.

Wenig zu hören ist im öffentlichen Integrations-Palaver aber etwas darüber, was in diesen Kursen passiert, und wie die sprachlichen Fähigkeiten vermittelt werden, die die MigrantInnen zu gut integrierten BürgerInnen machen sollten.

Und überhaupt nicht in den Blick der Öffentlichkeit gerät, wer diese Arbeit verrichtet: die SpezialistInnen, sehr gut qualifizierte und mehrfach zertifizierte Trainerinnen und Trainer, die jeden Tag für die Integration der MigrantInnen arbeiten, denen sie allerdings wenige Monate später beim AMS wieder begegnen könnten: als Klienten der Berater.

Kaum eine intellektuelle Tätigkeit hat in Österreich nämlich eine so geringe gesellschaftliche Anerkennung und einen so miserablen Stand. Die Vielzahl der Deutsch-TrainerInnen ist seit 15 Jahren ein Paradebeispiel dafür, wie akademisches Wissen entwertet wird und wie den Menschen prekäre Lebens- und Arbeitsverhältnisse aufgezwungen werden.

Es scheint dabei ein landläufiges Vorurteil darüber zu bestehen, dass es genüge, seine Muttersprache halbwegs zu beherrschen, um Erwachsenen diese Sprache beibzubringen. Im Kursraum ein Deutschbuch vorzulesen und dann Grammatikübungen zu kontrollieren, damit lässt sich allerdings eine Sprache nicht weiter geben. Hören, Sprechen und die Phonetik so alltagsnah und variantenreich wie möglich zu vermitteln, gehört ebenso dazu wie der interkulturelle Austausch und das Erlernen von Verständnis und Toleranz.

Daher sind die formalen Kriterien, die an das Personal angelegt werden, mittlerweile tatsächlich hoch. Universitätsausbildung ist gefragt, interkulturelle Kompetenz, langjährige Erfahrung, Zusatzausbildungen, Diversity- und Gender-Zertifikate.

In der Regel sind diese hochqualifizierten FachtrainerInnen dann aber gezwungen, sich als „freie DienstnehmerInnen“ zu verdingen, oder mit anderen Worten, als „Neue Selbstständige“, deren einzige Freiheit darin besteht, ihre Steuern in eigener Verantwortung abführen zu müssen und sich selber um das Zustandekommen der nächsten Kurse kümmern zu dürfen.

Und selbst die wenigen, die zumindest zeitweise angestellt sind, wie es das AMS seit 2009 vorgibt, erzielen dabei kein existenzsicherndes Einkommen, sondern sie müssen noch zusätzlich an anderen Instituten arbeiten. 10 Stunden Unterricht pro Tag, fünf Mal pro Woche, sind dabei keine Seltenheit. Der Grund dafür liegt unter anderem darin, dass der entsprechende Kollektivvertrag keine der Qualifikation entsprechende Eingruppierung vorsieht, so dass schlussendlich ein Nettolohn von selten mehr als zehn Euro pro Stunde herauskommt.

Integration ist ein Geschäft, aber in erster Linie für die Kursanbieter, und weil es ein gutes Geschäft sein soll, wird am Personal gespart. So wird seit langem eine Personalpolitik des hire-and-fire betrieben, die unter anderem automatisch zu Lasten der Qualität der ausgelobten Dienstleistung geht. Es sind möglichst viele TeilnehmerInnen durch eine Maßnahme zu schleusen. Ist diese nach ein oder bestenfalls zwei Jahren beendet, schickt man das Personal wieder heim und lukriert nach (politisch gesteuerter) Marktlage die nächsten Maßnahmen. Ist das neue Angebot fertig arrangiert, erst dann wird das neue Personal auf dem erzwungenermaßen sehr flexiblen TrainerInnen-Arbeitsmarkt zusammengesucht.

So ist nicht nur personell kaum Kontinuität vorhanden, entsprechend wenig Unterrichtsmaterial findet sich in den TrainerInnenzimmern, es besteht geringer Spielraum für die Entwicklung passender didaktischer Konzepte, etwa für den häufigen Fall, dass einige TeilnehmerInnen kaum jemals eine Schule gesehen haben, im Kurs aber mit KollegInnen zusammen sitzen, die in ihrem Herkunftsland ein Universitätsstudium absolviert haben, das übrigens in Österreich in der Regel nicht anerkannt wird.

Dann hängt es – neben der Kompetenz und der Erfahrung - vom persönlichen Engagement und Idealismus der TrainerInnen ab, wie schön die individuellen Fähigkeiten der TeilnehmerInnen aufblühen können. Nicht wenige TrainerInnen müssen nach zwei bis drei Jahren strukturell bedingtem Dauerstress längere Pausen einlegen, weil sie innerlich auszubrennen fürchten, oder weil sie bereits ein Burn-out haben. Die Kosten dafür – und die Folgekosten der unterrichtsfreien Zeit - tragen sie selbstverständlich selbst. Denn an einer professionellen Supervision war ebenfalls gespart worden.

Offensichtlich sind diese Hunderte von Deutschkurs-Maßnahmen ohne eine wirkliche gesellschaftliche und integrative Zielsetzung konzipiert, was die TeilnehmerInnen, aber auch, was die Unterrichtenden betrifft. Unklar ist, ob das geforderte Österreichisches Sprachdiplom tatsächlich einen Schritt zu mehr Integration leistet, solange so viele Wirtschaftsbranchen davon leben, dass sie jederzeit auf einen vollen Arbeitsmarkt billiger und flexibler Arbeitskräfte zurückgreifen können.

Das gilt ebenso für den Arbeitsmarkt der ErwachsenenbildnerInnen. Würde die Politik und die Sozialpartner Integration wirklich als eine permanente Aufgabe in der Gesellschaft ansehen, so müssten sie nicht nur diese „freien“ Arbeitsmärkte endlich regulieren, sondern auch einen offenen Dialog darüber beginnen, welchen Stellenwert die Arbeit der Integration hat.

07:52 12.05.2010
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Geschrieben von

wienerblut

Ein umherschweifender Produzent, aus Deutscland kommend, der seit Jahren in Wien lebt und leidet.
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