Österreichische Fantasmen und der Kampf um Wien

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Montag, Dienstag, Mittwoch ..., ich sitze in der zweiten Garnitur der Linie U-6, die am frühen Morgen in Wien unterwegs ist. "Der Mensch ist ein Gewohnheitstier", dieser Ausspruch von Nietzsche geht mir jedes Mal durch den Kopf, wenn ich einsteige. Die gleichen Gesichter jeden Morgen, deren Augen irgendwohin in die Dunkelheit starren, die hinter den Fenstern herrscht, es ist noch Winter.
Ja, verehrter Friedrich Nietzsche, wir werden zu diesen Gewohnheitstieren gemacht. Die ersten Schichten beginnen zumeist um 6 Uhr, in der U-Bahn sitzen Reinigungskräfte, Lagerarbeiter, Staplerfahrer, Regalbetreuer - ohne die kein Geschäft morgens aufsperren könnte. Und die Verkehrssprache ist zumeist ein einfaches Deutsch, oder eine Sprache aus Osteuropa - wenn überhaupt schon jemand Lust hat, sich um diese Zeit zu unterhalten.
Auch ich bin auf dem Weg zu meinem ersten Job am Tag, bei IKEA im Lager. Drei Stunden lang befüllen unsere magischen Hände die Regale, positionieren Paletten oder wuchten Möbelteile in überdimensionale Regalplätze.
Oft wünsche ich mir, dass die ganzen populistischen Sprücheklopfer, die in Österreich die politische Szenerie beherrschen, hier mitfahren. Nicht, um zu sehen, wie fleißig die Ausländer im Grunde genommen sind, sondern um darüber nachzudenken, warum so wenig Österreicher hier sitzen.
Dann erinnere ich mich an eine Taxifahrt. Ich wohne in einem Ausländerbezirk, in Ottakring am Brunnenmarkt. Je näher der Fahrer in dieser Nacht zu meinem Haus kam, umso lauter und aggressiver wurde unser Gespräch. "Bald ist es so weit: Die Türken übernehmen die Macht in unserem Land", schimpfte er. Ohne Grund war er so wütend geworden, ich wollte gar nicht politisieren, ich hatte ihm nur erzählt, was mir an Wien gefällt. Doch statt Staatsoper und Sissi nannte ich meine Wohngegend, den Brunnenmarkt. Und das konnte er nicht ertragen. Schließlich hielt er einfach an und ich stieg wortlos aus. Er konnte nicht mehr ertragen, dass ich nicht mithaßen wollte.

Seit mehr als 20 Jahren macht die rechts-populistische Propaganda die Ausländer, die in Österreich leben, zum Skandalthema. Diese Parteien bekommen damit nicht nur Wählerstimmen (momentan fast ein Drittel), sondern sie haben ein Fantasma kreiert. Dass die Ausländer das kleine Österreich kassieren wollen. Dabei gehen diese nur ihrer Arbeit nach und versuchen, sich und ihre Familie zu ernähren. Und für später haben sie vielleicht etwas Geld gespart, oder sie bauen irgendwo ein Häuschen.
Gegen Fantasmen helfen keine Argumente und keine Statistik kann die Gemüter zur Vernunft bringen. Wahrscheinlich wird auch keine U-Bahn Fahrt am frühen Morgen die Augen öffnen. Denn bald werden wieder Wahlplakate an den Straßenrändern zu finden sein. Die rechtspopulistische FPÖ und ihr Führer H.C. Strache haben bereits die "Schlacht um Wien" ausgerufen. Landtagswahlen stehen in diesem Jahr an.
Was wird in den Köpfen meiner Mitfahrer vorgehen, wenn sie wieder lesen, dass die Ausländer das größter Problem der Stadt Wien sind?
Wie lange kann man das eigentlich ertragen? Und wie? - Station Philadelphiabrücke. Ich muss aussteigen, die Rolltreppen hoch laufen, um die Badener Bahn zu erwischen, die uns zu unseren Arbeitsplätzen in der Shopping City bringt.
Meistens hier geben wir uns kurz mit Augenkontakt zu verstehen, dass wir die anderen bemerkt haben, die jeden Tag den selben Weg zurücklegen: Ein Augenblick der Solidarität.

20:53 12.02.2009
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Geschrieben von

wienerblut

Ein umherschweifender Produzent, aus Deutscland kommend, der seit Jahren in Wien lebt und leidet.
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