Andrej Kurkov - Graue Bienen

Buchkritik Ein Roman über das Leben in der Grauen Zone zwischen den Stellungen der ukrainischen Armee und den Separatisten aus Russland
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Andrej Kurkov wurde 1961 im Oblast Leningrad geboren und lebt seit frühester Kindheit in Kyiv. Er schreibt seine Romane auf Russisch und bezeichnet sich selbst als Russe. Und als Bürger der Ukraine. 2018 erschien in der Ukraine der Roman "Graue Bienen", der am 1. August 2019 im Diogenes-Verlag in deutscher Sprache veröffentlicht wurde. In Rezensionen las ich, dies sei ein Buch über einen Helden, der gelernt hat, sich mit den Umständen und den Krieg zu arrangieren.

Kurkovs Romanfiguren existieren tatsächlich. Sein 2012 veröffentlichter und 2014 ins Deutsche übersetzter Roman "Jimi Hendrix live in Lemberg" hat in der ins Ukrainische übersetzten Ausgabe neuerdings ein Cover, auf dem einer der Hauptprotagonisten abgebildet ist. Wer in Lviv diese ukrainische Ausgabe in den Händen hält und einen Einheimischen fragt, der erfährt etwas über den über die Stadt hinaus bekannten Hippie Alik Olisevych, der ebenso wie die Romanfigur Beleuchter in der Oper in Lviv ist. Auch in diesem Roman ahnt man, nicht nur der ehemalige Bergbauingenieur und Hobbyimker Sergejitsch hat ein reales Vorbild.

Die Hauptfigur Sergejitsch hat sich mit der Einsamkeit der Grauen Zone in seinem Dorf zurechtgefunden und hält seinen Alltag aufrecht. Ebenso der außer ihm letzte verbliebende Dorfbewohner Paschko, den Sergejitsch als seinen "Feindfreund" betrachtet und mit dem er seinen Alltag während des Winters teilt. Während Serhij Zhadan in seinem Roman Internat einen unpolitischen Ukrainischlehrer beschreibt, der seinen 13jährigen Neffen während der Kesselschlacht von Debalzeve aus einem Internat abholt und dadurch in die Kriegswirren gerät, beginnt der Roman von Kurkov im Spätwinter 2016 und beschreibt das Leben in einem erstarrten Frontverlauf.

Der Krieg tobt rund um und über dem Dorf seit fast zwei Jahren. Die beiden seit der gemeinsamen Schulzeit verfeindeten Dorfbewohner Sergejitsch und Paschko sind auf merkwürdige Art und Weise zwischen den Fronten aufeinander angewiesen. Ohne Strom für das Handy ist Sergejitsch auf Paschkos Wanduhr angewiesen und bricht sogar in dessen Haus ein, da sie lange nicht mehr aufgezogen wurde und stehenzubleiben droht. Gemeinsam organisieren sie die Verteilung der Post, als nach einer langen Zeit endlich wieder ein Postauto das Dorf erreicht. Da der letzte Postbote längst verstorben war, übernehmen sie die Aufgabe, den längst geflüchteten Bewohnern die Post in den Briefkasten zu werfen. Sergejitsch in der Leninstraße, Paschko in der Shevchenkostraße. Gemeinsam beschließen sie die Umbenennung der Straßen. Paschko hat engere Kontakte zu den Separatisten, während Sergejitsch sich der Ukrane verbunden fühlt.

Eingedenk der Tatsache, Kurkov verarbeitet real existierende Menschen sowie tatsächliche Ereignisse in seinen Romanen, liest sich ein Roman anders. Hinzu kommt, Leser aus unterschiedlichen Ländern werden Erzählungen aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen anders interpretieren und verstehen. Deutsche, die keinen Krieg mehr kennen, werden den Patriotismus in einem ostukrainischen Dorf im Oblast Zaporizhya befremdlich finden. Insbesondere das Misstrauen gegenüber den Fremdling Sergejitsch irritiert. Liest man Berichte über kriegführende Nationen, so ahnt man, dieses Mißtrauen gab es während des 2. Weltkrieges in der UdSSR, im Deutschen Reich und z.B. während der Ardennenoffensive auch in der US-Armee. Nachdem bekannt wurde, SS-Soldaten bewegten sich in US-Uniform hinter den Frontlinien, mußte selbst General Bradley seinen Ausweis vorzeigen. Das Dorf, in dem Sergejitsch seine Bienenkörbe aufgestellt hat, ist nur 50km von der Frontlinie entfernt. Und beide Seiten arbeiten mit Partisanen im Hinterland. Gänzlich unverständlich ist die Reaktion der örtlichen Bevölkerung nicht.

Sergejitsch wollte nicht wie die Dorfbewohner am Straßenrand auf die Knie gehen, weil er den an der Front gefallenen Soldaten nicht kannte. Ich kenne eine solche Szenerie eher von westukrainischen Dörfern und war überrascht, ein ganzes Dorf empfängt auf diese Art seinen Gefallenen auch im Osten der Ukraine. Genau der Teil des Ostens, von dem man sagt, es sei Novorossija und dort leben hauptsächlich Russen.

Ein Bewohner der Grauen Zone, der zwischen der ukrainischen und der separatistisch-russischen Front wohnt, bekommt nicht mit, was in der Ukraine oder in den besetzten Gebieten passiert. Strom gibt es nicht oder kaum. Sergejitschs Reise auf der Suche nach geeigneten Plätzen für seine Bienen ist daher eine Reise in ihm fremd gewordene Gebieten. Insofern deckt sich Sergejitschs Perspektive zum Teil mit dem des Lesers aus dem Westen, der noch weniger von diesem surreal erscheinenden Krieg versteht.

Eine der für mich beeindruckendsten Szenen ist die, als ein schwer traumatisierter Soldat die Scheiben von Sergejitschs Autos demoliert und ein Dorfbewohner ihn beruhigt und zurückhält. Kurkov beschreibt eine Szene die ich in ähnlicher Form unter weitaus weniger dramatischen Umständen selbst erlebt habe. An einem Nachmittag kehrte ich mit einer Bekannten in Lviv in das Kupitza ein, wo wir gemeinsame Freunde treffen wollten. Am Nachbartisch saßen einige Ukrainer. Einer der Gäste war so betrunken, er konnte nicht mehr alleine stehen und gehen. Eine Szene, die man auch in deutschen Lokalen erleben kann. Was ich mit einem leichten Grinsen quittierte. Einer der Bekannten des Betrunkenen stand auf und erläuterte mir erbost, der Freund habe als Soldat verdammt viele üble Sachen erlebt und es sei nicht angemessen, darüber zu grinsen. Ich hatte den Ausländerbonus, denn er sprach mich auf Englisch an.

Kurkovs Stil ist distanziert und nüchtern. Wenn er Geschichten erzählt, von denen man oftmals ausgehen kann, sie sind real, zwingt er dem Leser keine Ansicht auf. Dennoch glaube ich, Kurkovs eigene Ansichten deutlich erkennen zu können. Sergejitschs demolierter Shiguli läßt ihn an der Grenze zwischen der Ukraine und der Krym als Verfolgten in der Ukraine erscheinen und so wird er auch empfangen. Journalisten sammeln für ihn und wollen seine Geschichte erzählen. Sie paßt nicht, denn er findet sich nicht in die Rolle des von bösen Faschisten Verfolgten ein. Dann besucht er auch noch einen alten Bekannten. Einen Krymtataren, den er vor langer Zeit auf einem Treffen mit Imkern kennengelernt hat. Der Bekannte wurde 2014 ermordet und sein Geschenk mit Altarkerzen verhilft der Staatsmacht, den Sohn zu erpressen, entweder in der russischen Armee zu dienen oder einem ungewissen Schicksal entgegenzusehen. Der vielleicht stärkste Teil des Romans ist die Erzählung über die Krymtataren und über die Methoden der Unterdrückung der russischen Macht auf der Krym. Amnesty International stuft die Menschenrechtsverletzungen auf der Krym als besorgniserregend ein.

In Kurkovs Werken lohnt es sich, die Handlungsorte zu betrachten. Im Roman "Graue Bienen" habe ich nicht alle Orte finden können. Die städtische Siedlung Kuybyshevo existiert aber und es lohnt sich, während des Lesens einen Blick auf die Bilder zu werfen, die im Internet zu finden sind. Der Ort Kuybyshevo erhielt seinen Namen im Jahre 1945, ein Jahr nach der Deportation aller Krymtataren. Bis 1945 hatte dieses Dorf den krymtatarischen Namen Albat, den es aufgrund des Dekommunisierungsgesetzes im Jahre 2016 für die Ukraine auch wieder erhalten soll. Valerian Kuibyshev (1888–1935) war mitverantwortlich für die Zwangskollektivierung in der Ukraine. Kuybyshevo/Albat war jahrhundertelang ein Dorf, in dem fast nur Krymtataren gelebt haben. Seit 1989 und insbersondere in der Zeit der Ukraine kehrten manche Krymtataren wieder in ihre Heimat zurück. Ab Juni 1944 wohnte kein einziger Krymtatare mehr in Kuibyshevo. Etwa 40 Prozent der Krymtataren starb während der Deportation oder in den ersten Jahren danach. Einen kleinen Eindruck über die Verwerfungen des 20. Jahrhunderts erhält man durch die Zusammensetzung der Dorfbevölkerung:

1929: 637 Tataren, 71 Russen, 11 Ukrainer
2001: 48% Russen, 30% Ukrainer, 19,5% Krimtataren

Sergejitsch wird dank seiner Reise ein Beobachter, dessen Welt ungeordnet ist und der als Imker die geordnete Welt seiner Bienen verteidigt. Am Ende wirft er eine Handgranate in eines der sechs Bienenvölker. Eben in jenes, welches auf der Krym zeitweise durch die russische Ordnungsmacht konfisziert wurde. Die Bienen wurden bei der Rückkehr auf das ukrainische Gebiet grau. Wie die Zone genannt wird, in der Sergejitsch wohnt. Die Graue Zone zwischen den Fronten. Dem merkwürdigen Krieg kann er nicht entgehen, auch wenn er sein Heimatdorf verläßt. Aber er kann mit einer Handgranate eines ukrainischen Soldaten die Ordnung in seinen Bienenvölkern wiederherstellen.

Andrej Kurkow - Graue Bienen
Aus dem Russischen von Johanna Marx & Sabine Grebing
Diogenes Verlag, Zürich 2019, 445 Seiten, 24 Euro

00:28 03.06.2020
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