Krieg der Spezialeinheit "Sie sind nicht da"

Ikhtamnety aus Russland Heute vor 6 Jahren wurde der SBU-Mitarbeiter Hennady Bilichenko in Slaviansk ermordet. Der 13. April ist der Beginn des Hybridkrieges gegen die Ukraine.
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Gebetsmühlenartig behauptet der Kreml, Russland wäre nicht am Krieg gegen die Ukraine beteiligt. Es soll sogar Menschen geben, die ihnen Glauben schenken und einen Bürgerkrieg sehen. In der Ukraine spricht man daher von Ikhtamnety ("Sie-sind-nicht-da"). Der seit April 2014 im Osten geführte Krieg bot jedoch von Anfang an hauptsächlich russische Staatsbürger in Führungspositionen:

Alexander Borodai, 1972 in Moskau geboren. Arbeitete ab 1996 für die nationalistisch-stalinistisch ausgerichtete Wochenzeitung Zavtra und übernahm 2014 im Mai den Posten als Premierminister.

Igor Girkin, 1970 in Moskau geboren. Reserveoberst des russischen Geheimdienstes FSB. Im April war Girkin in Horlivka, als das Mitglied des Stadtrates Volodymyr Rybak bestialisch ermordet wurde. Girkin spielte schon eine große Rolle bei der Annexion der Krym, die er bei der Verwirklichung des Traumes Novorossija 2014 wiederholen wollte.

Vladimir Antyufeyev. 1951 in Novosibirsk geboren. Anfang der 90er in Riga war als Offizier der OMON beim Versuch beteiligt, die lettische Unabhängigkeitsbewegung niederzuringen. Ende 1991 zog es ihn nach Transnistrien, ein von Russlands Gnaden abtrünniges Gebiet. Bis 2012 fungierte Antyufeyev als Minister für Sicherheit. 2014 tauchte er als Vizepremier in der "Volksrepublik" auf.

Konstantin Malofeev, 1974 in Pushchino (Oblast Moskau). „Der Oligarch Gottes“ gilt als Geldgeber von Borodai und Girkin, die schon vor den Ereignissen auf der Krym bei ihm beschäftigt waren. Malofeev ist bekannt dafür, Anhänger des Imperialismus des 19. Jahrhunderts zu sein. Eine Gemeinsamkeit mit dem Bismarck-Verehrer Alexander Gauland oder auch dem österreichischen Rechten Heinz Strache.

Arsen Pavlov (Motorola), 1983 in Uchta (Komi), bis 2014 wohnhaft in Rostov am Don. Viele Ukrainer machten sich über Pavlov lustig und bezeichneten ihn als "Hochzeitsgeneral". Bis April 2014 arbeitete er als Angestellter in einer Autowaschanlage, danach wurde er in der Propaganda als Held verehrt. Militärisch ist die von ihm befehligte Einheit Spartak eher unbedeutend gewesen, aber ihm werden Kriegsverbrechen zur Last gelegt.

Andrey Pinchuk, 1977, russischer Staatsbürger. Arbeitete lange Zeit im von Antyufeyev geleiteten Ministerium für Staatssicherheit von Transnistrien und von Juli 2014 bis März 2015 Minister für Staatssicherheit der Volksrepublik Donezk. Er nahm ebenso wie alle anderen oben genannten Personen (bis auf Pavlov) an der Annexion der Krym teil.

Pavel Gubarev, 1983 in Severodonezk (Ukraine) geboren. Er war Mitglied der Russisch Nationalen Einheit. Welches Vorbild diese Organisation hat, kann man unschwer an ihr Logo erkennen:. Im Donbas kämpft die Russisch Nationale Einheit auf Seiten der DNR zusammen mit Mitgliedern der Nachtwölfe.

Vorgeschichte und Vorbereitung

Der Beginn der kriegerischen Ereignisse läßt sich recht genau auf den 13. April datieren, als der SBU-Mitarbeiter Hennady Bilichenko von Girkins Einheiten in Slaviansk ermordet wurde. Der SBU sprach schon am 20. April 2014 von Russischen Bürgern im Donbas.

Borodai, Girkin und Antyufeyev arbeiteten während des Krieges in der Republik Moldau in Transnistrien zusammen, Borodai und Antyufeyev waren beide 1991 am Versuch beteiligt, in Riga den Aufstand der Letten niederzuschlagen, weshalb Borodai bis heute von Lettland per Haftbefehl gesucht wird. Borodai war Berater von Malofeev. Wenn also die bekanntesten handelnden Figuren dieses Krieges allesamt aus Russland stammen und größtenteils bereits in Transnistrien zusammengearbeitet haben, liegt der Verdacht nahe, Russland ging es schon zu Beginn des Krieges darum, in einem anderen ehemaligen Staat nach dem Vorbild von Transnistrien, Süd-Ossetien und Abchasien ein unkontrollierbares Gebiet zu schaffen, welches von keinem anderen Staat anerkannt wird und wo Willkür statt Rechtssicherheit herrscht.

In seiner kurzen Amtszeit, über die Antyufeyev selbst in einem Interview gesprochen hat, sagte er zu einer Explosion im Hauptkaufhaus von Donezk:
"Dies ist der unvorsichtige Umgang mit einem Sprengsatz. Einer der Besucher hatte Waffen bei sich. Wenn Sie einen Anzug anprobieren, müssen Sie Waffen und Granaten in der Einheit lassen."
Ich hoffe, Antyufeyev konnte während seiner kurzen Amtszeit die Dienstvorschriften der separatistischen Soldaten diesbezüglich ergänzen, damit die nicht geflüchtete Bevölkerung der DNR (Donezker Volksrepublik) sicherer einkaufen gehen kann.

Begleitet wird der Krieg von lautem Propagandagetöse. Ein Beispiel sind die Hilfstransporte mit weißen LKWs, die seit August 2014 zumeist halbleer in die Ukraine fuhren. Die Begründungen waren absurd, wurden aber tatsächlich von einigen geglaubt:
"Die Kamaz-LKW konnten nicht vollständig beladen werden, um einen übermässigen Verschleiss der fabrikneuen Lastwagen zu vermeiden. Voll beladen wären die Kamaz-LKW zudem auf Bergstrassen zu langsam gefahren, um die Hilfsgüter rechtzeitig vor Ort zu bringen." (Zitat)
Andere Journalisten erhielten die Antwort, man könnte zusätzliche Fracht aufnehmen, wenn eines der anderen Fahrzeuge ausfällt. Berge sucht man im flachen Donbas-Gebiet vergeblich und der Kamaz-LKW gilt seit Jahrzehnten als extrem robust. Neue Fahrzeuge und LKWs einfahren muß man ebenso seit Jahrzehnten nicht mehr.

Das es um Geld und Raub geht, mag diese kleine Liste der Demontage von Firmen zeigen, die man früher im Donbas fand und inzwischen nach Russland transportiert wurden. Die weißen Kamaz-Hilfskonvois fuhren nicht leer nach Russland zurück.


Entwicklung seit 2018

Die erste Generation der russischen Vertreter in den Volksrepubliken ist längst verschwunden. Heute herrscht in beiden Volksrepubliken eine Firma namens VneshTorgServis, die schon in Süd-Ossetien vertreten ist und darauf spezialisiert ist, in nicht von regulären Staaten kontrollierte Gebiete Geschäfte zu machen. Eine bpb-Analyse über die Zeit nach dem Mord an Zaharchenko kommt zu ähnlichen Schlußfolgerungen. Alexander Ananchenko wurde zum neuen Premierminister der Volksrepublik Donezk ernannt, aber gesehen hat ihn noch niemand. Es geht darum, die Industrie im Namen von Geschäftsinteressen mit Sitz in Russland umzustrukturieren. Ananchenko fungiert als Frontmann von Dmitry Kozak. Kozak - Transnistrien - da war doch mal was? Richtig. 2003 - das Kozak Memorandum. Wer nun wirklich Premierminister in der DNR ist, diese Frage führte zu einer Posse, als ein Journalist bei einer Fragestunde des Pressesprechers Dmitri Peshkov im Winter 2020 den ehemaligen Vizegouverneur von Irkutsk Vladimir Pashkov zum Premierminister beforderte und damit Spekulationen förderte. Ob nun Ananchenko oder der Vize-Premierminister Pashkov nun das Amt des Premierministers in der Volksrepublik Donezk bekleidet, ist letztendlich unwichtig. Beide sind Russen, beide sind führende Mitarbeiter von VneshTorgServis.

Es ging vermutlich von Anfang an um das Modell Transnistrien, welches der Kreml favorisiert hat. Ein System mit einer Illusion von Recht, welches sich mittels Willkür, Angst und Folter an der Macht hält. Als "Volksrepublik" getarnt, um die Illusion vieler Linker oder Sowjetnostalgiker zu bedienen. Zusätzlich dient die Ukraine noch als perfektes Manövergebiet für den Cyberwar.

Für das Volk, für Russland oder Raub für die eigene Tasche?

Die Opfer dieses Krieges spielen weder für Russland noch für die Volksrepubliken irgendeine Rolle. Während gefallene ukrainische Soldaten in aller Öffentlichkeit mit Nennung der Namen und Daten betrauert werden, findet man auf der Allee der Helden in der Nähe von Donezk nur Nummern. Sollte der Krieg jemals enden, wird man im Schacht Butovka östlich von Avdiivka achtlos entsorgte Leichen entdecken. Wenn das Land wieder unter den Pflug genommen wird, wird man unter der Erde verscharrte und namenlose Leichen finden. Zum Beispiel in der Nähe von Shchastya, wo der Kommandeur der ukrainischen Armee seinen Gegenüber Tage nach einem gescheiterten Angriff der Separatisten mit vielen Toten kontaktierte. Der örtliche Kommandeur der Separatisten verzichtete auf das Angebot eines Waffenstillstandes, um seine gefallenen Soldaten zu bergen und antwortete, man sei nur an lebenden Soldaten interessiert.

Exemplarisch für die Sichtweise Russlands gegenüber der Ukraine und dem Krieg ist die Darstellung vom außerordentlichen und bevollmächtigten russischen Botschafter in der Schweiz Sergei Viktorovich Garmonin. Er vertritt die Kreml-Darstellung, es gebe keine russischen Soldaten auf ukrainischem Boden. Garmorin belässt es bei der Erklärung, die OSCE habe keine russischen Soldaten auf ukrainischem Gebiet feststellen können. Merkwürdig nur, als Nadja Savchenko ausgetauscht wurde, erhielt Russland zwei russische Offiziere, die bei einem Kampfeinsatz in der Ukraine gefangengenommen wurden. Wer im russischen Pskov einen Friedhof besucht, trifft auf sprechende Grabsteine. Gefallene der 76. Fallschirmjägerdivision aus Pskov, die in der Schlacht um Ilovaisk ums Leben kamen und seitdem konsequent vom Kreml verleugnet werden. Wer mit ukrainischen Soldaten spricht, die damals an der Schlacht teilnahmen, hört immer wieder, ohne die massive Hilfe des russischen Militärs wäre der Spuk der Volksrepubliken auf ukrainischem Staatsgebiet schon im Herbst 2014 beendet gewesen. Girkin sagt Ähnliches und spricht davon, es sei von Anfang an darum gegangen, den Donbas auszurauben.

Spricht man mit Menschen, die in den letzten Jahren in Donezk oder Luhansk waren, hört man immer wieder von Soldaten in Uniformen der regulären russischen Armee. Schaut man sich ein Video des britischen Journalisten Graham Philips an, sieht man Separatisten mit dem russischen Panzer T-72B3 , der nie exportiert wurde. Die Berichte sind so zahlreich, dass ein Optiker in Kyiv vor einigen Jahren Werbung damit machte, Brillen für OSCE-Beobachter vergünstigt zu verkaufen.

Wenn nun also der Botschafter Russlands behauptet, es gäbe keine russischen Soldaten im Donbas, so verschweigt er uns, Bilder von Panzern, die nie aus Russland exportiert wurden, wurden im Donbas gefilmt. Von vielen Ukrainern, die mal in Luhansk oder in Donezk waren, hört man, Uniformträger laufen mit russischen Hoheitsabzeichen durch die Straßen. Es sind de facto russische Besatzungstruppen, die im Sommer 2014 auch Artillerieunterstützung aus der russischen Föderation bekamen. Zum Beispiel wurden ukrainische Einjheiten um Amvrossijivka (ca. 50km südöstlich von Donezk) angegriffen. Verletzte russische Panzerfahrer berichten von ihrer Telnahme am Krieg in der Ukraine. Beispiele gibt es viele.


Antifaschisten oder Abenteurer, Söldner und Nationalisten?

Behauptet wird auch, die Kämpfer der "Volksrepubliken" wären Antifaschisten. An ihrer Seite finden sich Bataillone wie Prizrak, Vostok, Rusich, Legion St Istvan, RNU, Russische Orthodoxe Armee – zumeist Einheiten mit einem eindeutig faschistischen Bezug. Auch der ehemalige NPD-Vorsitzenden Udo Voigt taucht als Unterstützer der Volksrepubliken auf und wähnt sich wie der AfD-Abgeordnete Gunnar Lindemann als Antifaschist. Putins blaue Helfer sind in Deutschland unüberhörbar.

Immer wieder wird die Ukraine mit Faschismus gleichgesetzt. Die alte KGB-Taktik des verrotteten Herings greift hier. Man reibe den Gegner so lange mit einem stinkenden Vorwurf ein, bis alle glauben, er stinkt. Das seit dem Sturz von Janukovych die rechten Parteien wie Svoboda, der Pravyj Sektor oder andere deutlich den Einzug in die Verchovna Rada verpaßt haben, wird dabei übersehen. Ebenso die Beispiele für Rechtsradikale in den von Moskau kontrollierten Volksrepubliken. (1) (2)

Wer die Illusion hegt, in den beiden Volksrepubliken Donezk und Luhansk kämpfen die Menschen gegen Faschisten, sollte die Artikelserie Wie Teile der deutschen Linken Faschisten in der Ukraine unterstützen von Kyrylo Tkachenko lesen:
Teil 1: Die »ukrainische« Kampagne der Roten Hilfe im Kontext
Teil 2: Über die Rote Hilfe, Brigade Prisrak und mehr
Teil 3: Genosse Mosgowoj und sein »kommunistisches« Gespenst

Vom "Genossen Mosgovoj" ist folgendes Zitat überliefert, welches er während eines Prozesses in einem Volksgericht verkündete:
"Wenn ich morgen in einem Café, in einer Kneipe sogar eine junge Dame sehe, wird sie verhaftet ... Eine Frau sollte die Hüterin des Herdes sein, die Mutter. Und was für Mütter gehen in Kneipen? ... Eine Frau sollte im Haus bleiben und Pirozhki backen und nur am Internationalen Frauentag feiern [womit wohl eher saufen gemeint war]. Es ist Zeit, sich daran zu erinnern, dass Sie Russe sind! Es ist Zeit, deine Spiritualität zurückzubekommen!"

In dem Prozeß ging es um eine Vergewaltigung. Juristische Kenntnisse erwarb Mosgovoj wohl bei seiner Arbeit als Koch in St. Petersburg, bevor er in den Krieg zog und aus Habgier ein Ehepaar und ihrer 10jährigen Tochter ermordete. Für welche seiner Taten man ihm in Alchevsk ein Denkmal gesetzt hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Aber auch den Kriegsverbrecher Pavlov/Motorola verehren einige als Heiligen.

Ist mit dem Volk das Recht auf öffentliche Demütigung gemeint? Iryna Dovhan wurde vom Vostok-Battalion entführt, fünf Tage lang festgehalten und gefoltert. Anschließend wurde sie am Pranger gestellt und ihr damit gedroht, man werde ihre Tochter vergewaltigen. Der brutale Mord an den Abgeordneten des Stadtrats Volodymyr Rybak am 17. April 2014. Die Liste der Verbrechen ist lang.


Russischer Frühling

Über Russlands militärisches Engagement im Donbas und das permanente Leugnen paßt eines der typischen Witze über die Hauptfigur der erfolgreichen sowjetischen Agentenserie Siebzehn Augenblicke des Frühlings mit Otto von Stirlitz:

„Sie haben mich entdeckt! Ich frage mich, was hat mich verraten? Sind es meine männlichen russischen Gesichtszüge.... oder der Fallschirm auf meinem Rücken?"

20:51 13.04.2020
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