Der sakrale Kult in Russland um den 9. Mai

Krieg gegen die Ukraine IX Aus dem Tag des Sieges wurde in Russland in 22 Jahren ein Kult errichtet, der mit dem 2. Weltkrieg immer weniger zu tun hat. Er dient als Herrschaftslegitimation und als Rechtfertigung für Vernichtungskriege, die man Spezialoperation nennt.
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1. Vom Tag des Sieges zum Tag des Krieges
2. Wir können es wiederholen
3. Deutsche Realitätsverweigerung durch das Dogma Wandel durch Handel
4. Und jetzt werde ich Ihnen zeigen, von wo aus der Angriff auf Belarus vorbereitet wurde

"Dieses Jahr sagen wir ‚Nie wieder‘ anders. „Nie wieder“ hören wir anders. Es klingt schmerzhaft, grausam. Ohne Ausrufezeichen, aber mit Fragezeichen. Du sagst: nie wieder? Erzählen Sie der Ukraine davon."
Volodymyr Zelenskyy zum 9. Mai

1. Vom Tag des Sieges zum Tag des Krieges

Immer weniger Veteranen können noch von den Schrecken des 2. Weltkrieges erzählen. Als die Erinnerung in der UdSSR noch sehr präsent war, war der 9. Mai weder ein Feiertag, noch ein Tag des Gedenkens. Es war ein normaler Arbeitstag. Der Feiertag wurde erst 1965 von Breshnev eingeführt.

Wer nicht mit Putins Russland mitfeiern will, wird zum Feind erklärt und muß "entnazifiziert" werden. Mit eben diesem Argument wurde der Ukraine am 24. Februar 2022 der Krieg erklärt, auch wenn man es bis heute in Russland "Sonderoperation" nennt. Ein absurder Begriff für einen Krieg, der Russland bereits mehr als 20000 Soldaten gekostet hat und bei dem es im Moment so aussieht, die Offensivkraft der russischen Armee sind am Vorabend der Feiern am 9. Mai nahezu vollständig erlahmt.

Wie der Scheinriese aus Lummerland wird der Sieg und wird die Erinnerung immer größer, je weiter dieser Tag zeitlich entfernt ist. 1965 erklärte Leonid Breshnev diesen Tag zum Feiertag. In der Endphase der UdSSR vermochte die waffenstarrende Siegesfeier nicht mehr die Perspektivlosigkeit der Jugend zu übertünchen. Anfang der 1990er verzichtete man in Russland sogar für einige Jahre auf die traditionelle Siegesparade auf dem Roten Platz.

Die Symbolik des 9. Mai und diese Rhetorik, dass sich Russland nicht nur seit dem Beginn der Invasion der Ukraine im Krieg mit dem Westen befindet, ist ein Diskurs, der auch schon Jahre vorher in der russischen Öffentlichkeit bestärkt worden ist: Russland befindet sich im Krieg mit dem Westen. Es ist eine Kontinuität zum Zweiten Weltkrieg. Russland ist auf der richtigen Seite der Geschichte.
Liana Fix, 8. Mai 2022, BR24

Seit Putin Präsident wurde, übernahm der 9. Mai immer mehr die Rolle der Herrschaftslegitimation. Das Sankt-Georgs-Band und das unsterbliche Regiment wurden Teil einer monumentalen Propagandashow, die jedem Russen vermitteln, er sei Mitglied des großen erneuerten Russland. Parallelen zum Volksgenossen im 3. Reich drängen sich dabei auf.

Nun warte ich voller Angst auf den 9. Mai, an dem Putin womöglich eine Parade zum Sieg über den imaginären Nazismus veranstalten will, wohl gar mit einer Vorführung gefangener Banderowzy auf dem Roten Platz – sie haben ja bereits im August 2014 in Donezk ukrainische Kriegsgefangene vorgeführt. Hinter ihnen schrubbte eine Straßenreinigungsmaschine ihre Spuren weg, genau wie 1944 in Moskau.
Sergei Medvedev, 19. April 2022 (deutsch) (russisch)

Ein verrückter Kult des patriotischen Rausches, der tief in den Alltag eingedrungen ist und die Sinne vernebelt. Putins Ziel ist ein neues Yalta, als Einflußsphären abgesteckt wurden. Die Balten, Tschechen, Slowaken, Ungarn, Polen und andere Völker wurden nicht gefragt. Daheim wird ein religiöser Kult mit Unterstützung der orthodoxen Kirche gepflegt, während andere Religionen unterdrückt werden, die sich nicht dem Diktat der Siegernation unterwerfen. Der evangelische Erzbischof von Moskau Dietrich Brower berichtete in einem Interview mit der Zeit: "In Russland ist innerhalb weniger Tage klar geworden, dass wir jetzt nicht über Krieg reden oder öffentlich Frieden predigen sollten. Stattdessen müssen wir als religiöse Führer den „richtigen Standpunkt“ einnehmen – das heißt, uns für die Politik der Regierung einsetzen." Es wundert nicht, wenn letztes Jahr 50% der Russen Stalin-Denkmäler begrüßten und nur 20% sich dagegen aussprachen.

Die herrschenden Kreise Polens brüsteten sich nicht wenig mit der ‚Stabilität‘ ihres Staates und der ‚Macht‘ ihrer Armee. Es genügte jedoch ein kurzer Schlag gegen Polen, geführt zunächst von der deutschen Armee und danach von der Roten Armee, damit von diesem missgestalteten Geschöpf des Versailler Vertrages, das von der Unterjochung der nichtpolnischen Nationalitäten lebte, nichts übrig blieb.
Vjacheslav Molotov, sowj. Außenminister am 31. Oktober 1939 vor dem Obersten Sovjet

Seit Jahren wurde es immer klarer: Russlands Politik steuert auf einen Krieg zu. Die Bevölkerung wurde systematisch mit dem Dauerfeuer der Propaganda auf einen Krieg vorbereitet. Es war auch zu erahnen: Das erste Opfer wird die Ukraine sein. Von dem man sich ähnlich bedroht fühlte wie Deutschland und die UdSSR 1939 von Polen.

2. Wir können es wiederholen

Der Einmarsch in die Ukraine ist der wichtigste und schrecklichste Effekt der militaristischen 9.-Mai-Religion: Anstelle einer Würdigung des Sieges, eines Festakts zum Kriegsende, anstelle einer Feier des Friedens ist Russland dazu übergegangen, den Krieg zu rühmen. Der Sieg wurde ersetzt durch eine permanente Schlacht. Anstelle eines Aufatmens, eines «Nie wieder», anstelle des Bannspruchs «Bloss keinen Krieg», wie er nach 1945 zunächst gepflegt wurde, hat sich Russland die revanchistische Losung «Wir können das wiederholen» auf die Fahnen geschrieben. Wie eine Beschwörung wird sie ständig wiederholt. Aus der Idee des Friedens wurde ein blutrünstiger Kriegskult, der nun Zigtausende Menschenleben kostet.
Sergei Medvedev, 8. Mai 2022, NZZ

Aus der Forderung "Nie wieder" wurde unter Putin die Parole "Wir können es wiederholen". Das Feindbild des ewigen ukrainischen Faschisten ist seit langen in der russischen Gesellschaft präsent. Ob der Protestbrief 139, als ukrainische Künstler und Wissenschaftler einen offenen Brief an Breshnev, Kossygin und Podgorny richteten, in dem sie die KPdSU dazu aufforderten, sich an die sowjetische Verfassung zu halten oder ob ukrainische (und baltische) Hippies - immer war der Vorwurf präsent, die nicht systemkonformen Ukrainer seien Bandera-Anhänger. So erzählt es auch der Hippie aus Lviv Alik Olisevych, dem Andrej Kurkov in Jimi Hendrix live in Lemberg ein literarisches Denkmal setzte.

Um die aus der Existenz der Ukraine drohenden Gefahr zu beschreiben, malt man im staatlichen Propagandakanal ein völkisch-rassistisches Bild von der Ukraine, die einem Julius Streicher oder einem Alfred Rosenberg zur Ehre gereichen würde.

Anders als beispielsweise Georgien und die baltischen Länder ist die Ukraine, wie die Geschichte gezeigt hat, als Nationalstaat unmöglich, und Versuche, einen solchen zu „errichten“, führen natürlich zum Nationalsozialismus. Der Ukrainismus ist eine künstliche antirussische Konstruktion, die keinen eigenen zivilisatorischen Inhalt hat, ein untergeordnetes Element einer fremden und fremden Zivilisation. Die Entstaatlichung allein wird für die Entnazifizierung nicht ausreichen – das Bandera-Element ist nur ein Darsteller und eine Leinwand, eine Verkleidung für das europäische Projekt der Nazi-Ukraine, daher ist die Entnazifizierung der Ukraine auch ihre unvermeidliche Enteuropäisierung.
Timofey Sergeytsev, 4. März 2022, RIA Novosti

Sergeytsevs Artikel erinnert an den Titel des Dostojevskij-Romanes "Erniedrigte und Beleidigte". Der unverstandene Russe, der den Ukrainern Gutes tun will. Der Ukrainer findet nur sein Glück und seinen Seelenfrieden, wenn er von Russen geleitet wird. Die ukrainische Sprache klingt in den Ohren vieler Russen als ungehobelte und unverständliche Bauernsprache, der sich der Russe überlegen fühlen kann.

Die Realität der "Entnazifizierung" sieht anders aus. RIA Novosti erklärt dies mit Schwarzer Magie im Hauptquartier des ukrainischen Militärs.

Die gefangenen russischen Soldaten sagten zu Beginn des Krieges, sie hätten nicht gewusst, dass wir in der Ukraine seien und in den Krieg verschleppt würden. Aber jetzt ist klar, dass sie zu einer Safari in die Ukraine gekommen sind, um die Nation zu zerstören. Als sie kamen, brauchten sie keine Städte zu erobern oder Gebiete zu erobern, sie kamen, um das ukrainische Volk zu zerstören, einfache Menschen - Kinder, ältere Menschen, Männer, Frauen, diejenigen, die ihnen begegneten.
Alyaksandr Khatskevich (bel. Fußballtrainer, hielt sich am 24.2. in Kyiv auf), 2. März 2022, Nasha Niva

Julia Latynina erläuterte in ihrem Artikel Psychopathologie der Lüge und des Glaubens, Russland befände sich in einer Informationskaskade und zählt zum Teil absurde Beispiele aus der Geschichte der Menschheit auf, in der Ähnliches geschah. Auch in der deutschen Geschichte sind solche Informationskaskaden nicht unbekannt. Bereitwillig glaubten die Deutschen, die Juden, die Plutokraten (USA) und der jüdische Bolschewismus gefährde den ehrlichen Deutschen und zogen in den Weltkrieg. Die Dolchstoßlegende und das Versailler Abkommen war Teil der Informationskaskade. Die persönliche Erfahrung besagte: Der Jude nebenan war ein guter Fußballer, aber die Juden allgemein sind unser Übel. Die Propagandainformation des Staates ersetzt die persönliche Wahrnehmung.

Wladimir Putin ist kein ethnischer Nationalist. Er ist ein imperialer Herrscher sowjetischen Glaubens. In der Russischen Föderation kann ein Mensch mit ukrainischem, deutschem oder tuwinischem Namen Karriere machen. Es reicht, sich zum Wohle des Imperiums von der regionalen Identität zu lösen. Wahrscheinlich liebt Putin sogar die Ukraine – mit der Liebe eines sowjetischen Menschen. Nur dass die Ukraine in diesem Koordinatensystem „Kleinrussland“ sein soll: Zweitklassig, unter Kontrolle stehend, ein Vorhof.
Pavel Kasarin, 18. Februar 2018 (deutsch) (russisch)

Nichts anderes findet gegenüber Ukrainern in Russland statt. Russen (und nebenbei bemerkt auch einige Deutsche) wollen den Ukrainern erklären, wie faschistisch die Ukraine ist. Die ukrainischen Verwandten und Freunde widersprechen, also sind sie ebenfalls infiziert. Der Patriarch der orthodoxen Kirche Moskauer Patriarchat spricht vom "Kampf gegen die Sünde". Die "Sonderoperation" ist somit ein heiliger Krieg, die viertgrößte orthodoxe Kathedrale des Landes ist den Hauptstreitkräften Russlands gewidmet. Der dem Donbas drohende Genozid erklärt Kirill I. übrigens damit, die dort lebenden Bewohner hätten sich dem übermäßigen Konsum des Westens verweigert. Das die dort Herrschenden den Bewohnern Autos und Handys konfisziert haben und die Gehälter der Minenarbeiter zum Teil auf ein Zehntel geschrumpft sind, dürfte wohl kaum ein freiwilliger Konsumverzicht sein.

Die "Sonderoperation" wirkt ohnehin wie ein überdimensionaler Raubzug. Unendlich viele Berichte und Videos zeugen davon. In Belarus veröffentlichte die belarusische Opposition Aufnahmen russischer Soldaten und Belarusen recherchierten die Namen und die Herkunft der Soldaten. Hunderttausende Tonnen Getreide wurden bereits aus den besetzten Gebieten gestohlen. Erinnerungen an den Holodomor 1932/33 werden wach, als Stalin den Weizen und das Saatgut in der Ukraine konfiszierte und zum Teil ins Ausland verkaufte, während über 3 Millionen Menschen auf dem Gebiet der Ukraine verhungerten. Der Diebstahl von Landmaschinen endete allerdings in einem Fiasko: Der Hersteller ist in der Lage, diese zu deaktivieren.

Nach nicht einmal vier Wochen Krieg registrierte die Ukraine 117 beschädigte Krankenhäuser, in dem zeitweise okkupierten Chernihiv wurden zehn Zivilisten erschossen, die für Brot anstanden. ein 92jähriger Rentner aus Andriivka (Oblast Kyiv, 35km westlich von Bucha) berichtete von der Besatzung der russischen Armee, die er als grauenvoller als die der deutschen Wehrmacht beschreibt. Kadyrovs Tschetschenen haben in der mittlerweile zerstörten Schule die männliche Bevölkerung zusammengetrieben und diejenigen hingerichtet, die sie verdächtigten, irgendwann einmal in der ukrainischen Armee gedient zu haben. Folter ist erlaubt, denn man befindet sich ja auf der Seite der Guten.

Wozu eine solche Überheblichkeit führen kann, davon zeugt das Telefongespräch (Übersetzung auf Englisch) des russischen Soldaten Konstantin Dmytrovich Solovyov mit seiner Mutter, welches an die Dialoge so mancher SS-Männer erinnert. Ob der Luftangriff auf das Theater von Mariupol, bei dem trotz gut sichtbarer Warnung, darin befinden sich Kinder, vermutlich mehr als 600 Menschen ihr Leben verloren, ob der neue Friedhof von Irpin mit den Toten der russischen Besatzung, der allein schon durch seine Dimension schockiert, das Massker in Bucha - die Liste wird länger, je mehr Gebiete die Ukrainer von den Russen zurückerobern können.

Da weißt du, dass du das niemals verzeihen wirst. Da kann die russische Propaganda sonst was verbreiten. Goebbels war ein Anfänger im Vergleich zu dem, was die sich heute erlauben. Sie hören und sehen die Realität nicht. Vielleicht wollen sie es einfach nicht. Ich habe aufgehört, ihre Taten zu analysieren. Niemand wird das Russland jemals verzeihen. Und die Verantwortung wird nicht nur Putin tragen, sondern alle russischen Staatsbürger, die das zugelassen haben.
Swjatoslaw Wakartschuk, 22. März 2022, deutsch, ukrainisch

Während die Karikatur des ewigen faschistischen Ukrainers bei diesen nur noch Hohn und Spott erzeugt ("Laut unseren Nachbarn der Tag des einfachen Ukrainer"), ist es nur sehr schwer vorstellbar, wie es zu einem Waffenstillstand oder gar zu einem friedlichen Miteinander zwischen Ukrainern und Russen kommen soll. Noch immer behaupten die Russen, die Ukrainer seien ihre Brüder. Angesichts der gemeinsamen leidvollen Geschichte, die 2022 eine Fortsetzung findet, wirkt das in den Ohren der Ukrainer wie blanker Hohn. Die Ernennung des Faschisten Vladimir Medinsky als russischer Delegationsleiter der Friedensverhandlungen ist nur ein Beleg unter vielen: Russland versteht unter Frieden nur eines: Unterwerfung. Nichts demütigt Putin mehr als ein erfolgreicher Widerstand der Ukrainer, die man in Russland nie so ernstgenommen hat. Nichts demütigt mehr als die Versenkung des Kreuzers Moskva, ein Symbol des imperialen Russlands.

3. Deutsche Realitätsverweigerung durch das Dogma Wandel durch Handel

Viele deutsche Politiker wirkten angesichts der Entwicklung in Russland wie Kapitäne, die im dichten Nebel "auf Sicht fahren und nichts erkennen wollen oder können.

Wenn endlich eine Zeit des Wiederaufbaus in Syrien kommt, dann sollten besonders Deutschland und Russland Hand in Hand arbeiten - in Palmyra, in Aleppo oder in Homs.
Frank-Walter Steinmeier, 15. August 2016 in Jekaterinburg an der Ural Federal University

Mit dieser bemerkenswerten Rede blitzte Steinmeier bei Lavrov ab und zog keinerlei Konsequenzen. Ein halbes Jahr zuvor stellte Amnesty International bereits fest, Russland habe zusammen mit der syrischen Armee Krankenhäuser im Visier.

Syrian and Russian forces targeting hospitals as a strategy of war
Amnesty International, 3. März 2016

Als Russland zusammen mit Belarus im Februar 2022 ein Manöver direkt an der ukrainischen Grenze mit geschätzt 150000 Soldaten durchführte und die Ukraine vom Schwarzen Meer abschnitt, dämmerte vielen deutschen Politikern noch immer nicht, Putin könnte wie dereinst Deutschland am 22. Juni 1941 aus dem Manöver heraus einen Angriffskrieg starten.

⦁ "Putin hat uns getäuscht" (Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer)
⦁ "Putin hat alle belogen und getäuscht" (Markus Söder)
⦁ "Meine Einschätzung war, dass Wladimir Putin nicht den kompletten wirtschaftlichen, politischen und moralischen Ruin seines Landes für seinen imperialen Wahn in Kauf nehmen würde. Da habe ich mich, wie andere auch, geirrt." (Frank-Walter Steinmeier)

Steinmeier brauchte mehr als einen Monat, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen. Kretschmer fuhr nach Moskau zu einer absurden Telefonkonferenz,

Denn die verhängnisvolle Abhängigkeit Deutschlands lässt sich auf eine Drei-Städte-Formel bringen: Von Hannover aus wurde eingestielt, was in Berlin entschieden und später in Schwerin vollzogen werden sollte.
FAZ, Reinhard Bingener, 6. Mai 2022, FAZ

Das Gas und Öl Machtinstrumente des Kremls sein könnte, kam weder der SPD, noch der CDU in den Sinn. Angela Merkel bezeichnete North Stream 2 als "rein privatwirtschaftliches Projekt" und die Schröderisierung legte sich wie Mehltau auf die deutsche Politik. Leute wie der ehemalige Stasi Matthias Warnig sorgten zusammen mit Gerhard Schröder und Putin für gute Geschäfte in der Politik, im Energiesektor und beim Fußballverein FC Schalke 04. "Von Lissabon bis Wladiwostok – ein feuchter Traum für die deutsche Wirtschaft und ihren mächtigen Ostausschuss." (Badische Zeitung). Das es ein veritables Stasi-Problem bei diesen guten Geschäften gab, interessierte nur wenige. Viele redeten sich die Abhängigkeit von Russland als Energiesicherheit schön.

Nach dem Zerplatzen des Wolkenkuckucksheim Wandel durch Handel stehen viele deutsche Politiker vor dem Scherbenhaufen ihrer Politik der letzten 20 Jahre. Der Filz in Mecklenburg Vorpommern, verschwundene Steuerunterlagen im Finanzamt Ribnitz-Damgarten und die Posse um die Auflösung der Klima­stiftung MV werden Deutschland noch eine Weile beschäftigen. Das es nicht auf ein Bundesland beschränkt bleiben wird, ahnt man, wenn man sich mit Sigmar Gabriel, Frank-Walter Steinmeier, aber auch mit der ehemaligen Außenministerin Österreichs Karin Kneissl beschäftigt. Kneissl ist seit dem 2. Juni 2021 Mitglied des Aufsichtsrats von Rosneft, dessen Vorsitzender Gerhard Schröder ist. Zur Zeit tobt in Österreich ein Streit, wem die Saphir-Ohrringe im Wert von 50000 Euro gehören, die Putin als Hochzeitsgeschenk der mittlerweile geschiedenen Kneissl gehört.

Die SPD rechtfertigt ihre Politik mit Willy Brandt und glorifiziert dessen Entspannungspolitik mit einem geschichtsvergessenen Nebel.

Brandt war Regierender Bürgermeister in Berlin gewesen, als die Kommunisten die Mauer errichteten. Davor hatte er gegen die Nazis gekämpft. Wenn er die Ostpolitik vorantrieb, dann um die Teilung Europas zu überwinden. Nie wäre er auf die Idee gekommen, eine Macht beschwichtigen zu wollen, die Friedensverträge nach Gusto mal beachtet, mal zerreißt.
Jan Fleischhauer, Wer hat die Ukraine verraten? Sozialdemokraten!, 23. April 2022

Die Rolle vieler SPD-Politiker und auch die von Angela Merkel erinnert immer mehr an Chamberlain, der nach dem Münchener Abkommen 1938 mit einem Friedensvertrag zum Nachteil der Tschechoslowakei wedelnd Peace for our time verkündete. Steinmeiers Vermittlungsversuche am 21. Februar 2014 waren ihm keine Lehre. Das Abkommen zwischen Janukovich und ihm hielt keine 24 Stunden und wurden sowohl von der Verchovna Rada, als auch von weiten Teilen der ukrainischen Bevölkerung ignoriert, die den Kompromiss als Bevormundung empfanden. Nicht wenige SPD-Mitglieder empfinden die Äußerungen des ukrainischen Botschafters Andrii Melnyk als Bevormundung. Harald Welzer glaubte, Melnyk über das wahre Gedenken über den 8. Mai aufklären zu müssen. Die Selbstgerechtigkeit mancher Deutscher ist einfach grenzenlos. Da will ein Deutscher, dessen Vorfahren im 2. Weltkrieg nahezu jedes Land ausgeplündert hat, den Vertreter des Staates, dessen Volk zwischen 1914 und 1950 einen in Europa beispiellosen Aderlass hatte, über die Geschichte aufklären.

Im 2. Weltkrieg starben mehr Ukrainer als Deutsche. Fast 50% der Zwangsarbeiter aus der UdSSR waren Ukrainer. Was will dieser ungebildete Herr den ukrainischen Botschafter über Geschichte aufklären, wenn er die Geschichte nicht kennt? Geschichte wiederholt sich. Von 1941 bis 1944 beutete Deutschland die Ukraine aus und versorgte die eigene Bevölkerung mit landwirtschaftlichen Produkten aus der Ukraine. 2022 macht Russland dies (wie auch schon 1932/33 während des Holodomors), um die eigene Bevölkerung während eines Vernichtungskrieges zu versorgen.

Das viele deutsche Politiker die Ukrainer jahrelang bevormundeten, indem sie diesen diktieren wollten, die Ukraine müsse sich halt mit dem Kreml arrangieren, obwohl dieser im Laufe der Jahre so ziemlich jeden Vertrag und jedes Abkommen brach, ignorieren viele bis heute. Das die Ukraine in dem Krieg gegen Russland auch nach über 70 Tagen noch weite Teile ihres Landes kontrolliert, liegt auch an der Ineffektivität der russischen Armee auch nach der kostenintensiven Modernisierung seit 2008, die 2011 zum Rücktritt des fähigen Finanzministers Kudrin führte.

Friedenswillige finden sich bis heute. Der Rechtsaußen Björn Höcke twittert: "Frieden schaffen ohne Waffen."

4. Und jetzt werde ich Ihnen zeigen, von wo aus der Angriff auf Belarus vorbereitet wurde

"Und jetzt werde ich Ihnen zeigen, von wo aus der Angriff auf Belarus vorbereitet wurde" entwickelte sich zu einem Meme, welches sogar einen eigenen Wikipedia-Artikel erhielt. Grundlage dafür war ein Treffen zwischen Lukashenka und Putin am 11. März 2022, in dem Lukashenka ausführlich erklärt, Russlands "Sonderoperation" sei auch deshalb notwendig gewesen, weil es einen Angriff der Ukraine gegen Belarus verhindert hätte. Daraufhin entstanden zahlreiche Videos, die über Lukashenkas Worte spotteten: Original, 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12, 13, 14, 15, 16, 17, 18, 19, 20, 21, 22, 23, 24, 25, 26, 27, 28, 29, 30, 31, 32, 33, 34, 35, 36, 37

Auch nach über 10 Wochen wagte es Lukashenka nicht, seine Armee an der Seite Russlands gegen die Ukraine in den Krieg ziehen zu lassen. Im Gegenteil. Es gibt belarusische Freiwillige, die in der Ukraine gegen Russland kämpfen, in den sozialen Medien sammeln Menschen aus Belarus Informationen über die russische Armee und über Raketen, die in Richtung Ukraine (oder auch mal in Richtung Russland) geschossen werden, Eisenbahner haben die Bahnlinien sabotiert und somit die Durchnittsgeschwindigkeit russischer Nachschubzüge auf 10-15km/h reduziert. Die Menschen in Belarus, die zumeist auf Seiten der Ukraine stehen, haben ihren Anteil an der katastrophal gescheiterten Offensive der russischen Armee gegen Kyiv.

Offiziere berichten, dass im Fall einer Grenzüberquerung ihr Leben in großer Gefahr wäre, weil die Soldaten die Waffen gegen sie richten würden.
Janka Belarus, 11. März 2022, taz

Lukashenko, der die mehrheitliche Opposition im eigenen Land ebenfalls gerne als Faschisten bezeichnet, reagierte auf den Widerstand im eigenen Land gegen Russlands Angriffskrieg mit der Erweiterung der Todesstrafe. Ein deutliches Indiz dafür, warum mit einem Eintritt von Belarus in den Krieg gegen die Ukraine kaum zu rechnen ist. Die belarusischen Soldaten könnten die Waffen drehen.

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Artikel über den Krieg Russlands gegen die Ukraine

Ein Propagandist als Verhandlungsführer für Friedensgespräche (23. März 2022)
Schicksale der Menschen in einem Angriffskrieg (27. Februar 2022)
Give us the tools and we will finish the job (27. Februar 2022)
Zerplatzende Illusionen über Putins Russland in Deutschland (25. Februar 2022)
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Ein Angriffskrieg mit nationalistischen Motiven (24. Februar 2022)
Mercenaries (Ready For War) (21. Februar 2022)
Siebzehn Fragen vor dem Frühling (16. Februar 2022)

Bisherige Artikel über Russland und der Ukraine

Historische Einheit von Russen und Ukrainern? (6. September 2021)
Wollen die Russen Krieg? (12. April 2021)
Krieg der Spezialeinheit "Sie sind nicht da" (13. April 2020)
Folter in der Volksrepublik Donezk & Luhansk (16. März 2020)
Gefangenenaustausch Ukraine und Russland (31. Dezember 2019)

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