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Revolution in Belarus IV Der 30. Jahrestag der Deutschen Einheit wurde gefeiert. Viele fragten sich, warum es sich bis heute nicht wie eine Einheit anfühlt. Hat jemand die Demonstranten gefragt?
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1. Revolutionsjahre 1989 und 2020

Nach drei langen Berichten über die Revolution in Belarus folgt nach einem Monat ein subjektiver Kommentar, in dem ich den 30. Jahrestag der Deutschen Einheit mit den Ereignissen in Belarus vergleiche. Während in Deutschland lang und breit darüber debattiert wurde, was denn so alles mit der Revolution 1989 und der Deutschen Einheit schiefgelaufen ist, demonstrieren die Menschen in Belarus am gleichen Tag wie in den vergangenen zwei Monaten nahezu ohne Aufmerksamkeit in der Bundesrepublik Deutschland. Wir reden halt lieber über andere, als die Menschen zu fragen, die heute den Mut besitzen oder damals besaßen, auf die Straße zu gehen.

2. Der Traum ist aus

Anfang Oktober 1988 hatte Rio Reiser einen Song in der DDR in der Seelenbinder-Halle gesungen. Darin sind ein paar Zeilen, die das Publikum nicht mitgesungen, nicht mitgebrüllt, sondern sich teilweise die Seele aus dem Leib geschrien hat.

Gibt es ein Land auf der Erde,
Wo dieser Traum Wirklichkeit ist?
Ich weiß es wirklich nicht.
Ich weiß nur eins und da bin ich mir sicher:
Dieses Land ist es nicht.
Dieses Land ist es nicht.

Als ich ein Jahr zuvor in der DDR eine Bekannte besucht hatte, die etwas zum Tauschen brauchte, schmuggelte ich einige Ton Steine Scherben-LPs über die Grenze und meinte zu ihr, mit den Platten dürfte sie garantiert einen Klempner für ihre Wohnung finden. Ich wußte, diese Bekannte wird glücklich, endlich notwendige Reparaturen durchführen zu können, der Käufer oder der Handwerker wird noch glücklicher über diese LPs sein und es werden viele Kopien von den LPs gezogen werden. Nur meine Bekannte stand mehr auf Soul zum Beispiel von Bobby Womack. Ansonsten fühlten sich viele in Ost und in West gleichermaßen von den Texten angesprochen.

Im Westen war es die piefige "geistig-moralische Wende", von der man oft genug den Eindruck haben mußte, es war eher eine Bimbes-Wende mit dem Köfferchen. Die Spießigkeit setzte sich dennoch nicht durch. Die geistig-moralische Wende wurde verkündet und die Karawane zog weiter.

In der DDR schienen die Texte von Rio noch mehr zu passen. Zwei Generationen hörten die Songs, Renft und Freygang spielten sie. Ich als Wessie liebte die Texte, meine Freunde in der DDR mindestens ebenso. Nächtelang debattierten wir darüber, was an Rios Texten für das jeweilige Land und für uns bedeutete.

Mein Blick auf die DDR veränderte sich mit jeder Reise. Auf der ersten Fahrt hatte ich genug damit zu tun, mich an die fehlenden bunten Farben, an die unglaubliche Umweltverschmutzung der Flüsse rund um Leipzig, und an den typischen Geruch zu gewöhnen, der kurz vor den Grenzkontrollen begann. Bei jeder Fahrt und bei jedem Wind und Wetter öffnete ich das Fenster des Autos, um diesen speziellen Geruch einzuatmen. Es war zugegebenermaßen ein eher angenehmes Gefühl, denn es erinnerte mich an die nächtelangen Gesprächenmit den Freunden und mir bis dahin unbekannten Menschen. Ja - diese Gespräche hatte ich auch im Westen, aber da kannte ich den Alltag, der mir vertraut war. Für die Menschen in der DDR waren diese Umweltbelastungen gesundheitsschädigend. Ärztliche Untersuchungen darüber waren Staatsgeheimnis, dennoch wußte es jeder. Das Sein bestimmt das Bewußtsein. So heißt es bei Marx. Das Sein in Espenhain bedeutete maximale Umweltverschmutzung.

Seit 1985 hörte ich von den Freunden in der DDR, wie sehr sich der Staat in die Belange der Menschen einmischt. Das Angebot der Kinderkrippen wurde angenommen, der ganze bürokratische Zwang wurde murrend hingenommen, aber oft beklagt. Wer mich einlud, hatte diverse Behördengänge vor sich. Man wußte nie, was gefragt wird und ob es vielleicht sogar negative Konsequenzen geben kann. Für mich nicht. Westler genossen Privilegien und waren alle reich. Ich wollte die Privilegien nie, aber der Ausweis war grün und nicht blau. Die Privilegien waren unumgänglich, wenn man alsWessie erkannt wurde. So ganz habe ich nie begriffen, warum einige im Westen glaubten, sie würden in einem Land leben, in dem es mindestens genauso schlimm wie in der DDR war. Ein Freund, von dem ich wußte, er ist hauptamtlicher Stasimitarbeiter, wunderte sich ebenso wie ich...

1988 erfuhr ich in Erfurt von einer Scheidung in der Nachbarschaft einer Bekannten. Der Ehemann war Stasi-Spitzel und hatte seine Frau 24 Jahre lang ausspioniert. Die Nachbarschaft bekam den Streit natürlich mit. Ich auch. Im Westen wußte ich, hinter die leuchtenden Neonröhren zu schauen. In den Schaufenstern standen Dinge, die ich mir eh nicht leisten konnte. Studierende Arbeiterkinder haben keine dicke Brieftasche. Außerhalb der Musik hatte ich keinerlei Ambitionen, irgendetwas zu kaufen, was mir die Werbung verkaufen wollte. "Style It Takes" - John Cales Song hat es für mich auf den richtigen Punkt gebracht. Aber der elementare Eingriff in das pivateste Leben blieb mir fremd und unverständlich.

Wie das so ist. Wenn man jung ist, verliebt man sich in ein Mädel. Hinter der Grenze hat es besondere Reize. Biermann hat mal gesungen, "weil man gerne tut, was man nicht tun darf - was verboten ist, das macht uns gerade scharf." Meine damalige Freundin erzählte seufzend, in der DDR habe man bei der Produktion jetzt auf westliche Mode gesetzt. Modische Pullover in Türkis mit der Aufschrift "Tonic" wurden in den Geschäften verkauft. Es sah aus wie ein West-Pullover, der in der DDR aber in hunderttausenden Exemplaren verkauft wurde. Er begegnete mir in den folgenden Tagen öfter. Ich verstand und versprach ihr, von ihrer Traumstadt Paris beim nächsten Mal meinen dicken Stadtplan mitzubringen, den ich mir beim letzten Parisurlaub gekauft hatte. Sie hatte keine Hoffnung, jemals Paris kennenzulernen, der verordnete Tonic-Traum war aber nicht die Erfüllung ihrer Wünsche. Der Staat bevormundete die Menschen und beförderte ungewollt verbotene Träume. Ich kannte auch die Schattenseiten von Paris, die sie aber nicht hören wollte. Wer bevormundet wird, der träumt.

Das ist ein Auszug meiner Erfahrungen mit den Menschen in der DDR. Sie sind subjektiv. Aber wir haben verlernt, subjektiven Erzählungen zuzuhören. Ich habe Menschen kennengelernt, die in der DDR verweigert haben. Der eine mußte als Bausoldat im AKW Greifswald schuften, ein anderer wurde eingezogen und es wurden Schießübungen auf ihn durchgeführt. Noch einer hatte Glück. In seinem Bezirk gab es zu viele Verweigerer. Bevor sich der leitende Parteibonze dafür verantworten mußte, wurde der Verweigerer mittels Attest für wehruntauglich erklärt und es wurde eine dicke Stasiakte über ihn angelegt. Willkür eines Staates, der das Glück der Menschen kollektiv bestimmen wollte.

Diese Willkür ist beendet. Meine damalige Freundin hat längst Paris besuchen können. Sie stellte fest, Paris ist doch kein so großer Traum, aber durchaus auf Zeit eine interessante Stadt. Ihre Schauspielkarriere hat sich nie erfüllt, wir beide haben festgestellt, Verbotenes ist keine Basis für eine lange Liebe. Die fand sie und ging zeitweise mit ihrem Mann nach Beirut, dem Ruf des Goethe-Institutes folgend. Ich wüßte gerne, welche Träume sie heute hat und was sie über die Vergangenheit denkt. Wir haben uns aus den Augen verloren und ich denke, das grelle Neonlicht verblasste, aber sie hat die Chance genutzt, viele Dinge zu erleben und zu sehen. Das war das Risiko im Herbst 1989 wert. Nicht alle Blütenträume reiften, aber sie konnte selbst entscheiden, wohin sie gehen will. Träume platzten. Möglichkeiten ergaben sich.

3. Wir hab'n nichts zu verlier'n außer unser Angst

Seit über 60 Tagen demonstriert das Volk in Belarus auf den Straßen. Anfangs gab es noch Berichte in den Medien. Mittlerweile beschäftigt sich Deutschland wieder mit sich selbst und jeder weiß, was richtig ist. En passant können viele auch die Frage für Belarus beantworten.

Wir hab'n nichts zu verlier'n außer unser Angst
Es ist uns're Zukunft, unser Land.
Gib mir deine Liebe, gib mir deine Hand.

Die Präsidentschaftskandidatin Tichanovskaya sagte heute in einer Podiumsdiskussion immer wieder auf die Frage, ob der Schlüssel für den Sturz Lukashenkos in Moskau läge, der Schlüssel für die Zukunft von Belarus läge in Belarus. Nicht in Moskau, nicht in Brüssel, nicht in Washington.

Anders kann es auch nicht sein. Es mag sein, die Belarusen werden ihre Zukunft in der EU sehen. Es mag sein, sie sehen ihre Zukunft in einer engen Union mit Russland. Sie werden es selbst entscheiden müssen und sie sollten es selbst entscheiden können. Als am vergangenen Wochenende Menschen aus Belarus auf einem Ausflugsdampfer in St. Petersburg eine riesige weiß-rot-weiße Flagge ausbreiteten, erhielten sie von der Bevölkerung auf den Brücken Beifall. Ich wünschte mir, Belarus hat eine Chance, einen eigenen Weg zu gehen, ohne aus dem Kreml fremdbestimmt zu werden. Es gibt sicherlich manche Russen, die ähnliche Gedanken hegen. Die Ukraine hatte diese Chance nicht. Der Kreml produzierte mit der etwas zähneknirschenden Unterstützung für Janukovych, mit der Annexion der Krym und mit dem Krieg im Donbas eine Feindschaft, die nicht nötig war. Eines Tages werden die Russen sich fragen müssen, warum sie diesen Wahnsinn jubelnd begleitet haben. In Belarus stehen sie erneut vor dieser Wahl. In der russischen Bevölkerung gibt es zur Zeit kaum Sympathien für eine Unterdrückung in Belarus. Sollte aber das von mir in einem meiner vorherigen Artikel über Belarus befürchtete Szenario, für Lukashenko wird der Preis die Privatisierung der profitabelsten und wichtigsten Firmen durch russische Oligarchen sein, wird es eine Zeitlang einen Machterhalt geben, aber die Menschen in Belarus werden Russland und den Kreml als Okkupanten sehen. Der Schlüssel für die Zukunft in Belarus muß in Belarus liegen. Sie sollte auf keinen Thron irgendeiner geostrategischen Theorie geopfert werden.

4. The Revolution Will Not Be Televised

1970 hat Gil Scott-Heron einen Song eingespielt, der bis heute ein Evergreen ist und den ich bei besonderen Gelegenheiten immer wieder höre. The Revolution Will Not Be Televised. Natürlich, Es ist ein kapitalismuskritischer Text.

Ich hab geträumt, der Winter wär vorbei
Du warst hier und wir waren frei.
Und die Morgensonne schien.
Es gab keine Angst und nichts zu verlier'n,
Es war Friede bei den Menschen und unter den Tier'n.
Das war das Paradies.

Wenn die Linken erneut ein System wie diesmal das von Lukashenko unterstützen, weil sie glauben, damit höheren geostrategischen Interessen zu dienen, werden sie hoffentlich dort landen, wo sie hingehören: Auf den Misthaufen der Geschichte. Wo die rechte AfD längst hingehört. Die Aufgabe der Politik ist es nicht, das Glück der Menschen zu definieren. Sondern die Macht derjenigen zu begrenzen, die aufgrund ihrer Macht oder ihrem Reichtum das Glück des Einzelnen zu ihrem eigenen Vorteil zu beschneiden. Was ein einzelner Mensch als sein persönliches Glück betrachtet, sollte er aber für sich selbst beurteilen dürfen. Wenn sich jemand au demWesten darüber mokiert, am 9. November 1989 wollten einige Bürger der DDR das genießen, was sie nur dann bekamen, wenn der Staatsratsvorsitzende sein Volk beschenkte - nämlich Bananen, dann ist derSpott desjenigen, der diesen Mangel niemals hatte, einfach lächerlich, wenn er dann auch noch das wahre Glück dieser Menschen definieren will. Der Mangel ist längst behoben. Es gibt andere Themen.

Die Menschen in Belarus haben auch die Brosamen satt, die ihnen ihr Väterchen gibt, wenn sie brav sind. Jeder weiß, die Zukunftschancen in Belarus sind ohne Investitionen schlecht. Frisches Geld auch aus dem Kreml werden vermutlich zum Ausbau des Sicherheitsappartes genutzt. Was übrig bleibt, wird als Belohnung für Treue zum Präsidenten in schwerer Zeit verteilt werden. Den Aufsässigen erwartet eine Strafe für ihren Ungehorsam. Wenn - ja wenn sich das belarusische Mlitär nicht doch auf die Seite des Volkes stellt, welches in Minsk, Homel, Brest, Mogilev und wo auch immer demonstriert. Von ausländischen Korrespondenten unbeobachtet, denn zufällig verlieren alle ihre Akkreditierungen am 1. Oktober. The Revolution will not be televised...

Den deutschen Bürger scheint es eh nicht zu interessieren. Er vermisst keine Berichte und Bilder aus Belarus. Das trotz Wasserwerfer, Gefängniswagen, willkürlichen Verhaftungen und gepanzerten Fahrzeugen auf den Straßen am Sonntag wieder mindestens 100000 Demonstranten allein durch Minsk liefen, interessiert scheinbar kaum einen. Wie man einen Wasserwerfer zerlegt, zeigen uns die Demonstranten. Der Wasserwerfer selbst wurde in Kanada eingekauft, Teile der Technik kommt aus Deutschland. Die OMON tauchte zur Fortbildung in Deutschland auf. Kann man sich schwer vorstellen angesichts der Besorgnis der Politiker, denen die praktische und willkürliche Anwendung der Kenntnisse an die belarusische Bevölkerung demonstriert wird.

5. Wenn die Nacht am Tiefsten

Die zitierten Texte stammen von Rio Reiser. Anfang der 1970er wachte er eines Morgens auf und schrieb den Text "Der Traum ist aus", welcher auf der "Keine Macht für Niemand" 1972 erschienen ist. Die Bandmitglieder flüchteten 1974 nach Fresenhagen auf einen Bauernhof, weil sie sich permanent vereinnahmt fühlten. Für mich hat die Größe dieser Band immer darin bestanden, sie hat sich nicht reproduziert. Jede ihrer LPs war anders und auf ihre eigene Art und Weise großartig. Für mich steht daher in der Verständlichkeit der Scherbentexte auch mehr Wahrheit als in vielen analytischen Texten. Auch wenn das Wort "Wahrheit"mir viel zu pathetisch ist. Als ich 1983 die Scherben live sah und sie wieder auf die Bühne zurückkehrten, brüllten viele den Song, den sie im Konzert bisher vermißt hatten. Mensch Meier, Rauch-Haus-Song - Rio stand auf der Bühne direkt vor mir. So leise wie möglich, damit er mich noch hören konnte, sagte ich "Wenn die Nacht am Tiefsten". Er antwortete kurz und knapp "genau!". Die Folgezeile lautet "ist der Tag am Nächsten". Vielleicht der optimistischste Text, den Rio je geschrieben hat und an den ich bis heute glauben möchte. Diejenigen, die in den Gefängniswagen geworfen wurden, weil sie ungehorsam gegenüber das Väterchen waren, werden den Trost dieser Worte verstehen. Nach dem Konzert habe ich einige Musiker der Scherben kennengelernt. Sie waren zu menschlich, um ideologisch sein zu können. Das ist der Trost und die Hoffnung, die die Kunst zu bieten vermag.

Man möge mir den sehr subjektiven Text verzeihen. Es mag Naivität sein. Aber ohne Naivität und Träume wird es niemals Veränderungen geben. Wie haben Viktor Zoj und Kino 1987 gesungen? Ich will Veränderungen! 2020 singen es die Menschen in Belarus erneut. Der Titel dieses Artikels ist jedoch ein Gedicht von Detlev von Liliencron: Pidder Lüng, 1976 von Achim Reichel vertont. Über das stolze Wort: Lieber tot als Sklave. Die Lieder mögen unterschiedlich sein. Der Inhalt erzählt vom gleichen Traum.

01:21 06.10.2020
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