Ej baj Aldajm!

BIOGRAPHISCHER REALISMUS Galsan Tschinag: Häuptling, Schamane, Moses der Tuwiner, Touristikunternehmer und deutschsprachiger Schriftsteller aus der Mongolei

In der Mongolei herrscht der zweite Schreckenswinter. Dazwischen lag ein Dürresommer. Drei Millionen Tiere der Nomaden sollen im vergangenen Jahr erfroren oder verhungert sein. Kundige rechnen damit, dass die Verluste diesmal nicht geringer werden. Schafe, Ziegen, Pferde, Kamele. Gelegentlich bekommen wir in diesen Tagen Bilder von starren Körpern zu sehen, die ihre steifen Beine in stummer Klage gegen den Himmel recken. Apathisch und wie in Zeitlupe knirschen verhüllte Mongolen durch Schnee und Wind an ihnen vorbei. Tausende von ihnen hatten nach dem Ende von Zwangskollektivierung und Sesshaftmachung ihr traditionelles Nomadenleben wieder aufgenommen. Ihre Herden waren fruchtbar gewesen. Vor über fünfzig Jahren, so heißt es, sei es zuletzt gewesen, dass ein Winter ebenso mörderisch war. Vielleicht von ihm erzählt Galsan Tschinag, der in der Sprache seiner Tuwiner, Irgit Schynykbajoglu Dshurukuwaa heißt, in seinem ersten Roman Der blaue Himmel.

Die Tuwiner sind ein turksprachiges Völkchen, von dem 1989 "circa 200.000 in der Russischen Föderation leben, der größte Teil davon in der Republik Tywa im Süden Sibiriens (1921 Volksrepublik Tanu-Tuwa, 1944 Tuwinisches Autonomes Gebiet der RSFSR, 1961 Tuwinische Autonome Sozialistische Sowjetrepublik, 1991 Republik Tuwa, seit 1994 Tywa" - so im Anhang von Die Karawane), in der Mongolischen Republik etwa 4.000, in China 2.000.

Galsan Tschinag erzählt von der kleinen nationalen tuwinischen Minderheit im äußersten Westen der Mongolei, ziehend in den Tälern und über die Höhen des Altai-Gebirges in direkter Nachbarschaft zu den Kasachen. In Der blaue Himmel verliert der kleine Dshurukuwaa erst seine geliebte Großmutter, dann seine Herde und dann auch noch Arsylang, seinen Hund. Den hat der Vater auf dem Gewissen, weil er in der Not beginnt, mit vergifteten Ködern zu jagen. Die Tuwa-Idylle der freundlich sich beriechenden, merkwürdige Tees trinkende und gelegentlich wild schamanenden Menschen bekommt schroffe Risse: "I-ih-iiij, schlag mich tot, nachdem du meinen Hund zu Tode vergiftet hast!" schreit der Steppenbub. "Ich bin ja auch nicht euer Kind, ich bin euer Knecht! Denn habt ihr mich je ausschlafen lassen?!... Sinnlos meine Träume, meine Gebete! Sinnlos die Segenssprüche, die andere mir spendeten, und die Lobreden und Versprechungen und die Anstrengungen, die ich auf mich genommen hatte! Ich bin betrogen worden um das, was man Leben nennt!"

Keine Frage, bei Nomadens muss der Nachwuchs früh ran, nicht nur, um die Nachwuchsherde zu umsorgen. Vor allem wenn die Wetter grausam sind. Keine Frage, eine intakte Großfamilie, leckere Innereien und wuschelige Pelze trösten über manches hinweg. Und, auch keine Frage, tuwinische Aufwallungen oder Debatten klingen immer etwas theatralisch. Das hängt damit zusammen, dass die Tuwiner ursprünglich über keine Schrift verfügen und alles in blumiger und sorgfältiger Erzählung transportiert wird. Das färbt tief in die Sprache hinein. Und so beruhigt sich der kleine Dshurukuwaa, versöhnt sich mit seinem Leben in seiner Landschaft, ja, weit mehr noch - wie wir später sehen werden.

Im zweiten Roman, Die graue Erde, erleben wir ihn die Schrecken der Einschulung fern von der Jurte meistern, im dritten, Der weiße Berg, entpuppt er sich als ein rechter jugendlicher Haberfeldtreiber der Oberstufe, der es mit den Mädels nicht so recht ernst nimmt, bis er der großen Liebe begegnet. Fast möchte man meinen, er gibt ein bisserl an, der ist ein rechter Chauvi. Aber wer seine jüngst erschienene Erzählung Dojnaa gelesen hat, von einer schweren Frau, einer Ringerin und Jägerin, die ihre Talente fragwürdigen Milchschnapssäufern geopfert hat, der versteht, dass im Reich der tierabhängigen Nomaden das Geschlechterverhältnis nach den Regeln kopulierungswilliger Kamelhengste geordnet wird. Wobei, und dies scheint nun wirklich überall gleich zu sein auf der schönen Welt, die Vertierung des Menschlichen einhergeht mit der Vermenschlichung der Tiere. Eindrucksvoll dargeboten in Galsan Tschinags Erzählung Der Wolf und die Hündin, in der das ungleiche Paar auf der Flucht vor den Jägern eine Partnerschafts-Psychologie entfaltet, als hätte es bei Dr. Freud unter der Couch gelegen.

Galsan Tschinag hat für die Sonnen- und Schneestürme in seinem Altai eine so strahlende wie raue Sprache und zu jeder Stimmung, jedem Ereignis die passende Wolkenbildung. Er tunkt uns hinein in die aufs Höchste gefährdete Kultur des winzigen Volkes. Und da lässt es sich, zumindest vom Sessel neben der Zentralheizung aus, wirklich sauwohl sein. Der Effizienzleser wird vielleicht sagen: "Einen Tschinag gelesen, alle gelesen", aber das ignoriert, dass der nicht nur an einem Denkmal bastelt, sondern auch vom trüben Wüten der Sowjets gegen das Unsesshafte wie Privatnomadisieren, gegen Geisterglauben und Schamanenpraxis, gegen die ganze nicht recht fortschrittsförmige Lotterkultur samt ihrer Sprache berichtet. Und Tschinag macht das nicht in großen Abrechnungen und Anklagen, sondern durch seine Dshurukuwaa - Augen, die nicht glauben, was sie da sehen und erleben müssen, merkwürdige, sinnlose Aufführungen von Erwachsenen, erschütternde Veränderungen von Menschen, die eben noch Helden für sie waren oder Freunde, klar wie Altaiwasser, und nun opportunistisch, servil oder gebrochen undurchschaubaren Gesetzen und Befehlen gehorchen. Im zum Zerreißen gespannten Bogen eines zweifelnden, ratlosen Dshurukuwaa-Blicks in die gesenkten, fliehenden Augen eines gefallenen Helden, enthüllt sich die Geschichte imperialistischer Anmaßung und ideologischer Verblödung in ihrer substantiellen Abgründigkeit, jenseits politischer Phrasendrescherei.

Als Dshurukuwaa 18 oder 20 ist, wird er zur Ausbildung in die DDR geschickt. 1962 kommt er nach Leipzig. Er studiert Germanistik. Er wohnt längere Zeit bei der Mongolistin Erika Taube. Durch sie bekommt er, nach ersten Schreibübungen in deutscher Sprache, Kontakt mit den Strittmatters. Ohne da Einflüsse überschätzen zu wollen: Galsan Tschinags Schreibweise könnte durchaus in den Kategorien des strittmatterschen biografischen Realismus charakterisiert werden. Die Nomaden seien von so stupender Sprachbegabung, berichten Reisende, dass europäische Geschäftsleute, die sich rundum als gute Benutzer des Englischen bewährt hätten, beim Flug in die Mongolei die Englischbücher herauskramten, um sich bei einheimischen Geschäftspartnern nicht zu blamieren. Galsan Tschinag schreibt seine Bücher in unserer Sprache. Makellos. Manchmal gibt es ein paar "altfränkische" Wendungen, da weiß man dann nicht, ob sie aus dem Hexenkessel des Leipziger Literaturinstituts stammen, oder aus dem Fremden.

Galsan Tschinag schreibt auch Gedichte. Sie handeln von Natur und Liebe und Heimat in gemessen moderner Form.

1995 hat Galsan Tschinag seinen Traum verwirklicht. Er hat Geld gemacht und aufgetrieben, Kamele, Pferde und Lastwagen gekauft und seine durch die sowjetische Minderheiten-Zernichtungspolitik und Nomadenzähmung weit zerstreuten Tuwiner zusammengesammelt und in einer großen Karawane über zweitausend Kilometer in ihr altes Alteiland zurück geführt. In Die Karawane hat er darüber berichtet. Das war ein hartes Stück Arbeit und ein harter, letzte Illusionen zerstörender Erkenntnisprozess für den Häuptling Tschinag.

Verkommene, vom Alkohol gezeichnete, geldgierige Stammesreste treibt er da durch die Steppe über Flüsse und Berge, so dass er sich eingestehen muss: "Die gutmütigen, selbstlosen Mitglieder einer Urgesellschaft inmitten des postkommunistischen Vulgärkapitalismus gibt es hier nicht mehr. Ob diese der Trinksucht verfallenen, von den Segnungen der neuzeitlichen Kultur westlicher Prägung noch nicht erreichten, von ihrer teuflischen Macht jedoch längst angehauchten Menschen auf dem Fleck Erde, die dem Wesen nach noch die alte ist, die Heimat finden werden? Vielleicht trage ich mörderische Bazillen zu dem archaischen Körper?!" Und in seinen Kampf mischt sich eine Sorte von Zivilisationskritik mit einem aus Wunden gebrochenen Heimatvertriebenenfanatismus zu manchmal geradezu faschistoiden Ausbrüchen oder -dünstungen. Aber er hat es geschafft! Ej baj Aldajm! - O mein reicher Altai! "Dies wird mich im Gedächtnis der Nachwelt mit dem biblischen Moses in eine Verwandtschaftsnähe rücken." Und man kann jetzt nur hoffen, dass die Wetter nicht alles zunichte machen und die sympathischen Nasenreiber sich hochrappeln. Im Frühjahr wird Galsan Tschinag wieder nach Deutschland kommen. Und wir werden fragen können.

Auswahl aus Galsan Tschinags Werk:

Der blaue Himmel. Roman. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 1994, 1994, 178 S., 24.- DM, TB 14,80 DM

Die graue Erde. Roman. Insel-Verlag, Frankfurt am Main 1999, 275 S., 36,- DM

Der weiße Berg. Roman. Insel-Verlag, Frankfurt am Main 2000, 290 S., 39, 80 DM

Die Karawane. Tagebuch, (2. Aufl.), A 1 Verlag, München 1999, 163 S., 28,- DM

Dojnaa. Erzählung. A 1 Verlag, München 2001, 138 S., 32,- DM

Der Wolf und die Hündin. Erzählung. Waldgut-Verlag, Frauenfeld (CH) 1999, 80 S., 24,- DM

Nimmer werde ich dich zähmen können. Gedichte. Waldgut-Verlag, Frauenfeld (CH) 1996, 70 S., 28,- DM

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