Schlafmaschine, batteriegetriebene

BERLINER ABENDE Glückliche Nachbarschaft beruht auf zwei Regeln. Die erste heißt: Halte dich raus. Grüße und gehe deines Weges. Die zweite: Vernagle bei folglich ...

Glückliche Nachbarschaft beruht auf zwei Regeln. Die erste heißt: Halte dich raus. Grüße und gehe deines Weges. Die zweite: Vernagle bei folglich seltenen Nachbarschaftsbitten nicht gleich die Tür, damit du das beglückende Gefühl, du seist ein guter Nachbar, gelegentlich erleben darfst. Dann aber tritt sofort wieder Regel eins in Kraft. Ich habe eine ideale Nachbarin. Sie läutet, ragt leicht aus der Nachbarinnentür und sagt: "Bis Dienstag, wa?" Ich mache ein nachdenkliches Gesicht und sage nach einiger Zeit des Schweigens: "Ist o.k." Dann reicht sie mir ihren Schlüssel, ohne aus dem Gefäß ihrer Wohnung zu weichen. Und schließt die Tür. Ich indes habe mich jetzt bis Dienstag um ihre Katzen zu kümmern.

Nachdem ich mich ausreichend qualifiziert habe, weitet sich die perfekte Kommunikation dahingehend: "Die ganze Woche, wa?" Und manchmal, Beweis des gewonnenen Vertrauens: "Fünfzig Mark, wa?" Was einen kleinen aktuellen Bargeldbedarf andeutet. Aber ich verplaudere mich.

Die Tiere reagieren mit äußerster Feindseligkeit auf den Eindringling. Kam ich des Abends, um ihre festen Ausscheidungen aus dem saugstarken Geruchsfressergranulat zu sieben, versteckten sie sich so perfekt und lautlos, dass ich, von der Angst, es sei ein Unglück geschehen, auf die Knie getrieben, in der fremden Wohnung herumkroch, bis ein zweistimmiges Fauchen mir den ungefähren Ort ihres Aufenthaltes verriet. Heute, nach vielleicht drei Jahren treuer Sorge, kleben sie immerhin wie zwei Katzenbuddhas im anderen Ende des Korridors, beobachten kritisch jede meiner Bewegungen und beginnen sofort, nähere ich mich ihnen, die Mäuler aufzureißen und die Krallen auszufahren. Auch wenn ich ihnen Gourmet-Häppchen bringe, denken sie nicht daran, mich mit Lauten schnurrenden Wohlbehagens zu belohnen. Stattdessen pinkeln sie, kaum bin ich weg, neben die von mir fürstlich aufgeschüttete Prinzessinnenstreu. Obwohl der Gang voller Kratzbäume steht, schlagen sie ihre Krallen lieber in die Nachbarinnensitzgarnitur, und obgleich die ganze Wohnung voller glöckchenklingenden Wuschelspielzeugs liegt, zerren sie lieber die Häkeldeckchen von den Tischen, werfen die Blumen- und Schmuckvasen um, beißen in die Vorhänge und killen die Stehlampe. Gerne brechen sie schaumig auf den Laminat-Belag der Küche.

Ich sitze dann in meiner Küche, die an die Nachbarinnenwohnung grenzt, und höre, wie drüben in wilder Jagd die Katzenkörper an die Wand klatschen, Vasen zerklirren, die Stille des schlechten Katzengewissens ausbricht, aber nicht für lange.

Bis jetzt. Da die spröden Fragen, fast schon Befehle, "Sonntag abend, wa?", sich häufen, die Tage der alleingelassenen Katzen nicht weniger werden, versucht die Nachbarin den Spieltrieb der Tiere durch Anschaffung der "Motor Mouse": "The Super Sonic Electronic Cat Toy" in natürliche und verträgliche Bahnen zu lenken. Man hat sich jenes Spielzeug, das vor kurzem noch knapp 80 DM (ohne Batterien) kostete, unterdessen, bei dem rapiden Preisverfall elektronischer Ware kein Wunder, bereits für knapp 60 DM zu erhalten ist, so vorzustellen: Eine umgedrehte größere Plastikschale, etwa von den Ausmaßen jener, in der wir bei Parties ab vier Personen Nudel- oder Kartoffelsalat anschlämmen, in die am äußersten Bodenrand drei zweifingerbreite Fensterchen eingeschnitten sind, darunter batteriebetrieben die Elektronik, eine sich drehende Scheibe, oder ein sausender Ring, worauf zwei graue Plüschmäuschen mit kecken roten Öhrchen und Schwänzchen montiert sind. Diese Mäuschen rotieren nun also in ordentlicher Geschwindigkeit unter den Fenstern hindurch, verschwinden für Sekundenbruchteile und tauchen schon wieder auf, verschwinden, tauchen auf, verschwinden, brettern hindurch. Aufs heile Zentrum des Schalenbodens hat der Hersteller alte Teppichreste geklebt. Darauf nimmt die neugierig gewordene Katze Platz, versucht, mit ihren Pfötchen die durchhuschenden Mäuschen zu zausen, was aber dank der Enge der Schlitze und des in vielen Versuchsreihen erprobten Mäusematerials und Leims nicht gelingen mag. Die Katze angelt ein paar Mal nach den Stoffknuppeln. Wird schon träger. Putzt dann, kurz nachsinnend, die erfolglose Pfote, versucht sich auf dem Teppichrest zurechtzuhäufeln, rutscht faul die Schüsselwand hinab und legt sich entspannt um das surrende Spielwerk. Zweimal zucken noch die Öhrchen. Dann schläft sie.

Was soll ich sagen? Seither kein Mucks da drüben. So fest ich auch das Ohr an die Wand presse. Man muss nur aufpassen, dass die Batterien nicht ausgehen.

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