Schmetterlingstraum, Zartgefalteter

BERLINER ABEND Harte Zeiten, Damen und Herren, sind jetzt für den Flanör angebrochen. Wobei "Flanör" und "Berlin" auch in div. Wonnemonaten etwas harsch ...

Harte Zeiten, Damen und Herren, sind jetzt für den Flanör angebrochen. Wobei "Flanör" und "Berlin" auch in div. Wonnemonaten etwas harsch Kontradiktisches anhaftet. Ohne feineingestellten Wahrnehmungsselektor oder ein spendables Taschenfläschchen geht da gar nichts. Jetzt aber pumpelt es, wo man geht und steht, vollwattiert um einen herum. Männer und Frauen entblöden sich nicht, selbst bei Graden, die im Bereich der Trinktemperatur kräftigen Rotweins liegen, die umweltverschlissenen Haare unter balkanesken Pelzmützen oder handgestrickten Topflappen zu bergen und ihren schlechten Teint darunter so recht hervorkontrastieren zu lassen. Bis unter die gleichfahlen Anoraks sind die trübbraunen, -blauen oder -schwarzen Hosen gesprenkelt vom Straßendreck, die ins Orthopädische spielenden Billigturnschuhe scheinen nun endgültig mit den Füßen verschweißt und zeugen im Zusammenspiel mit der ihnen keinesfalls partnerschaftlich zugedachten Winterbekleidung von fortschreitender Verwahrlosung wie Armut gleichermaßen. Die fünfundneunzig Prozent der jungen Plateauschuhträgerinnen, die auch in diesem Sommer nicht gelernt haben, damit zu gehen, schlurfen, in Kleingruppen sich gegenseitig sichernd, durch den Schmodder wie mehrfach Behinderte. War man früher nur von den rücksichtslos durch die Pfützen bretternden Automobilisten bedroht, so ist man es jetzt aus der Mitte des eigenen Terrains heraus. Da ist der Flanör bedient und verlässt flugs fliehend die Schönhauser Allee, um sich ins Theater im Pferdestall und unter die Geisteskranken vom Sonnenuhr e.V. zu retten.

Die machen heute Modenschau in sieben selbsterdachten Bildern. Und als der Flanör eintritt, da gesundet, ob des strahlenden cremigen Weiß' der als Bühnenraum ge hängten Stoffbahnen, sein Herz schon ein bisschen. Auf tost die Musik, und der kleine Sturmgeierschmetterling trippelt auf bloßen Füßchen herein, ganz fest und autistisch in die pastellfarbenen Flügel seiner Kombination gehüllt, wartend auf den Dreiwettertaft-Män, der im freien Flügelschwung und alsbald mit nacktem Insektenleib das Sturmgeierlein umtanzt und ihm die Sehnsucht macht, die es seine Flügel entdecken lässt. Schleier für Schleier zeigen sie die zauberische Faltervielfalt ihrer zarten Tücher. Am Ende ruhen beide auf den ausgebreiteten Schwingen. Schon gelabt der Flanör: Ganz normale Irre hier - alt und jung, dick und dünn, graziös und plump, fliegend und beinahe schon fallend, bei den Verbeugungen vor allem. Ausbalancierend im letzten Augenblick. Völlige Abwesenheit vom bekannten Branchenzombitum, nicht schon wieder das sattsam bekannte Weisen diverser Geschlechtsteile oder

-merkmale. Auf die Träume folgt die fein ironisierte Realität, ihre Kleidung für den Alltag. Ein Bild in Schwarz und Weiß. Der Geschäftsmann mit erstklassigem Koffer und Zylinder und tyrannischer Uhr - hellsichtig: Der schlecht verkleidete Tod. Die Punkerin aus Pankow, wie lieb wir sie alle haben, als sie da über die Bühne stampft und sich anstrengt, ein paar Schreie der Rebel lion aus der Kehle zu pressen. Dann die Frau aus Hollywood, die reife Frau, die die Pannen der letzten Gesichtsoperation elegant hinter schwarzer Brille und hochgestelltem Kragen birgt, ihren Fans zuwinkend, über den Tod hinaus. Und um alle herum marschiert das brave Kind. Schritt, Schritt, Schritt. Immer im Viereck um die Bühne herum, klein und rund, ewiges Kind, mit einem Fähnchen in der Hand. Den Richtungswechsel wieder und wieder exakt einspringend. Brav, braves Kind. Es folgen Impressionen aus einem andischen Dorf. Große Blüten schmücken die versunken lachenden Köpfe. Aus einer Spitztütenkette fliegen im Zirkus Bonbons in die Zuschauerreihen, kleine ungarische Tänze deuten sich an. Alles bleibt auf den Beinen. Eine Liebe könnte sein. Der Herr im regenbogenfarben längstgestrichenen Anzug mit gelbem Revers. So ein Stück möchte der Flanör am liebsten gleich haben. Und dann wird uns eine Traumhochzeit gerichtet in hellem Beige und Schwarz, im alten japanischen Kung-Fu-Stil, die Binden bedeckt mit neu erfundenen Schriftzeichen.

Schmetterling Jens will noch etwas sagen. Aber er ist zu erregt und schreit seine Erregung in den Raum, und zum Schluss, dass sie alle schwer geübt haben. Und nun soll die Modenschau schon aus sein, oder nicht. Ein Ab- und Herwinken und wieder Abwinken. Dann fangen sie sich doch gegenseitig ein. Die Bühne bleibt leer. Der Flanör muss gehen. Dann steht er wieder draußen. Unter den üblichen Verdächtigen.

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