Kein Entkommen

Psychologie Eine schlechte Idee.
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In einer Höhle in Thailand eingeschlossene Fußballspieler und Flüchtende in überfüllten, hochseeuntauglichen Booten. Tragödien, die miteinander kaum vergleichbar sind. Deshalb verglichen Kommentatoren unsere Empathiewerte.

Dabei gestanden sie ihren Lesern zu, mit den zwölf Jugendlichen und ihrem nicht viel älteren Trainer zu fühlen. Alle Subtexte aber forderten: Hört auf euch zu freuen! Ihr freut euch doch sonst nicht!

Zwei Dinge miteinander zu vergleichen bedeutet auch zu fragen: Was sind die Unterschiede?

Die Antworten tun weh. Deshalb wollten die Kommentatoren ihren Lesern nur mal eben sagen, dass sie schamlos sind und schlecht. Das war die leichter zu vermittelnde, die angenehmere Botschaft.

Den schlanken Fuß machen wir uns hier nicht. Was sind die Unterschiede?

Das Ertrinken im Mittelmeer begann nicht gestern und endet nicht morgen. Die Höhle war eine Notsituation, überschaubar, mit Anfang und Ende, wie es auch ausgegangen wäre. Die andere Tragödie ist eine Dauerkatastrophe. All diese Notsituationen empathisch zu durchleiden, auf nicht absehbare Zeit, kann eine menschliche Psyche nicht leisten.

Den Flüchtlingsrettern wird nicht das Retten zur Last gelegt, sondern die Überfahrt. "Wir sind glücklich. Wir wollen nach Hause." Das sollen die ersten Worte der geretteten Jungen im Krankenhaus gewesen sein. Nachdem Thailand für die Rettung einiger weniger Staatsbürger weder Kosten noch Mühen gescheut hatte.

Und wer es auch zu verantworten hat, dass die jungen Fußballer in die Gefangenschaft dieser Höhle gerieten, es sind in keinem denkbaren Szenario wir. Wir waren unschuldig, wie man es an einer Notsituation anderer nur sein kann. Bis mit dem Vergleichen der Schuldspruch erging:

Moralischer Bankrott. Nur Hartgesottene zeigten sich danach noch öffentlich begeistert. Reflektierte Menschen begannen zu twittern: Mir doch egal ob die Rotzlöffel da lebend rauskommen.

"Wir brauchen das. Es passieren so viele andere schlimme Dinge", war aus England zu hören. Die unbekannte Quelle meinte den Gewinn der 21. Fußballweltmeisterschaft der Männer in Moskau. Auch daraus wurde bekanntlich nichts.

Sich der reinigenden Freude Hoffnung hinzugeben, dass vielleicht doch noch einmal etwas gut ausgehen könnte, irgendetwas, in dieser Zeit, war eine schlechte Idee. Niederträchtiger als die FIFA, nicht auch die Familie des gestorbenen Rettungstauchers zum Endspiel nach Moskau zu laden.

12:43 15.07.2018
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