Noch mal kurz zu Özil

Herkunft + Zugehörigkeit Zwei Herzen, so kann es nicht Halbherzigkeit sein.
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Sascha Lobo schreibt, "einem lautstarken Teil der Öffentlichkeit" reiche "nicht einmal Weltmeisterschaft, Reichtum und Gelsenkirchen-Geburt", um jemanden, z. B. Mesut Özil, als "zweifelsfrei "deutsch"" zu identifizieren. Spiegel Online 25.07.2018

Mesut Özil schreibt in Teil 1 seiner Rücktritts-Trilogie: "I have two hearts, one German and one Turkish." Spiegel Online 23.07.2018

Mutlu Özil, der seinen Bruder Mesut berät und vermarktet, teilt mit: "Wir leben in Deutschland und sind Türken. Wir haben zwei Verbindungen." Spiegel Online 25.07.2018

Wenn die Gebrüder Özil es nicht schaffen sich als zweifelsfrei "deutsch" zu identifizieren, wie sollte es ausgerechnet dem "lautstarken Teil der Öffentlichkeit" gelingen?

"Für einen Mesut Özil und einen Ilkay Gündogan muss der gleiche Maßstab gelten wie, sagen wir, für einen Marco Reus", schreibt Annelie Kaufmann. Sie konzediert, "dass einer mit türkischem Namen ... fragwürdige politische Positionen haben kann" und dass man in der Debatte durchaus zu dem Schluss kommen könnte, das Foto mit Erdogan sei "nicht tragbar". derFreitag Ausgabe 30/2018

Aber "fragwürdig" und "nicht tragbar" wären nicht die Worte, die "ein Marco Reus" zu hören bekäme, schon gar nicht von links, leistete er Wahlkampfhilfe für einen deutschen Politiker, der Erdogan in Rang und politischer Grundhaltung in nichts nachstünde. Der Teufel wäre los.

Wer nicht will, dass wir uns in ein „Wir“ und „die Anderen“ drängen lassen und dass wir Sachfragen besprechen statt Blockbildung zu betreiben (Annelie Kaufmann), kann nicht alle sprachlichen Register ziehen, undemokratisch, amoralisch, rechtsextrem, wenn es um "einen Marco Reus" geht, aber zwei Paar Samthandschuhe tragen wenn es um "einen Mesut Özil und einen Ilkay Gündogan" geht.

Die nichtlautstarke, nichtrassistische Mehrheit in Deutschland wird diesen Doppelstandard auf Dauer nicht verstehen. Nicht, weil sie sich selbst gern unwidersprochen mit jemandem wie Erdogan fotografieren lassen möchte, sondern weil sie findet, dass niemand solche Bilder produzieren können sollte, und schon gar kein Nationalkicker, ohne Konsequenzen zu fürchten.

Politische Kritik, auch harsche, an Mesut Özil und Ilkay Gündogan für deren "unpolitischen Schnappschuss" könnte, soweit sie von rassistischen Anfeindungen eindeutig zu unterscheiden ist, sogar Pflicht für alle sein, die noch wissen was passieren kann, wenn gehüpft und gesprungen wird, ganz ohne Absicht natürlich, sobald ein starker Mann pfeift.

"I am confident that many proud Germans who embrace an open society would agree with me", schreibt Mesut Özil.

Die Anrede "stolze Deutsche", falls es eine ist, klingt wie Hohn. Weiß er nicht dass Stolz, in Deutschland mehr als irgendwo, das Konzept der Traditionalisten und politisch Rechten ist? Und "eine offene Gesellschaft umarmen" liegt nicht weniger schwer im Magen beim Gedanken an mindestens eines der besagten Fotos, auf dem Özil sichtlich erfreut seinen Arm um Erdogan legt.

Die ganze Rüchtritts-Trilogie ist gespickt mit identitären Begriffen wie Erbe, Familie, Vorfahren und dergleichen. Solche rückbesinnenden Denkfiguren aber sind es u.a., die offenen Rassismus vorbereiten.

Herkunft und Zugehörigkeit, darüber sprechen wir. In jeweils zweifacher Ausführung.

Özil verweist auf seine Herkunft. Und jene, die ihn rassistisch anfeinden, verweisen auf seine Herkunft. Gemeinsam ist diesen höchst unterschiedlichen Verweisen, dass sie auf Trennendes fokussieren und keine inklusive Wirkung entfalten.

Özil beschreibt seine Zugehörigkeit als ein Sowohl-als-auch. Zwei Herzen, so kann es nicht Halbherzigkeit sein. Aber immer kommt es so an, weil zumindest fest steht, dass es sich nicht um ungeteilte Zugehörigkeit handelt. Nicht bei zwei Herzen und nicht bei einem.

Es gibt nur sehr wenige, sehr laute und nicht sehr schlaue Menschen in Deutschland, die jemanden wie Özil "zurück" nach Anatolien schicken wollen, im Vergleich zu den vielen, die wünschten, der Mann wäre voll da, mit allem was er hat, als deutscher Staatsbürger und Nationalspieler. Und nicht irgendwo in der Vergangenheit.

Denn wie nach Henne und Ei steht die Frage, was zuerst war, die wachgehaltene Rückbesinnung auf das "Land meiner Familie" (Özil) oder die Deportationsfantasie eines Kommunalpolitikers, der seine Tabletten nicht genommen hat.

Von betrunkenen "Fußballfans" ist nicht zu erwarten, dass sie ihre rassistischen und sexistischen Angriffe einstellen. Die betrachten Fußball als Kampfsport und wollen verletzen. Die meisten anderen aber machen sich ernsthafte Gedanken um Sätze, wie: "Wir leben in Deutschland und sind Türken."

Mutlu Özils Aussage wirkt exkludierend wie sonst nur die AfD. Ein Satz und alle werden in Mithaftung genommen. Einer ruft "Ziegenfkr" und Ankara attestiert ganz Deutschland einen faschistischen Virus. Sogar Bundesrusslandminister Schröder hat sich zu Wort gemeldet, noch mal kurz zu Özil. Was die Dringlichkeit der Angelegenheit unterstreicht.

02:53 28.07.2018
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