Dekonstruktion Barcelon'

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Schon wieder eine Stadt im Titel, wie mir gerade auffällt. Vicky und Cristina aus Amerika fliegen nämlich nach Barcelona, und aus diesen drei Entitäten besteht auch der Titel von Woody Allens Film, den das ZDF heute Abend um 22:15 Uhr in seiner Reihe "Sommernachtsphantasien" zeigt. Sommernachtsphantasien! Hüstel. Na ja, immerhin wird beim ZDF "Phantasie" noch mit "ph" geschrieben, das ist einnehmend, auch wenn diese seltsame Schwurbelklammer, ebenso wie die Einordnung "Erotikkomödie", hier nicht wirklich passend scheint. Viemehr haben wir es mit einer gleichzeitigen Dekonstruktion von Klischees und raffinierten Verbeugung vor der Unberechenbarkeit der Liebe, der körperlichen Anziehung und all den Schattierungen dazwischen zu tun. Klischees nicht nur über die Liebe, sondern auch über die Kunst, über Amerikanerinnen und Amerikaner, und sogar über das Klischeedenken selbst.

Doch um etwas zu dekonstruieren, muss es zunächst abgebildet oder gar erschaffen werden. Hier ist es die anfangs klassisch erscheinende Konstellation von zwei jungen Dingern aus den USA, die für zwei Monate die Möglichkeit bekommen, im feurigen Barcelona (Laue Sommerabende! Gitarrenmusik!) in der Stadtvilla entfernter Freunde der Familie des einen jungen Dinges zu residieren. Das selbige junge Ding, Vicky nämlich, dargestellt von Rebecca Hall, schreibt gerade an ihrer Magisterarbeit über die "katalanische Identität", wie die süffisante Erzählstimme aus dem Off schildert, ist jedoch hauptsächlich damit beschäftigt, sich mental auf die bevorstehende Hochzeit mit ihrem langjährigen, bodenständigen Freund vorzubereiten. Haus in den Hamptons, Polohemden und Verabredungen zum Golfspielen und mit Innenarchitekten zeichnen sich bereits am Horizont und auch personifiziert im Gastgeberehepaar ab. Ob diese Aussichten nun positiv oder negativ zu bewerten sind, bleibt eine Frage des Blickwinkels, auch und besonders des von Vicky selbst, wie sich zeigen wird.

Cristina (Scarlett Johansson) hingegen betrachtet sich selbst als Freigeist, ist kunstbegeistert und immer auf der Suche nach dem Besonderen, gerade auch in der Liebe. Wie genau dies aussehen soll, weiß sie zwar nicht, sie weiß jedoch, was und wie es nicht sein soll. Da kommt der gar aufregende, weil eben zunächst auch sehr klischeehaft dargestellte einheimische Maler (Javier Bardem) nur recht, der den beiden auf einer Vernissage über den Weg läuft und über den das Gastgeberehepaar nicht viel sagen kann, außer, dass er gerade eine schlimme Scheidung hinter sich hat, bei dem die Beteiligten sich gegenseitig umbringen wollten. Genaues weiß man aber nicht, da man "nicht so viel mit diesen Bohemiens zu tun" hat. Die weiteren Ver- und Entwicklungen müssen nun gar nicht allzu genau beschrieben werden, auch, weil man ihnen sonst ein wenig den Zauber raubt. Nur soviel: Es kommt eben immer anders, und zwar dieses Mal wirklich ganz anders, als man denkt.

Immer mehr zeigt sich nämlich, nachdem zunächst diverse Konstellationen der Liebe und des Begehrens durch- und ausagiert wurden, dass alles ja doch immer ein wenig komplexer und unberechenbarer in seiner Dynamik ist, als es zunächst scheinen mag. Und so verwandelt sich etwas, von dem man zunächst meinte, dass man ja ohnehin schon wieder alles darüber weiß und kennt, zu einer Meditation über die Frage, was es denn nun auf sich hat, mit der Schönheit und der Liebe und dem Reiz. Ohne wirklich eindeutige Antworten geben zu wollen und zu können. Gleiches gilt auch für den Komplex des Kunst-Wollens und des Künstler-Seins. In der Performanz, also dem Ausagieren der Geschehnisse, bröckeln Stück für Stück die festen Annahmen des Betrachters, zunächst eben die über gewisse Klischees, und später dann jene über ganz fundamentale Sichtweisen auf die Dinge in der Welt und wie sie sind und sein sollen, was natürlich bei jedem anders gelagert ist.

Und so wird ein jeder mehr oder weniger irgendwann dabei erwischt, dass ihn eine weitere Wendung des amourösen Reigens doch grundlegend überrascht und vielleicht auch einige der besagten Annahmen überdenken lässt. Dabei oszilliert der Film wunderbar leicht und angenehm um all diese Dinge, die nie wirklich und letztgültig fassbar sind. Man kommt von der Oberfläche, und wenn man sich mitnehmen lässt, führt einen Woody Allen - der in diesem Fall die Neurosenfrequenz angenehmerweise recht niedrig hält, oder sie zumindest sehr leicht wirken lässt, fast schwebend - hin bis zu den tiefsten Verästelungen. Interessant dabei ist auch, dass Cristinas Ruhelosigkeit, die sie zunächst ganz wurzel- und ziellos erscheinen, und später dann, wie eine Art Katalysator, plötzlich ein Gleichgewicht zwischen Maler und verrückter Ex-Frau (Penélope Cruz) erzeugen lässt - eine seltsame Balance, die ganz anders ist als das eigentlich von Cristina Gewünschte und Erträumte, aber trotzdem für das Ehepaar heilsam und für sie selbst talentfördernd - dass also eben diese Ruhelosigkeit am Ende die von ihr erzeugte Balance gleichsam wieder zerstört. Alles wohl eine Frage der Konstellationen. Was man daraus lernen kann? Ich weiß es nicht. Aber es ist ein sehr schöner Film. Gerade auch bei diesem Wetter da draußen.

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ZDF
Mo, 04.07.11 | 22:15 Uhr
Vicky Cristina Barcelona
Spielfilm USA/Spanien 2008

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Liebe Community, das „Fernsehen aus der Zukunft“ möchte künftig wöchentlich vorab einen Film schauen, der im regulären Fernsehprogramm läuft und diesen quasi empfehlend rezensieren. Wer daraufhin Lust bekommt, ihn auch zu sehen und vielleicht hier in den Kommentaren seine eigene Meinung beizusteuern, ist sehr herzlich dazu eingeladen!

19:48 04.07.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Daniel Windheuser

I am the key to the lock in your house that keeps your toys in the basement. Oder so ähnlich.
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Daniel Windheuser

Kommentare 13

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lisaschwert | Community
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helena-neumann | Community