Netzschau: Die bunten Blüten der Transparenz

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Moralisches Rügen, Träume vom größten Archiv der Menschheitsgeschichte, nachträgliche Affirmation, die meist tragische Interaktion von Wunsch und Realität, sowie die feine Balance zwischen Privatsphäre und öffentlichem Interesse. Eine Netzschau

1. Dass Google im Kontext seines Weltdigitalisierungsvorhabens in schöner Regelmäßigkeit mit den Gerichtsbarkeiten eben dieser unserer Welt zu tun hat, ist nicht wirklich neu. Bemerkenswert am jüngsten Urteil ist jedoch, dass der Konzern zum ersten Mal explizit für sein rüdes Geschäftsgebaren abgestraft wird:

"An sich ist die Idee, eine globale digitale Bibliothek einzurichten und sie allen übers Internet zugänglich zu machen, großartig. Das rechtfertigt aber noch lange nicht das Vorgehen von Google. Der Konzern hatte erst einmal das Urheberrecht missachtet, weil die Umsetzung des Projekts sonst zu kompliziert geworden wäre - und die Verlage erst hinterher um Erlaubnis gefragt. Zudem hat Konzerngründer Larry Page das Einscannen ja nicht als selbstloser Förderer der Literatur angestoßen. Er verfolgt wirtschaftliche Interessen: Wenn der Inhalt von Romanen, Fachaufsätzen und Lehrbüchern bei Google zu finden ist, stärkt das die Marktmacht der Suchmaschine und beschert ihr zusätzliche Werbeerlöse. Die Sorge der Konkurrenz wie Microsoft oder Amazon, Google verschaffe sich hierdurch einen Wettbewerbsvorteil, ist daher berechtigt. Erst recht, wenn dieser Vorteil illegal erreicht wurde." >> Financial Times Deutschland

2. Jan Engelmann, Kulturreferent der Heinrich Böll Stiftung, geht in einem Kommentar auf deren Website auf Hintergründe und Kontext des Urteils ein, auch bezüglich der positiven Aspekte des Vorhabens:

"So richtig die Bremswirkung des Urteils vom 22. März 2011 auch ist, so befremdlich sind manche Reaktionen hierzulande. Die FR raunt von „vollautomatischen Bücherfressern“, die FAZ geißelt die „unverfrorene Taktik des systematischen Rechtsbruchs“. Derlei Skandalisierungen können aber über eine Tatsache nicht hinwegtäuschen: Allein ein privates Unternehmen hatte die Vision und das technische Know-How, das zu tun, wovon Kulturpolitiker nur in Sonntagsreden handeln: den Traum des größten Archivs der Menschheitsgeschichte in die Tat umzusetzen. Nur weil Google hier einmal mehr First Mover war, heißt nicht, dass die Idee im Grundsatz falsch ist. Doch sollte man sich in der Umsetzung eher an offenen und gemeinnützigen Projekten wie WikiCommons oder dem Internet Archive orientieren." >> Heinrich Böll Stiftung

3. Ein weiteres jüngst ergangenes Urteil, gefällt jedoch nicht von staatlichen Organen, sondern vom Deutschen Presserat, beschäftigt sich mit der exklusiven Veröffentlichung von WikiLeaks-Dokumenten im Spiegel:

"Eine Journalistin hatte sich beim Deutschen Presserat beschwert, dass der "Spiegel" eine Monopolstellung einnehme und Andere mangels Zugang zu den Unterlagen nicht berichten könnten. Der "Spiegel" entgegnete, dass es die Redaktion weder zur Bedingung für eine Zusammenarbeit mit Wikileaks gemacht, noch darauf gedrängt zu haben, dass andere Medien vom Zugang zu den Unterlagen ferngehalten werden sollten." >> DWDL.de


4. Und ist man ohnehin schon bei "WikiLeaks", so sitzt auch der Begriff "Open Data" bereits mit am digitalen Tisch, hoch motiviert und hoffnungsvoll. Dummerweise haben Wunschvorstellungen von mehr Transparenz in demokratischen bzw. machtpolitischen Prozessen zumeist eine recht kurze Halbwertszeit, die zumeist über den Punkt definiert wird, an dem sie mit bereits etablierten Machtstrukturen in Berührung kommen:

"Der kurze Frühling von Open Data, der ist vielleicht schon wieder vorbei. Für die politische Kultur der deutschen Parteienlandschaft geht das Transparenz- und damit Demokratiepotential, das in den Prinzipien von OpenGovernment und OpenData steckt, möglicherweise zu weit. Open Data, radikale Transparenz oder gar eine Regierung als Plattform, also Open Government wird es in Deutschland noch viele Jahre lang nicht geben. Wenn wir nicht aktiv dafür streiten. Zwei Vorgänge in den letzten Monaten bestärken diese Einschätzung." >> Netzpolitik.org


5. Ein anderer Aspekt von Transparenz, Medien und Justiz ist die Problematik der "medialen Vorverurteilung" Prominenter, die vor Gericht stehen. Ein Interview mit dem Medienanwalt Mathias Prinz:

"Wenn die Presse in ihrer Funktion als "public watch dog" auftritt, also im öffentlichen Interesse informiert oder Missstände anprangert, ist der Schutz der Pressefreiheit besonders wichtig. Wenn es nur um Unterhaltung geht, ist der Schutz des Einzelnen vor Eingriffen in seine Privatsphäre wichtig. Man muss sich jeden Einzelfall genau ansehen und abwägen. Grundsätzlich gilt, dass jeder Mensch ein Recht hat sein Privatleben unbeobachtet und in Ruhe zu führen. Wenn die Medien ihn gegen seinen Willen ins Rampenlicht zerren und private Dinge offenbaren, ist das nach der Menschenrechtskonvention nur möglich, wenn ein berechtigtes öffentliches Interesse vorliegt." >> Planet Interview


6. Die Privatsphäre des Einzelnen wird wahrscheinlich nicht das Hauptanliegen der weltweit größten Biometrie-Datenbank sein, die das FBI nun (teilweise) in Betrieb genommen hat. Immerhin wird auch hier am Vorhaben des größten Archivs der Menschheitsgeschichte gearbeitet. Wenn auch irgendwie anders:

"Die Datenbank soll das Integrated Automated Fingerprint Identification System (IAFIS) der US-Polizeibehörde ersetzen und wird daher zunächst mit Fingerabdrücken gefüttert. Später sollen auch Iris-Scans, Stimmproben, Abbildungen von Handabdrücken, Tätowierungen, Narben und Gesichtsformen erfasst werden. Das System sei "größer, besser und schneller", erklärte Stephen Morris, stellvertretender Direktor der FBI-Niederlassung in Clarksburg im US-Bundesstaat Virginia, wo die Datenbank bereits getestet wird. Allein dort werden derzeit täglich durchschnittlich rund 168.000 Fingerabdrücke analysiert und identifiziert." >> Heise.de

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Randnotiz 1: KABUMM!

Randnotiz 2: HUCH!

Randnotiz 3: WTF?

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Bild: Kazuhiko Kawahara

Die letzte Netzschau findet sich hier

17:43 25.03.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Daniel Windheuser

I am the key to the lock in your house that keeps your toys in the basement. Oder so ähnlich.
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Daniel Windheuser

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