Von Fakten und Fiktion

Memoiren Die Erinnerungen des Journalisten Helge Timmerberg sind ein vergnügliches Stück Mediengeschichte
Daniel Windheuser | Ausgabe 14/2016

Mitte der 1960er Jahre begann sich in den USA eine journalistisch-literarische Strömung zu entwickeln, die man mittlerweile rückwirkend mit dem Begriff „New Journalism“ etikettiert. Junge Autoren wie Tom Wolfe, Norman Mailer, Truman Capote, Joan Didion und Hunter S. Thompson nahmen die strenge Trennung von Fakten und Fiktion nicht mehr allzu ernst und begriffen die journalistische Darstellung tatsächlicher Ereignisse eher als Ausgangsmaterial, das sie mit literarischen Techniken wie dialogischem Erzählen, detaillierten Szenenkonstruktionen oder auch freien Gedankenassoziationen anreicherten. Plötzlich wurden die starren Grenzen zwischen Journalismus und Literatur – vielleicht auch zwischen Schreiben und Leben selbst – fließend. Besser schreiben hieß: näher „dran zu sein“ und für das Erlebte eine aufregende, neue Sprache zu finden.

Zudem kannten die Akteure des „New Journalism“ keine Berührungsängste mit der amerikanischen Alltags- und Populärkultur; sie machten sie vielmehr zu ihrem Gegenstand. Naturgemäß wurde das neue Genre vom konservativen Journalismus verdammt, da es mit heiligen Grundsätzen der Branche brach, mit Ausgewogenheit, Objektivität und kritischer Distanz.

Während in den USA der Journalismus derart ein wenig entstaubt wurde, verließ der 1952 geborene Helge Timmerberg die Schule mit der mittleren Reife, um anschließend von Bielefeld nach Indien zu trampen, wo er in einem Ashram im Himalaja beschloss, Journalist zu werden. Nach seiner Rückkehr begann er 1972 ein Volontariat bei der Neuen Westfälischen Zeitung in Bielefeld und landete schließlich beim Stern. Während dieser Zeit entdeckte er Fear and Loathing in Las Vegas von Hunter S. Thompson, das ihn nachhaltig beeindruckte. In den folgenden Jahren reiste und schrieb Timmerberg für Publikationen wie Wiener, Playboy, Bunte und – Tempo.

Die Zeitschrift existierte von 1986 bis 1996 und war für eine Dekade das Zentralorgan des deutschsprachigen New Journalism. Hier schrieben nicht nur viele der späteren sogenannten „Popliteraten“ wie Christian Kracht und Eckhart Nickel, sondern auch Tom Kummer, der Ende der 1990er durch seine aufregenden, gänzlich frei erfunden Interviews mit Hollywood-Stars für das SZ-Magazin für einen veritablen Skandal sorgte.

In der Tempo beschrieb Timmerberg dann auch in einem Porträt von Hunter S. Thompson den Rollenwechsel, der für das Berichterstattungsmuster des New Journalism insgesamt und eben auch für Timmerberg selbst als Autor charakteristisch ist: Der scheinbar neutrale Beobachter verwandelt sich in den Teilnehmer, er partizipiert an dem Geschehen, das er beschreibt. Das Ich-Erleben funktioniert als Filter der Weltwahrnehmung.

Dies kann auch als praktizierte Medienkritik verstanden werden: Spielerisch und oft mit den Mitteln der Ironie werden die Relevanzhierarchien des klassischen Nachrichtengeschäfts variiert. Subjektiver Journalismus ist nicht nur Methode der Darstellung, sondern auch gleichzeitig die zentrale Botschaft. Denn was vordergründig nur von einem einzelnen Journalisten handelt, besitzt eine spezifische Form der Aktualität: Die Texte, die zunächst nur von einem Einzelnen und seinen ganz ureigenen, privaten Erfahrungen zu handeln scheinen, erzählen hintergründig doch immer auch von der Begegnung mit dem Unbekannten, dem Fremden, von Siegern und Verlierern und von der Möglichkeit eines anderen, wilderen Lebens, das sich nicht in gängige Raster einpassen lässt. Es werden also auch immer Grundfragen menschlicher Existenz, womöglich jedoch aus einer rein ichbezogenen Perspektive, zum Thema.

In Die rote Olivetti nun schildert Timmerberg seine Anfänge als Journalist und die Jahre danach, in denen er in seinen Reportagen dieses Konzept umsetzt und eben auch auslebt, berichtet offen und ungeschminkt von seinen Reisen, seinen Exzessen und auch von seinem tiefen Drogenabsturz und der folgenden Läuterung. Vergnügliche Memoiren, die auch ein Stück Mediengeschichte sind.

Autobiografie

Die rote Olivetti Helge Timmerberg Piper 2016, 240 S., 20,00 €, als E-Book 15,99 €

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06:00 06.04.2016
Geschrieben von

Daniel Windheuser

I am the key to the lock in your house that keeps your toys in the basement. Oder so ähnlich.
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Daniel Windheuser

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