Weg in die Kita

Familienpolitik Die Ganztagsbetreuung von Kindern wird immer weiter ausgebaut. Rainer Stadler fragt nach Ursachen und Folgen dieser Entwicklung
Daniel Windheuser | Ausgabe 45/2014 1

Kinderbetreuung ist ein Reizthema, aufgeladen mit ideologischen Vorbehalten, vor allem aus konservativen Kreisen. Für viele Eltern ist es heute aber selbstverständlich, dass zügig nach der Geburt für die Kleinen ein Krippenplatz gesucht wird, damit sie selbst spätestens zum ersten Geburtstag des Nachwuchses an den Arbeitsplatz zurückkehren können. Länger als zwölf Monate wird schließlich für einen einzelnen Elternteil kein Elterngeld bezahlt. Und länger wollen auch viele Chefs nicht gern auf bewährte Mitarbeiter verzichten.

Das bringt eine Menge organisatorischer Fragen mit sich: Welche Krippe hat wie lange offen? Ist ein Kindergarten mit Ganztagsbetreuung angeschlossen, in den das Kind mit drei Jahren wechseln kann? Und natürlich auch: Wird mein Kind in der Kita genug gefördert? Der Gedanke, dass Kindheit auch darin besteht, zu tun und zu lassen, was man will, ohne Gängelung, Vorschriften und ständige Kontrolle durch Erwachsene, kann da schon einmal in den Hintergrund geraten.

In seinem neuen Buch stellt Rainer Stadler die Frage, was eigentlich die Kinder von diesem Modell und dem Alltag, der sich daraus für sie ergibt, halten. Und er fragt weiter: Warum überlassen Eltern ihre Kinder ohne großes Zögern der staatlichen Betreuung? Warum vertrauen sie darauf, dass ihre Kinder in mehr oder weniger gut ausgestatteten Einrichtungen besser aufgehoben sind als zu Hause? Warum sind die Eltern nicht skeptischer gegenüber einer von Erziehern, Lehrern oder sonstigen Pädagogen geprägten Welt? Obwohl sie selbst möglicherweise einen Teil ihrer Kindheit mit eher gemischten Gefühlen in dieser Welt verbracht haben?

Stadler, Redakteur des Magazins der Süddeutschen Zeitung, ist überzeugt, dass die Antworten auf diese Fragen nur teilweise bei den Eltern zu finden sind. Dass man einen größeren Ausschnitt der Gesellschaft betrachten muss, wenn man die gegenwärtige Entwicklung verstehen will. Denn Eltern lieben ihre Kinder heute ja nicht weniger als früher. Ganz im Gegenteil: Umfragen und Studien zeigen, dass sie ihrem Nachwuchs emotional näherstehen, als das noch vor 30, 40 Jahren der Fall war.

Das gilt insbesondere für die Väter, die heute mehr Anteil an der Erziehung und dem Wohlergehen ihrer Kinder nehmen als noch ihre eigenen Väter. Gleichzeitig haben Frauen mehr berufliche Möglichkeiten als früher und stehen in ihren Karriereambitionen Männern oft nicht mehr nach. Was ja einfach nur ein Stück gelebte Gleichberechtigung ist.

Stadler ist sich aber sicher, dass es nicht in erster Linie Wunsch der Eltern ist, die Kinder möglichst früh in fremde Hände zu geben. Vielmehr gründe die Entwicklung, Kinder früh und lang von ihren Eltern zu trennen, vor allem auf gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zwängen.

Das Familienministerium sei zu einer Unterabteilung des Wirtschaftsministeriums und des Finanzministeriums verkommen, kritisiert er. Und Familienpolitik diene auch dazu, den Sozialhaushalt zu entlasten, ausreichend Nachschub für den Arbeitsmarkt zu produzieren und mehr Steuereinnahmen zu generieren. Die Interessen und Wünsche der Familien, der Mütter, der Väter und der Kinder seien dabei meist nur Nebensache.

Bereits im Jahr 2005 hatte die schwarz-rote Regierung in ihrem Koalitionsvertrag festgehalten: „Kinder dürfen nicht länger ein Hindernis für Beruf und Karriere sein.“ Nachdem die Altenpflege bereits aus der Familie ausgelagert wurde, sei nun die Betreuung von Kindern dran, schreibt Rainer Stadler. Es gehe darum, die produktiven Kräfte der Gesellschaft von ihren sonstigen Verpflichtungen zu befreien, damit sie sich voll und ganz dem Erwerbsleben widmen könnten. Und Stadler geht in seiner Kritik sogar noch weiter. Bei der aktuellen Familienpolitik handle es sich um nichts anderes als die Fortführung des Grundgedankens der von der Regierung Gerhard Schröder geschaffenen Agenda 2010: Sozial ist, was Arbeit schafft.

Dass Kinderbetreuung nicht in allen Fällen die richtige politische Antwort auf die Wünsche und Modelle heutiger Familien ist, ist eine Erkenntnis dieses Buchs.

Vater Mutter Staat Rainer Stadler Ludwig Verlag 2014, 272 S., 19,99 €, auch als E-Book

06:00 06.11.2014
Geschrieben von

Daniel Windheuser

I am the key to the lock in your house that keeps your toys in the basement. Oder so ähnlich.
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Daniel Windheuser

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