Daniel Windheuser
08.10.2011 | 14:00 4

Zusatzlöwe besucht Philosophen

Metaphernspiel Ein feiner Knochen nicht nur für Akademiker: Sibylle Lewitscharoff und ihre Fantasie über Hans Blumenberg

Der behandelte Gegenstand ist klar: Hans Blumenberg, Philosoph, physisch anwesend in dieser Welt von 1920 bis 1996, Lordsiegelbewahrer der Metapherntheorie und wohl von deutschen Geisteswissenschaftlern meistzitierter Geisteswissenschaftler. Gegen Ende seiner Karriere wurde er sogar Liebling der Diskurstheorie, ohne dass er selbst je deren Begrifflichkeiten verwendet hätte.

Sibylle Lewitscharoffs neuer Roman nun macht aus dem ehemals lebendigen Subjekt Hans Blumenberg, der ja bereits im Sinne der akademischen Heldenverehrung eine Art Figur war, final und literarisch eine solche. Diese Blumenbergfigur erhält eines Abends im Jahre 1982 in der dachstüblichen Arbeitsklause seines Münsteraner Hauses Besuch von einem Löwen, der plötzlich auf seinem Teppich liegt, ruhig, einfach anwesend.

Hoppla. Das Heldenverehrungsregelwerk des Akademikers will sich gegen eine derartige Profanisierung geistiger Vorbilder verwehren und schreit auf. So etwas kann doch nicht funktionieren. Fiktiv-reale Philosophenfiguren imaginieren paradigmatische Tiermetaphern. Wo kommen wir denn da hin? Man stelle sich Derrida vor, wie er von einem Pudel heimgesucht wird.

Ein Wunder frei Haus

Hier funktioniert es aber überraschenderweise sehr gut. Der Löwe als Vater aller Metaphern wird sofort auf einer verschmitzten Metaebene wahrgenommen und eingeordnet: „Blumenberg wusste sofort, dass hier viel falsch zu machen war und nur eines richtig: abwarten und die Fassung behalten. Er wusste auch, dass in Gestalt des Löwen eine außerordentliche Ehre ihm widerfuhr, gleichsam eine Ehrenmitteilung der hohen Art war überbracht worden, von langer Hand vorbereitet und nach eingehender Prüfung ihm gewährt. Man traute Blumenberg offenbar zu, dass er in seinem schon etwas höheren Alter leichterdings damit fertig würde.“

Und so sitzt er nun da, mit plötzlichem Zusatzlöwen, und kommt sich vor wie Hieronymus im Gehäuse, dem ja selbst ein zahmes Raubtier bei seinen Tätigkeiten zu Füßen lag. Wie aber ist mit einer solchen Epiphanie umzugehen? Schließlich ragt Blumenberg, der immer auch Freund theologischer Fragen war, nun quasi ein Wunder ins Haus, und die Sache einfach als Halluzination zu betrachten, erlaubt er sich nicht. Trotzdem stellt der Löwe ein Rationalitätsproblem dar, das aber nicht gelöst wird. Vielmehr erzeugt das Vermeiden einer eindeutigen metaphorischen Bedeutung eine Art reine, selbstverständliche Präsenz, die weiteres Nachprüfen in gewisser Weise kleinlich scheinen lassen würde. Die Figur Blumenberg sieht das so: „Der Löwe ist zu mir gekommen, weil ich der letzte Philosoph bin, der ihn zu würdigen versteht.“

Die Anwesenheit des Tieres jedenfalls, wie immer sie ontologisch zu verorten ist, erzeugt Trost und Zuversicht, die auch schwer nötig sind, denn immer wieder ist die Blumenbergfigur gezwungen, Klage zu führen: über den Verlust des Weltzusammenhangs und den allgemeinen Stand der Dinge. Hier spielt auch die Behaglichkeit des akademischen Milieus eine Rolle, der akademischen Existenz, die gleichzeitig ganz in der Welt und ganz außerhalb von ihr ist. Fast könnte man meinen, dass dies das „Gehäuse“, die Zuflucht ist, deren Vergehen betrauert wird. Die sichere Abgeschiedenheit, in der das Verhältnis von Begriffen und Dingen noch nicht postmodern zerfasert.

Ergo beschäftigt sich der Text nicht nur mit Blumenberg, sondern auch mit der Gemeinde ihn verehrender Studenten. Jedoch gibt es hier kaum Berührungspunkte, vielmehr entsteht eine klare Abgrenzung von Blumenbergs nokturnalem Gedankenuniversum und der exaltierten Schwärmerei seiner Adepten. Und sowohl die fiktiven Richard und Hansi und Gerhard, wie auch des letzteren ebenfalls fiktive Freundin Isa, die vollkommen gefangen ist in einer liebeswahnsinnigen Projektion ihrer Wünsche und Vorstellungen auf Blumenberg selbst – sie alle werden den Roman nicht überleben, sterben frühe und trocken beschriebene Tode, was die Irritation über die getrennten Welten nicht unbedingt verringert.

An Fährmanns statt

Und dann adressiert der bisher brav bei seinen auktorialen Leisten bleibende Erzähler auch noch direkt, über seine narrative Technik reflektierend, den Leser: „So viele Tode verhältnismäßig junger Menschen. Man wird einwenden, der Erzähler hätte besser daran getan, Verzicht zu üben und nicht mit einer solchen Häufung aufzuwarten. [...] Ein Erzähler hat aber die Pflicht, auch das Unwahrscheinliche wahrheitsgetreu zu verzeichnen. Möglichst knapp. So wurde in der Geschichte nun mal gestorben, und so wurde es eben festgehalten.“ Was jedoch keineswegs zu bemängeln ist, als weiterer Verweis darauf, dass die grundsätzliche Absurdität des Todes durchaus wundersamer ist als das Erscheinen eines metaphysischen Löwen.


Trotz dieser vermeintlichen Schwere haben wir es mit einem launigen Ensemblestück zu tun, geschrieben nicht nur für ein geisteswissenschaftliches Publikum. Zwar funktionieren manche Anspielungen nur, wenn man einigermaßen vertraut ist mit der abendländischen Geistes- und Philosophiegeschichte; vieles lässt sich wiederentdecken, und zwar nicht nur Elemente theoretischer Texte, die irgendwann einmal gelesen wurden, sondern vor allem auch der seltsame Geisteszustand, der nun einmal nur in besagtem Milieu entstehen und ­gedeihen kann. Aber man muss selbst­verständlich kein Akademiker sein, um sich fein unterhalten zu lassen.

Am Ende schließlich finden sich sämtliche Protagonisten in einer Art geschlossenen (Gehäuse-)Gesellschaft wieder, einem nicht näher definierten Raum am Übergang zwischen Leben und Tod. Der Philosoph nebst Löwe, umringt von seiner Anhängerschaft. Eine große Entspanntheit ist über allem, Erinnerungen ans materielle Dasein entschwinden. Es bleiben nur Geist und Bewusstsein, noch ein wenig umherwabernd ohne die konstituierende oder zumindest bergende, beherbergende Materie. Statt der finalen Auflösung aller Rätsel entfaltet sich ein Zustand angenehmen Desinteresses an allem, was einst plagte. Und so ist vielleicht die vermisste Geborgenheit nur im Ensemble des Todes zu finden, während der Löwe sich als Begleitpersonal für den Übergang in die andere Welt zeigt, an Fährmanns statt. Das allerdings sprengt dann endgültig seinen metaphorischen Rahmen.

BlumenbergSibylle Lewitscharoff Suhrkamp 2011, 220 S., 21,90

Kommentare (4)

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helena-neumann 10.10.2011 | 01:58

Ob er einer der meistzitiertesten deutschen Geisteswissenschaftler ist? Das mag dahin gestellt sein. Die Promotionsstatistiken und Artikellisten sprechen eine andere Sprache. Ob er „ Lordsiegelbewahrer der Metapherntheorie“ war? Meinetwegen! Dass er ein Freund theologischer Fragen war, ist eindeutig untertrieben. Er hat sich an christlicher Theologie abgearbeitet und wurde spätestens Ende der 50er Jahre einer ihrer luzidesten Kritiker. Hans Blumenberg (1920-1996) war sicherlich einer der herausragenden Philosophen der deutschen Nachkriegszeit. Dass er zeitlebens ein Außenseiter blieb, hatte auch mit seiner Erfahrung im Nationalsozialismus zu tun. 1944 war der Katholik Blumenberg, dem die Nazis ein Studium an einer deutschen Universität verwehrten, in seiner Heimatstadt Lübeck festgenommen und ins Lager gesteckt worden, aus dem er entfliehen konnte, um dann mit Hilfe der Familie seiner späteren Frau unterzutauchen. Den Krieg hatte Blumenberg zwar überlebt, doch das Trauma blieb.

In einem seiner späteren Hauptwerke „Höhlenausgänge“ (Frankfurt am Main 1989), wendet er seine Erfahrung in allgemeine Erkenntnis, indem er einen alten philosophischen Trick anwendet: Blumenberg fingiert den Menschen in eine Situation des Naturzustandes. Evolutionsgeschichtlich betrachtet, kann er nun folgern, sind Menschen von Natur aus sichtbare Wesen, damit sowohl angreifbar als auch verwundbar. Das macht sie so verletzbar und anfällig für ein Fluchtverhalten, dass ES sie in die Unsichtbarkeit der Höhlen treibt. Denn nur durch Verschwinden von der Erdoberfläche, gelinge es, feindlichen Angriffen zu entkommen. Doch Hunger und Kälte, vor Allem aber die Neugier treiben sie immer wieder heraus aus ihrer Unterkunft. So auch Hans Blumenberg.

Philosophie bedeutete für diesen Denker geschärfte Wahrnehmung und Aufmerksamkeit in einer durch und durch unwirtlichen, ängstigenden Welt. Überzeugt davon, dass Menschen schon früh den Schutz der Höhle für Erzählungen nutzten, um sich die Angst von Leib und Seele zu reden („Arbeit am Mythos“. Frankfurt am Main 1986), sollten die kulturellen Werke über Mensch und Welt nicht mit den Werken selbst verwechselt, sondern Kultur als eine Art Notwehr gelesen werden gegen eine feindliche Umwelt.

Nun macht Not bekanntlich erfinderisch. Blumenberg schlug sich mit Fragen herum, wie der Mensch, aufgrund seiner Bedürftigkeit und Verletzbarkeit zu schöpferischen Taten fähig sei, wie er sich der Übermacht der Faktizität einer sinnlosen Wirklichkeit entgegenstemmte. Für Blumenberg waren es die grundlegendenden Daseins- und Weltmetaphern und deren Verschiebungen, die Aufschluss in der abendländischen Geistesgeschichte darüber geben, wie menschliche Sinnerwartung, Erfüllung und –enttäuschung sich ineinander verschränken. Diese Analyse verknüpfte er damit, wie der Mensch, der auf metaphysische Deutungsmuster angewiesen sei, mit dem Ende der großen Sinnerzählungen von Religion und Metaphysik zu Rande komme.

Eckhart Nordhofen schrieb in seinem Nachruf auf den Philosophen, Blumenberg habe die Nacht zum Tag gemacht (www.zeit.de/1996/16/blumenb.txt.19960412.xml). Nun, hat Sibylle Lewitscharoff ihn, von dem es nur wenige Photos gibt, ein wenig sichtbarer gemacht. Mit „Blumenberg“ hat sie ihm ein Denkmal geschrieben, ein Zärtliches allemal.
Warum wählte Lewitscharoff in ihrem Roman einen zahmen Löwen als letzten Begleiter des scheuen Denkers?
In „Emblemata“. (Handbuch zur Sinnbildkunst des XVI. und XVII. Jahrhunderts ,hrsg. von Arthur Henkel und Albrecht Schöne. Stuttgart, Weimar 1996 (TB)) habe ich eine mögliche Erklärung gefunden: Reum. Embl. II. Nr. 1
Die Überschrift: Wie süß ist Mild, verbunden mit Einsicht!
Das Bild: ein friedlich, in sich ruhender Löwe

„Je gebildeter einer ist, um so menschlicher ist er, und je ungebildeter, um so eigensinniger. Durch die freien Künste wird das Gemüt sanft, die Wildheit der ungebändigten Sitten flieht. Ja, ohne Bildung ist nichts lobenswert, und kein Mann war ohne sie groß. Es heiß, daß der größte Held, Archill, einst aus Mangel an Muttermilch aufgewachsen sei mit Löwenmark als Nahrung. Sei Name macht die Sache glaubhaft. Ist wohl irgendein Tier großmütiger als der Löwe, ist wohl irgendeine Speise süßer als eine Knochen? So dürfte wohl niemand zur Hoffnung hoher Tugend aufwachsen ohne eine solche Heldennahrung. Dich, Streinius, machen die die Wissenschaft und die hohe Bildung und die ihr gleiche Humanitas groß. O, süße Verbindung einer solchen Tapferkeit und Wissenschaft, o gute Vereinigung!“ (Eur. Iph. Aul. 703f.; Apoll. Bibl.III 13,8; Schol. Hom. II. IX 668; Valerion, hierogl. I 13)

Wolfgang Möller 10.10.2011 | 14:01

Soviel Gerühmtes und woran denke ich? Ach wie schön waren seine Donnerstage in Münster. Drei von vier 90-minütigen Dienstterminen am Donnerstag, das Seminar, das Kolloquium und die Sprechstunde. Immer jener Donnerstag, der bis heute so oft ausfällt im Sommer dreimal von zwölf Terminen und die kleinen weißen Zettel, die dem angereisten Studenten erklärten, daß Krankheit oder Tagung den Ausfall des Termins bewirkten.

Als er schon weit über 50 war, hatte ich von einem Studenten gehört, der ein Examen bei ihm abgelegt hatte, prompt aber sein Assistent wurde. Aber inhaltlich war sein Kolloquium einfach strukturiert: Monologe über 90 Minuten. Fragen ? gab es keine an seine Studenten. Kein Gespräch, kein Interesse. Er hatte viel von seinem Höhlenmenschen.

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helena-neumann 10.10.2011 | 20:30

@Möller
Lieber Herr Möller,

vielen herzlichen Dank für Ihre Erinnerungen.

In München hätte ich gerne einen berühmten Kenner des Deutschen Idealismus gehört (der alte Herr lebt noch, deshalb keine Namen!). Der hatte, habe ich mir sagen lassen, die meisten Freisemester weltweit. Ja, und da waren noch die vielen Krankheiten, Befindlichkeiten....eben dieses "Menscheln", das Deutsche Lehrkörper häufiger befällt als anderswo. Mag es an unserem Klima liegen? Ich habe mich dann "im Sinne "der Herren noch für einen andere Fakultät entschieden.

Salut
HN