Freiheit, die wir meinen

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Anders sein – wie soll das aussehen? Ein Resümee aus dem Workshop von der Freitag am 21. April 2012 in Berlin

Mitten im Workshop sagte wer spontan: Die Community im Paper abbilden? Dann doch gleich einmal einen IPad in die Zeitung stanzen, auf die URL freitag.de/community programmiert. Amazon hat schließlich auch seine Reader. Und während im Kopfkino der Film ablief (reißender Absatz der nächsten Freitag-Ausgabe, die dann trotzdem weniger als 5 Euro kostet, Schreikrämpfe der Konkurrenz, hoch darüber schwebend der breit grinsende Geist von Steven Jobs), meinten zwei andere trocken: Ne ne, besser eine Folie einschweißen, am besten betrieben mit Solarzellen – das dafür öfter. Der FCle wäre um ein Haar geboren worden.


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Was da in einer kurzen Arbeitspause mit deutlich nach oben zeigenden Mundwinkeln hin und her gefrotzelt wurde, war klare Folge des Themas: Wir ersetzen die Leserbrief-Seite von der Freitag durch eine Community-Seite. Und da wir überwiegend so gut wie keine Ahnung vom Zeitungmachen haben, hielten die eine oder der andere es in Gedanken vielleicht mit David Gelernter, der für das Internet einmal ausgedrückt hat: Es sind Ideen gefragt von Menschen, „die nichts von den technischen Einschränkungen wissen“ und gerade deswegen kreativ sind. Denn wo gibt es die Form des Schwimmens gegen den Strom, eine online-Community aus dem Netz raus und in einer Zeitung sichtbar zu machen?!


Drei Konzepte und eine Deadline

Wir sollten liefern, in spätestens 5 Stunden. Drei Arbeitsgruppen, nach dem Zufallsprinzip zusammen gewürfelt, die alle zusammen und jede für sich am Ende ein Konzept, einen Entwurf zu präsentieren hatten. Das war das Ziel. Im Hinterkopf drei Berichte (->hier ->hier ->hier) zur vorangegangenen Veranstaltung vom 21. Januar nebst 526 Wortmeldungen danach. Vor uns jede Menge leeres Papier, Stifte, Laptops, Flip-Charts. Zum Schluss eine Präsentation für und mit Würdigung durch sämtliche Beteiligte.

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Konzept 1 – P2P

Die Verzahnung von Community und Redaktion: Es spricht nichts dagegen, das Prinzip der Gleichheit der Kommunikationsmedien von Peer-to-Peer (P2P) oder synonym einer Rechner-Rechner-Verbindung auf die handelnden Personen anzuwenden (1). Die besondere Kompetenz des Zeitungsmachens korreliert mit thematischen Sachkompetenzen der Blogger. Die Vernetzung ist die von Mensch und Information unter- und zueinander; jede(r) ist gleichzeitig Server und Client. Kreativität wird angezapft, vernetzt, das Ergebnis veröffentlicht.

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Modularer Aufbau: Der Aufbau der Seite sollte modular (2) sein. Das fördert den Wiedererkennungseffekt, erleichtert die Aufgabe für das Lay-Out, gibt ein zeitungsgerechteres Maß für Texte. In den Modulen lassen sich (aus der Gesamtheit der Blogs) „gefischte“ (3) oder (auf Zuruf gefertigte) „bestellte“ (4) Texte genauso unterbringen, wie das Gegenüberstellen von „pro und contra“ (5) zu einem (kontrovers diskutierten) Thema oder dessen Abbildung aus den verschiedenen (weiteren) Verknüpfungen im Netzwerk Freitag. Modular ist auch der verstärkte Einsatz (6) von „Kästen“ (Info zum Autor, Hintergründe, Querverweise). Das dient gleichzeitig der

Transparenz: Die Artikel enthalten jeweils einen Redaktionshinweis (7), warum der Artikel erscheint oder eine (gerade diese) Kontroverse / das pro-contra abgebildet werden. Redaktion (8) ist dabei nicht mehr (fast) ausschließlich die „online“, sondern jeweils die thematische Schwerpunktredaktion: Alltag, Politik usw. Auch Paperliebhaber kommen damit in den Genuss der näheren Bekanntschaft mit Blogs als eigenständige und funktional gleichwertige Kommunikationsform. Wünschenswert (und befördert nach dem Relaunch mit der Einrichtung von Unterressorts/Dossiers aus der Mitte der FC): Auch die Selbstredaktion, was innerhalb der FC bedingt ein erhöhtes Maß der

Zusammenarbeit, die community.com: Blogger zu Journalisten zu Blogger? Oder wird ein Team, wenn es zusammenarbeitet, automatisch zur Clique? Nein, jede(r) hat ihren/seinen Stellenwert und die Liebe zu „ihrem/seinem“ Medium. Aber ein regerer Austausch zu- und untereinander, die Verstärkung der Wechselbezüglichkeit (9) zwischen den handelnden Personen und damit auch das „learning by doing“ gewisser Fertigkeiten fördern das Projekt.

Konzept 2 – die Reflexion

Dass es bei einer in gewisser Weise recht eng gefassten Fragestellung, die an verschiedene Gruppen gerichtet wird, in den erarbeiteten Antworten Überschneidungspotential gibt, liegt in der Natur der Sache. Folglich waren Verknüpfung, Transparenz und ein in gewisser Weise „modularer Aufbau“ (also feste Formate auf der Seite selbst, die jedoch je nach Bedarf variiert werden können) durchaus auch hier Thema. Jedoch lag das Hauptaugenmerk der zweiten Gruppe eher auf dem Aspekt der Reflexion.

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Reflex ist nicht nur das Spiegelbild, sondern setzt früher an: Das Reflektieren darüber, was oder wer Community ist und was sie bewegt (wiederum: zu bewegen in der Lage ist).

Breiter Raum ist daher den thematischen Klammern (1) einzuräumen, die stets und immer wieder aufs Neue in der FC vorzufinden sind. Sie abzubilden bedeutet, auch die Vorgänge innerhalb der Community zu verdeutlichen, zu dokumentieren. Unter diesem Blickwinkel gewinnen im Paper abgedruckte, in sich geschlossene Texte, Debatten und Zitate einen Stellenwert über das Journalistische / Bloggen hinaus. Sie werden auf eine

Metaebene gehoben. Die Strukturierung des Themas erfährt seine Ergänzung und damit die Sichtbarmachung im direkten Vergleich der „Meinungsmacher“. Etwa (2) in Form eines Interviews der Community mit einem befassten Journalisten / Redakteur, das die Wechselbezüglichkeit nicht nur darstellt, sondern zu einer Synthese verbindet. Ausgangspunkt dafür kann sowohl ein Artikel im Print selbst sein, aus dem sich eine Debatte in der FC entwickelt (hat) oder der umgekehrte Fall, dass ein eigenes Thema der FC im Print weiter entwickelt worden ist.

Ein drittes mögliches Format (3) auf der Community-Seite könnte unter dem Begriff „Personality“ zusammengefasst werden: Ein quasi „Blogger der Woche“ wird vorgestellt, was über ein bestimmtes, wiederkehrendes Fragenschema, gewisse Standardinformationen und ähnlichem stattfinden kann.

Konzept 3 – vom Ich zum Wir

Wiedererkennbarkeit/Beständigkeit: Neben dem modularen Aufbau der Seite gibt es wiederkehrende Elemente bzw. Rubriken, die LeserInnen an die Seite binden und Vertrauen schaffen. Das beugt dem Eindruck vor, bei der Seite handele sich um ein ständig wechselndes Sammelsurium.

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Mögliche Elemente wären: Die Community in Zahlen (1) (ähnlich wie in der Brand Eins eine Community-Zahl zu einem nicht erwartbaren Punkt); Meine Vision: Statt eines Community-Zitats erklärt ein Community-Mitglied in ca. 160 Zeichen, was seine Vision/Utopie (2) ist; Der (3) “Regionalbericht” (Arbeitstitel): Um der gefühlten Berlin-Lastigkeit entgegenzuwirken, schreibt jede Woche ein Communitymitglied aus einer anderen Stadt über etwas aus seiner Region, mit Markierung auf einer Landkarte; Pro/Contra mit klarer Gegenüberstellung (4) der Positionen, die nicht lediglich Zitate aus Blogs abbilden, einschließlich Userbilder; Redakteur xy empfiehlt (5): Angelehnt an den Look der meistkommentierten Beiträge sowie die Artikelteaser auf der Startseite der Online-Ausgabe empfiehlt jede Woche ein anderer Redakteur (fünf) aktuelle Beiträge aus der Community (inklusive Bild, Teasertext, Shortlink).

Der letzte Punkt ist wichtig für die Vernetzung in beide Richtungen: Die Seite soll sowohl Inhalte der Community in der Zeitung abbilden als auch ZeitungsleserInnen für die Community interessieren. Gleichzeitig wird eine Wertschätzung der Redaktion für bestimmte Texte ausgesprochen, auch für solche, die online vielleicht untergangen sind, weil sie zwar gut, aber kaum kommentiert wurden.

Ideen für wechselnde Formate (6)(neben dem obligatorischen Abdrucken von Texten):Bilder, User illustrieren Blogs anderer User, Quiz (das auf etwas in der Community verweist. Siehe: „Gehen Sie ins Netz in der FAS“), Fortsetzungsroman, Grafische Abbildung von Debatten (siehe Latte-Macchiato-Grafik).

Der Schwerpunkt (6) liegt auf zeitlosen Texten und persönlichen Berichten, bei denen auch – im Gegensatz zum Feuilleton – das Ich im Vordergrund stehen darf. Von der Redaktion gibt es einen “Leitfaden”, der erklärt, worauf zu achten ist, so man für die Printausgabe schreiben möchte, welche redaktionellen Abläufe es gibt (Redaktionsschluss, Auswahlkriterien, etc.). Es sollen jedoch nicht unbedingt bestellte Texte abgedruckt werden (außer z.B. Debatte, Regionalbericht, Vision). Denkbar ist aber, mehrfach im Jahr “große” Themen auszuschreiben und dazu Sonderseiten zu produzieren.

Das Wort an freitag.de/community

Kreativ sein hat an diesem Samstag in den Redaktionsräumen von der Freitag bedeutet: Den Versuch unternehmen, hehre Prinzipien in konkrete Vorstellungen umzusetzen. Paradoxerweise in einem engen zeitlichen Korsett – so und so viele Minuten für die Sammlung von Material, für dessen Sortierung, die Formulierung von Einzelzielen, deren Diskussion und schließlich für die Vorstellung von Produkten wie die Auseinandersetzung damit. Das war Creative-Lab und erlebtes Zeitmanagement. Ein wenig wie kurz vor Drucklegung. Das Grundverständnis für das Projekt an sich hat es erlaubt, an der Arbeit auch noch Spaß zu haben. Unser „auf Wiedersehen“ zum Schluss meinte einhellig nicht den Abschied, sondern: Mehr davon.


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Die Ergebnisse zu vermitteln und damit einem allgemeinen Wunsch Ausdruck zu verleihen wäre der nächste Schritt. Eine Aufgabe, die traditionsgemäß in Etagen zu erledigen wäre, wo sie hingehörten. Es sei denn, man sieht auch in der FC als Gesamtheit ein Zentrum – der Kreativität, der Neugier, der Experimentierfreude. Weswegen das Wort nun an Ihnen ist: Erkennen Sie sich in dem, was wir produziert haben, wieder?

Ihre WorkshoperInnen

Maike Hank, goedzak, archinaut, anne mohn, Jan Jasper Kosok, kay.kloetzer, Daniel Martienssen, Juliane Löffler, Uwe Theel, Daniel Windheuser, Christine Käppeler, ed2murrow

[Dank an Maike Hank und Daniel Windheuser für die Zuarbeit bei der Vorstellung der Konzepte; da selbst in eine Arbeitsgruppe eingebunden, konnte ich deren Werdegang nicht dokumentieren; Dank an Juliane Löffler und Maike Hank für das Bildmaterial; Und an alle für die sehr intensiven Stunden, die Beiträge, die waren, sind und noch werden. e2m]

[Dank an ed2murrow für die Mühen mit dem Verfassen des Berichts und der Geduld hierbei mit uns. Jan, Daniel, Maike]

11:04 27.04.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Wir müssen reden!

Das Blog "Wir müssen reden!" dient dem Gedankenaustausch zwischen Community und Redaktion.
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