Der Fluch geschlossener logischer Systeme

Wir leiden an denkKreisel Wie die Vernunft schmerzlos ausgehebelt und man folgerichtig zu einem glühenden Trugbild-Agitator wird.
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Der Irrglauben des Menschen, die Krone der Schöpfung zu sein,
führte völlig logisch zu verheerenden Schäden an seiner Mitwelt.

Das Spiel mit den Axiomen

Ein Gesellschaftsspiel fußt immer auf klar formulierten Spielregeln. Sie geben den Rahmen vor, in dem das jeweilige Spiel abläuft. Regelverstöße werden nicht akzeptiert. Bei wiederholten Versuchen führen sie zum Spielausschluss.

Ein Axiomensystem ist ein System, das ähnlich einem Gesellschaftsspiel auch auf einer oder auf mehreren Regeln basiert. Diese Regeln nennt man Axiome, von denen alles Weitere logisch abgeleitet wird.

Die Mathematik bietet gute Beispiele für solche Axiomensysteme, die in sich immer vollkommen widerspruchsfrei sein müssen. Solange man sich innerhalb dieser Systeme nach den ebenfalls von Menschen festgelegten Spielregeln der Logik bewegt, ist man ein guter Mathematiker. Genau genommen ist die Mathematik also eine Sammlung logischer Spiele. Auch, wenn sie in den unterschiedlichsten Wissenschaften als Werkzeug für die Vermessung der Welt benutzt wird, so ist die Mathematik (im Gegensatz zur Ansicht manch eingebildeter Mathematiker) weder gott- noch naturgegeben, sondern sie ist und bleibt stets menschgemacht, wie alle anderen Axiomensysteme übrigens auch.

Axiome sind Grundannahmen, die als Grundprinzipien (Grundsätze, Prämissen) ihres Axiomensystems fungieren und die wie bei einem Spiel ganz am Anfang nach menschlichem Ermessen festgelegt werden. Axiome entstammen der unmittelbaren menschlichen Einsicht und gelten als richtig erkannte, wahre Grundannahmen, als Grundsätze, die keines Beweises bedürfen und auch mit dem auf ihnen fußenden Axiomensystem nicht bewiesen werden können.

Axiome sind also – wie die Spielregeln jedes x-beliebigen Spiels – stets von Menschen gesetzt und können deshalb bzw. und müssen deshalb bei veränderten Zuständen bzw. bei neuem Erkenntnisstand auch wieder von Menschen korrigiert bzw. ausgetauscht werden. Denn, wenn Axiome unzureichend oder falsch sind, dann sind zwar innerhalb des Systems alle Ableitungen davon automatisch logisch, was alleine schon durch das Prinzip solcher Systeme bedingt ist, aber gemessen an der (ganzen) Wirklichkeit können sie nur genauso gut bzw. genauso schlecht sein wie ihr logischer Ausgangspunkt, die Axiome.

So etwas erschließt sich einem Betrachter allerdings nur, wenn er eine Sicht von außerhalb auf das System einnimmt und die Axiome, also die vormals aufgestellten Grundannahmen bzw. die vormals getroffenen Grundprinzipien, tabulos überprüft und gegebenenfalls erneuert. Das entspräche dann allerdings einem Systemwechsel, weil sich mit der Änderung der Axiome auch das darauf basierende Denksystem verändert. Auch das ist logisch.

Dazu braucht es Einsicht und Mut. Aber – und es bleibt einem gar nichts anderes übrig – man muss solch ein Denksystem komplett verlassen, wenn es in seiner Wurzel schlecht ist. Der Versuch, innerhalb des jeweiligen Systems einzelne Aspekte zu verändern, ist am Ende immer Zeit- und Energieverschwendung und meistens nur eine verhängnisvolle Ablenkung von dem einzig wirkungsvollen Schritt, dem tabulosen Ausstieg.

Das gilt für solche Denksysteme in allen Lebensbereichen, sogar für derart komplexe Systeme wie das weltweite Wirtschaftssystem, das auf dem inzwischen bewiesenermaßen unzureichenden, völlig einseitigen Axiom des eiskalt berechnenden Egoisten „Homo oeconomicus“ basiert. Der Mensch, so weiß man heute, ist wesentlich vielschichtiger und vereint in sich sowohl egoistische als auch altruistische Züge. Zeit also, den Ausgangspunkt allen wirtschaftlichen Denkens und Handelns der Wirklichkeit anzupassen und ein realistischeres Wirtschaftssystem aufzubauen, befreit von den bisherigen, völlig einseitigen Irrlehren.

Bedrohlicherweise werden im Lebensalltag oft auch nur einseitig nutzbringende Behauptungen bzw. bewusste Lügen als Ausgangspunkte des (häufig von anderen angemahnten) Denkens und Handelns benutzt: Beispielsweise hat Saddam Hussein in Kuwait angeblich (aber falsch) Frühgeburten töten lassen, was der maßgebliche Auslöser für den zweiten Golfkrieg mit bis zu 100.000 geschätzten Opfern war; Saddam Hussein soll angeblich (aber falsch – entgegen der damaligen Einschätzung der UNO-Inspektoren und entgegen späterer Erkenntnisse) im Besitz von Massenvernichtungsmittel gewesen sein, was der maßgebliche Auslöser für den dritten Golfkrieg mit bis zu 1.000.000 geschätzten Opfern war; laut Donald Trump wurde der Wahlsieg 2020 angeblich (aber falsch) gestohlen, was u.a. Auslöser für zahlreiche gerichtliche Überprüfungen, für Unruhen, für die Amtsübergabe-Verschleppung und für die Stürmung des Kapitols am 6.1.2021 mit fünf Toten war; es gibt angeblich (aber falsch) keine Corona-Pandemie, sondern nur ein "Grippchen", so Bolsonaros Begründung für seine Untätigkeit bzw. für seine Verhinderung von notwendigen Maßnahmen mit daraus resultierenden extrem hohen Zahlen an Infizierten und Toten in Brasilien.

Auf das Prinzip von Axiomensystemen stößt man in allen Lebensbereichen. Ähnlich wie ein Spielkreisel, der mit seiner Spitze genau auf einem Punkt aufsetzt und dessen starrer Körper genau um diesen Punkt rotiert, so setzen alle geschlossenen logischen Systeme ebenfalls punktuell auf den zuvor festgelegten Axiomen auf.

Wir Menschen verfallen all zu häufig solchen „denkKreiseln“ und verpassen so die ganze Wirklichkeit. Durch die meist unheilvollen Auswirkungen solch begrenzter und beschränkter Denksysteme sind diese zum Fluch von Mensch und Menschheit geworden, weil sie oft genug sogar elementar wichtige Entwicklungen verhindern. Es ist an der Zeit, ihr Prinzip zu verstehen, damit man ihnen bewusst entgegentreten kann und möglichst vermeidet, selber zum Opfer zu werden. Die Menschheit kann ihren massiven Problemen im 21. Jh. nur dann sinnvoll begegnen, wenn sie die Oberhand über ihr eigenes Denken zurückgewinnt und wenn künftig Vielsichtigkeit und Globale Intelligenz die Fortentwicklung prägen.

Der Aufstand der roten Maiglöckchen

▪ Bedauerliche Wirklichkeit 2021: Je realitätsverdrehter eine Behauptung bzw. Ansicht ist und je aggressiver diese auf möglichst vielen Kanälen „trumpetet“ wird, desto glaubwürdiger erscheint sie vielen dafür anfälligen Verschwörungsgläubigen. Das Internet und die Soziale Medien (vor allem auch mit ihrer Like-Funktion und ihrer Anfälligkeit für Meinungs-Blasen) tun ihr Übriges dazu und wirken dabei wie Brandbeschleuniger. Je mehr Leute mit dabei sind, desto mehr wird an der Behauptung wohl etwas dran sein. Dass es keine klaren Beweise gibt, ist doch genau das untrügliche Zeichen dafür, dass etwas nicht stimmen kann und dass offensichtlich versucht wird, das Ganze unter den Teppich zu kehren. Die breite Masse der Menschen ist von der offiziellen Darstellung felsenfest überzeugt, die wenigen Andersdenker aber wissen wirklich Bescheid.

▪ (Satire) Die aufgestellte Behauptung bzw. die Axiome: Maiglöckchen sind in Wirklichkeit rot und wer das nicht erkennt oder anerkennt, leidet unter erheblichen Wahrnehmungsstörungen.

▪ Zusätzliche Erklärung: Derart giftige Pflanzen, wie Maiglöckchen es nun einmal sind, müssen einfach rot sein, um vor ihrer Giftigkeit zu warnen, anstatt in einem zarten Marien-Altar-Weiß daherzukommen.

▪ Von diesen Behauptungen lässt sich alles Weitere vollkommen logisch ableiten: Besagte Wahrnehmungsstörung ist ein bisher unbehandeltes Massenphänomen. Das ist Fakt. Höchstwahrscheinlich hat die ökonomisch fixierte Obrigkeit erkannt, dass es gegen dieses Phänomen keinerlei Medizin gibt und höchstens irgendwelche freiberuflichen alternativen Therapeuten mit der Behandlung der Menschenmassen Reibach machen können, nicht aber die Pharmaindustrie, und dass durch die erwartbare Menge der entsprechenden Therapien eine übermäßige Belastung des Gesundheitswesens stattfände. Deshalb wird diese eklatante Wahrnehmungsstörung ganz einfach völlig eigennützig unter den Teppich gekehrt und niemand schreit auf. All die machtgeilen Eliten und Parteien machen mit; die nur an Gewinn interessierte Wirtschaft sowieso; auch die an der Kandare gehaltenen System-Medien versuchen sich konsequent dumm und dämlich auszuschweigen; die bevormundeten Wissenschaften erklären Maiglöckchen auch weiterhin zweifelsfrei für weiß und die Katholiken benutzen sie dennoch für ihre Marienaltäre. Auch die Franzosen feiern weiterhin am 1. Mai ihr Maiglöckchenfest, wo Maiglöckchen als Glücksbringer und als Symbol für Liebe, Sinnlichkeit und erotische Weiblichkeit an den Mann gebracht werden. Sogar namhafte Dufthersteller schlagen Kapital daraus.

▪ Diese in Wirklichkeit untragbaren Zustände der systematischen Volksverdummung bzw. der Volksunterdrückung durch Leugnung der weitverbreiteten Wahrnehmungsstörung müssen jetzt ein für alle Mal ihr Ende finden. Es zeigt sich wieder einmal deutlich, dass die liberale Demokratie in Wirklichkeit ein konstruiertes Lügengefüge ist. Die korrupten Eliten müssen definitiv vertrieben werden. Deshalb ist es jetzt an der Zeit, dass die Bürger Seite an Seite mit all den Freunden des eigenen Volkes den Kampf für ihre Freiheit selber in die Hand nehmen. Die Zeit der unerbittlichen Maiglöckchen-Revolution ist definitiv gekommen! Maiglöckchen sind rot – und für die Freiheit, insbesondere für die Erkenntnis- und Meinungsfreiheit muss gekämpft werden.

▪ Übrigens: In der rechten Szene waren Verschwörungstheorien schon immer sehr beliebt. Man hofft, auf diese Weise möglichst viele Menschen unbemerkt auf die eigene Seite ziehen zu können und sie am Ende zu willigen Mitläufern eines neuen völkischen Gesellschaftssystems zu machen. Der Begriff der Freiheit fungiert dabei meistens als funkelnder Köder, der bekanntlich dem Fisch und nicht dem Angler schmecken muss. Erstaunlich ist, dass jedes Mal auch so viele belesene Menschen darauf reinfallen.

Die Logik des Selbstmordattentäters

Im Folgenden das Beispiel des logisch geschlossenes Systems eines Selbstmordattentäters und seiner Sekte A-Z, deren Axiom bzw. deren gedanklicher Ausgangspunkt der feste Glaube ist: Mein Gott A-Z ist der einzig wahre Gott!

Anmerkung: Das Wort Sekte bedeutet übrigens von seinem lateinischen Ursprung her „befolgter Grundsatz“.

Alles das, was jetzt in wenigen logischen Schritten dargestellt wird, kann, aber muss natürlich nicht zwangsläufig vom obigen Axiom abgeleitet werden.

Wenn der Gott A-Z der einzig wahre Gott ist, dann müssen alle anderen sogenannten Götter Betrüger sein. Das ist logisch! Von nun an lassen sich sehr einfach Götter und Menschen in gut oder schlecht, in richtig oder falsch, in wahr oder unwahr einteilen. Der Gott A-Z und all seine Anhänger sind auf der Seite der Wahrheit und damit gut. Alle anderen befinden sich auf der Seite der Unwahrheit und können damit nicht gut sein. Wer also (angeblich) die Wahrheit kennt, der kennt zwangsläufig auch alles das, was (angeblich) keine Wahrheit ist. Selbst für religiös ungebildete Menschen ist das sehr leicht nachzuvollziehen und zu befolgen. Denn es gibt für sie einen klaren Kompass, der ausreichend Orientierung verschafft.

Wenn aber trotz der (behaupteten) Existenz des allumfassenden Gottes A-Z die Botschaft eines anderen Gottes verkündet wird, dann kann es sich dabei nur um das Werk des Teufels handeln. Denn nur der Teufel maßt sich an, selber Gott zu sein. Alle Menschen, die einen anderen Gott anbeten, sind damit in Wirklichkeit Teufels-Anbeter. Die entsprechenden Priester sind die Priester des Teufels und somit niederträchtige Menschenverführer. Derartige Priester und derartige Anhänger des Teufels müssen wirkungsvoll bekämpft werden, notfalls mit allen Mitteln.

Für die Anhänger der Sekte A-Z ist das größte und höchste Opfer, das es in ihrem Leben geben kann, die Hingabe des eigenen Lebens. Je konsequenter man dieses seinem einzig wahren Gott A-Z zur Verfügung stellt, desto größer ist der Beweis der eigenen Liebe und Demut. Dafür gibt es verschiedene Formen: Priestertum, Mönchstum, Märtyrertod. Als Märtyrer erfährt man posthum die größte Wertschätzung und gilt fortan als verehrtes Vorbild für jeden Gläubigen. Das Höchste für einen demütigen Diener des Gottes A-Z ist also die Selbstopferung des eigenen Lebens, am besten im Kampf gegen den Teufel und seine Brut. Das gilt keinesfalls als schrecklich, sondert es bedeutet im Gegenteil das Wertvollste und Größte, das ein Gläubiger jemals tun kann, sozusagen die liebevolle ultimative Erfüllung seines Leben, belohnt mit einem fantastischen Platz im Paradies.

Durch die uneingeschränkte Bejahung der Glaubensprämisse – „Gott A-Z ist der einzig wahre Gott“ – und die dann konsequente Befolgung aller sich daraus ergebenden Schlussfolgerungen kann man genau an diesen Punkt gelangen. Kein Nicht-Gläubiger wird das jemals verstehen können. All deren entschiedenen Einwände verdeutlichen nur den Grad ihrer Ungläubigkeit. Denn nur der „wahre“ Bruder im Glauben kann die Herrlichkeit des Gottes A-Z erkennen und die grenzenlose Demut des Selbstmordattentäters. Nur derjenige, der ebenfalls in der Logik dieses geschlossenen Denksystems beheimatet ist, kann diesen von Außen betrachteten absoluten Wahnsinn als Gottesdienst verstehen und selbstverständlich gutheißen.

Es liegen unüberwindbare Abgründe zwischen dem Wahnsinn von Mord und Selbstmord und der Besonnenheit im Denken und Handeln eines vernünftigen Menschen. Verantwortlich dafür sind das auf falschen einseitigen Voraussetzungen gnadenlose aufbauende logische Denksystem und die konsequente Besessenheit des Täters, bis hin zum Exzess zu gehen. Diese Kombination verhindert jedweden funktionierenden Menschenverstand. Ein Blick von außen auf den Wahnsinn ist grundsätzlich verwehrt, sei denn, man würde das geschlossene logische System kompromisslos verlassen.

Das ist die Krux mit diesen Denksystemen: Entweder, man befindet sich innerhalb, dann ist alles absolut logisch. Selbst vermeintlich gebildete Menschen erkennen die Falle nicht, in der sie sich fortan befinden. Sie bemühen sich im Gegenteil oft noch viel mehr, so stringent wie möglich logisch vorzugehen, mit allerdings fatalen Folgen. Oder man befindet sich außerhalb des Systems, dann lässt sich „der Wahnsinn“ sofort erkennen. Jegliche Diskussion zwischen beiden Seiten ist in der Regel absolut unfruchtbar. Im Gegenteil, die absolut differierenden Standpunkte werden so meist noch weiter verhärtet. Nur das Verlassen des eigenen Denksystems böte eine Chance.

Wäre allerdings die Grundannahme des Sektenanhängers bloß ein wenig vielsichtiger – „Mein Gott A-Z ist für mich der einzig wahre Gott“ –, dann wäre es eine Selbstverständlichkeit, dass es noch viele andere Götter bzw. andere Gläubige gibt. Die Einteilung in Gott oder Teufel, in wahr oder unwahr, in gut oder schlecht hätte keinen Boden mehr. Auf einer derartigen Grundlage wäre ein Andersgläubiger ein gleichberechtigter Mensch, also kein Ungläubiger und kein Feind. Im Gegenteil, man würde ihm auf gleicher Augenhöhe mit Respekt und Offenheit begegnen können. Welch kolossaler Unterschied!

Dieses frei erfundene Beispiel der Sekte A-Z zeigt die unglaubliche Macht solch geschlossener logischer Systeme. Diese sind in der Lage, die ernsthafte, vielleicht sogar gut gemeinte Absicht eines Menschen (zum Beispiel den des Gottesdienstes) völlig ins Gegenteil zu verkehren: vom absolut Positiven in die schrecklichste Perversion. Und das Verrückte dabei ist, die Betroffenen bekommen das Verheerende an ihrem Denken und Handeln meistens überhaupt nicht mit, weil sie ihren eigen gedanklichen Abstand – den natürlichen Standpunkt eines jeden auch nur halbwegs gesunden Menschenverstandes – bei der Unterordnung unter das geschlossene System geopfert haben. Wie viel Leid hätte der Menschheit in der Vergangenheit erspart bleiben können, wenn Menschen ihren gesunden Menschenverstand benutzt hätten! Wie viel Leid könnte der Menschheit in Zukunft erspart bleiben!

Weitere Beispiele

Es ist verstörend und macht betroffen und sprachlos, wozu Gefangene solch geschlossener logischer Systeme in der Lage sind, ohne dass ihnen die Bestialität ihres Tuns bewusst würde. Im Gegenteil, sind sie doch immer absolut davon überzeugt, etwas Richtiges zu tun. Ihr ureigener Terror ist immer vollkommen logisch – eben „Terror sapiens“!

▪ Anders Breivik, rechtsterroristischer und islamfeindlicher norwegischer Massenmörder, hat 2011 als selbst ernannter Tempelritter gegen den Islam und spintisierter Retter der nordischen Rasse 77 Menschen getötet. Vor Gericht bereute er nicht seine Taten, sondern, dass er nur „so wenige“ getötet habe. Er fühlte sich in keiner Weise schuldig. Angeblich habe er sein Land verteidigt. Den Überlebenden auf der Insel bleibt Breivik wohl als der „lachende Täter“ in Erinnerung, der jeden Toten feierte wie ein Fußballer seinen Torschuss. Im Gerichtssaal anwesende Personen waren von dem breiten, unverschämten Grinsen des zutiefst von sich und seinen Taten überzeugten Mörders völlig angewidert.

▪ Der Kulturtheoretiker Klaus Theweleit beschäftigt sich in seinem Buch „Das Lachen der Täter“ mit diesem Phänomen: »Dem Mord als Feier begegnen wir in der Geschichte immer wieder, von den deutschen Freikorps-Männern 1920 über die SS, die Kommunistenkiller in Indonesien, die Roten Khmer in Kambodscha, die Todesschwadronen in Guatemala, die Kindersoldaten in Zentralafrika, die Hutu-Milizen in Ruanda bis zu den IS-Leuten im Irak und zu Boko Haram in Nigeria. Die Augenzeugen berichten vom Lachen der Täter, vom Töten als Spaßfaktor. Aber die Kommentatoren gehen darüber hinweg, offenbar weil diese Ungeheuerlichkeit sie überfordert.« („Der Triumph der Killer“, Spiegelgespräch: Romain Leick im Gespräch mit Klaus Theweleit, Der Spiegel 20/2015, 9.5.2005, S. 135)

Interessanterweise gelten solche Täter in den wenigsten Fällen als psychisch krank. Es könnte so gesehen theoretisch jedem passieren, der den ersten Schritt gemacht und sich in seinem Denken und in seiner Haltung einem geschlossenen logischen System vollständig untergeordnet hat, dass er im falschen Augenblick am falschen Platz ist, mit den falschen Menschen zusammen und mit den falschen Emotionen im Bauch dann plötzlich Teil eines blutrünstigen Mobs wird, auch wenn er sich das vorher niemals hat vorstellen können. Man kann sich das definitiv nicht vorstellen und dennoch geschieht es.

▪ Anmerkung: Fortgesetztes überhebliches Lächeln kann ein Zeichen dafür sein, dass ein Mensch die Kraft für seine Überzeugung aus seinem gut funktionierenden denkKreisel bezieht.

▪ Im Nationalsozialismus war es die Überzeugung, dass man zur Herrenrasse aller Menschen gehörte, was einem angeblich das Recht verlieh, alle vermeintlich „Minderwertigen“ und deren Lebensraum nach seinen eigenen Vorstellungen zu beherrschen (Folge: ca. 55 Mio. Tote durch den von Deutschland begonnenen Zweiten Weltkrieg, einhergehend mit unvorstellbaren Verwüstungen überall; ca. 6 Mio. auf grauenhafte Art und Weise getötete Menschen jüdischen Glaubens bzw. mit jüdischem Hintergrund; ca. 3,8 Mio. ebenfalls auf grauenhafte Art und Weise getötete Menschen anderer diskriminierter Gruppen; ca. 3,3 Mio. getötete sowjetische Kriegsgefangene).

▪ In Ruanda wurde die die Volksgruppe der „Hutu“ durch ihre Minister, Bürgermeister und Radiosprecher dazu aufgefordert, die mit ihnen zusammen lebenden Mitglieder der Volksgruppe der „Tutsis“ zu massakrieren, da für diese „Kakerlaken“, für diese nicht menschengleichen Wesen jede Gewehrkugel zu schade sei (Folge: ca. 800.000 bestialisch getötete Menschen, etwa 100 vergewaltigte Frauen pro Stunde).

Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Diese fraglos sehr extremen Beispiele verdeutlichen, wie unglaublich wichtig es ist, die Struktur und die Gefährlichkeit geschlossener logischer Systeme zu durchschauen und jeder Zeit bereit zu sein, die Gültigkeit der zugrunde liegenden Voraussetzungen immer wieder neu völlig tabulos in Frage zu stellen, da sich auch die möglicherweise frühere Berechtigung für getroffene Voraussetzungen ändern kann. Dafür braucht es Kenntnis und Klarheit, Mut und Zivilcourage. Dafür bedarf es des gesunden Menschenverstands.

Fazit

Der größte Fehler, der immer wieder begangen wird und der intelligente Lösungen auf Dauer blockiert, ist das Festhalten an Systemen, deren Ausgangspunkt sich (inzwischen) als unzureichend oder falsch herausgestellt hat. Wie oben bereits beschrieben, ist der Versuch, innerhalb des Systems entscheidende Veränderungen vorzunehmen, auf Dauer zum Scheitern verurteilt. Ist ein solches Denksystem in seiner Wurzel bzw. in seinem Kern falsch, dann muss man es komplett verlassen und mit neuen, wirklichkeitsnäheren und vielschichtigeren Axiomen ein neues Denksystem errichten. Denn ist die Spitze eines Kreisels abgebrochen, dann funktioniert dieser nicht mehr.

Vom Philosophen Theodor W. Adorno stammt der Ausspruch, »Es gibt kein richtiges Leben im Falschen«. Er hatte diesen Satz unter dem Eindruck des nationalsozialistischen Terrors geschrieben, vor dem er 1938 in die USA emigrierte. Das war sein ganz persönlicher Ausstieg.

Auf das Prinzip des geschlossenen logischen Systems stößt man in allen Lebensbereichen. Aktuelle Beispiele:

▪ Es gibt keine Pandemie, die Elite will mit Angstmacherei die Menschen noch mehr unterdrücken;

▪ die Merkel-Diktatur und und all die anderen im Bundestag vertretenen Parteien unternehmen bis auf die AFD und deren wackeren Freiheitskämpfern alles, um die Bürger in ihrer selbst verschuldeten Unterwürfigkeit zu belassen;

▪ es gibt keinen menschgemachten Klimawandel und die Klima-Bewegung will am Ende nichts weiter, als die kapitalistische Marktwirtschaft abschaffen;

▪ die eigentliche Bedrohung des heutigen Deutschlands ist der Islam, was unbedingt verhindert werden muss;

▪ Donald Trump ist der von den Eliten bekämpfte Retter all der Unterdrückten;

▪ meine Sicht … ist die einzig richtige und alle anderen liegen falsch; …

Wer das Prinzip des geschlossenen logischen Systems einmal verstanden hat, der sollte sich regelmäßig alleine oder am besten zusammen mit einem vertrauensvollen Kommunikations- und Feedback-Partner auf eigene denkKreisel hin untersuchen und mögliche geschlossene logische Systeme in ihrer tiefsten Wurzel hinterfragen.

Die Inszenierung der selbstgerechten Traumtänzer

Im Internet finden sich zunehmend Videos von Happenings und Flashmobs – zunächst auf öffentlichen Plätzen in Frankreich, inzwischen auch in anderen Ländern – bei denen sich für relativ kurze Inszenierungen Musiker, Sänger und Tänzer zusammenfinden und eine begeisterte und begeisternde Performance hinlegen. Die Musik ist freudvoll und mitreißend, die Singenden und Tanzenden sind mit Verzückung dabei. (s. u. a. „Danser encore Gare du Nord, youtube“)

Würde man Text und Kontext nicht verstehen, könnte man diese Inszenierung für ein wunderbares, kraftvolles Lebenszeichen halten, das den Menschen in den schweren Zeiten der Pandemie mit all den harten Maßnahmen zu Eindämmung der Viren ein Stück weit Hoffnung und Lebensfreude vermitteln soll. Fantastisch, es geht kaum inspirierender!

Stattdessen aber wird dort lautstark und eindrucksvoll ein unmissverständliches No-No-No zu den Corona-Maßnahmen zelebriert. Kaddour Hadadi (HK) und das Künstlerkollektiv „HK et les Saltimbanks“ veröffentlichten im Dezember 2020 das Stück „Danser encore“ („Weiter tanzen“), das sich inzwischen als Hymne des friedlichen Widerstands gegen die Corona Maßnahmen immer größer werdender Beliebtheit erfreut. Menschen treffen sich, um ihrem Protest gegen die Einschränkungen der persönlichen Freiheit durch Gesang und Tanz Luft zu machen.

Im Folgenden in freier Übersetzung ausgesuchte Textzeilen (Übersetzung u. a. nach lyricstranslate.com):

»Weiter tanzen („Danser encore“)

Wir sind Zugvögel. Niemals fügsam oder wirklich weise. …

Und wenn am Abend im Fernsehen der „gute König“

[Anm.: der Präsident] spricht und das Urteil verkündet,

zeigen wir uns respektlos. …

Lassen wir uns nicht beeindrucken

von all diesen unvernünftigen Leuten

Verkäufer von Angst im Überfluss

qualvoll bis zur Unanständigkeit …

Halten wir sie uns vom Leib

für unsere geistige Gesundheit …

sind unser Lächeln, unsere Intelligenz

die Instrumente des Widerstands gegen ihren Wahnsinn.

Oh nein, nein, nein, nein, nein, nein, nein …

Wir wollen wieder weiter tanzen …«

Kaddour Hadadi wehrte sich gegen die aufkommende Kritik der Verantwortungslosigkeit, in dieser Form gegen die Corona-Maßnahmen vorzugehen, indem er entgegen seiner eigenen, eigentlich unmissverständlichen Textinhalte betonte, dass das Stück weniger gegen die Einschränkungen durch die Corona-Maßnahmen sei, als vielmehr ein poetischer Ausdruck für das Bedürfnis der Künstler, weiter zu arbeiten. Diese harmlos erscheinende Aussage zeigt den immensen Grad der eigenen Egozentrik und Empathielosigkeit. Natürlich kann man für das Bedürfnis der Künstler eintreten. Aber nicht mit diesem Text. Denn hier geht es um sehr viel mehr.

Der partiell natürlich auch mit Fehlern behaftete Kampf gegen eine Verschlimmerung der Pandemie, der berechtigte Kampf für die grundlegendste Freiheit der Menschen, nämlich möglichst frei von Krankheit und vermeidbarem, viel zu frühem Tod zu sein, wird hier im wahrsten Sinne des Wortes mit Füßen getreten, mit bizarren Handstand-Einlagen ins Lächerliche gezogen und mit verführerischer Verzückung dem Irrwitz anheim gestellt. Wer Wissenschaftler, politische Entscheider und all die in der Pandemie besonnenen Menschen als „unvernünftige Leute“ bezeichnet, „qualvoll bis zur Unanständigkeit“, die man sich für die eigene „geistige Gesundheit“ vom Leib halten und deren „Wahnsinn“ man widerstehen müsse, der ist in keiner Weise misszuverstehen, der hat zweifelsfrei von der Situation als Ganzes und der Notwendigkeit zur Solidarität überhaupt nichts verstanden. Wer für seine eigene geistige Gesundheit die Gesundheit der Mehrheit der Menschen in einer Gesellschaft mutwillig nicht beachtet, der handelt grob antisozial.

♦ Das ist ein weiteres Beispiel dafür, wie der Ausgangspunkt des eigenen Denkens – hier: Wir sind frei, niemals fügsam und es geht in erster Linie um unsere eigene geistige Gesundheit – alles weitere bestimmt und eigentlich kluge Menschen ► dumm und rücksichtslos und eigentlich begeisternde Aktionen ► unerträglich werden lässt.

Die Verzücktheit, die in all den Videos zum Greifen spürbar ist, ist Ausdruck ihres perfekten denkKreisels, ist Zeichen für die Gefangenheit in ihrem geschlossenen logischen System, dessen sie sich offensichtlich nicht bewusst sind, was das Unheil allerdings nicht schmälert. Der nicht durch die mitreißende Darbietung verführte kritische Beobachter erblickt von außen allerdings die Fratze des Perfiden und erkennt den verzückten Missbrauch des Schönen für die Ziele des Hässlichen. Im Gegensatz zu den Traumtänzern bleibt dem Beobachter das Lachen allerdings im Hals stecken. Takt ist etwas völlig anderes.

Und der denkKreisel des Realisten?

Natürlich kommt sofort die Retourkutsche, dass genau diese Kritik ebenso aus solch einem geschlossenen System heraus erfolgt. Das würde sie in der Tat auch, wenn der Realist seinen Ansatz nicht immer wieder neu überprüfte und seine Sicht im Sinne seriöser Wissenschaftlichkeit jeweils entsprechend korrigierte. Die Gewissheit eines Realisten bei der Annäherung an die Wirklichkeit liegt eben nicht in immerwährender Eindeutigkeit, sondern in seiner unaufhörlichen kritischen Neugierde, in seiner zuverlässigen Sorgfalt und seiner allzeit bereiten Flexibilität und Lernbereitschaft – etwas, woran ein jeder sein kritisches Denken orientieren sollte.

Es gibt ihn also klar und deutlich, den entscheidenden Unterschied in der Qualität der Kritik von (wahrhaftig) Erkenntnis-Suchenden und von sturen Meinungs-Missionaren. Es gibt sie, die Menschen, die sich immer wieder neu darum bemühen, eben nicht zum vernunftbefreiten Opfer eines geschlossenen logischen Systems zu werden.

Nach dem aktuellen Wissensstand ist die Erde eben keine Scheibe und der Mensch wurde nicht vor vielleicht 8.000 Jahren komplett von Gott montiert geliefert, Maiglöckchen sind weiß und die Menschheit lebt derzeit in einer gefährlichen Pandemie. Darüber zu streiten ist reine Zeit- und Energieverschwendung. Punkt!

14:27 22.04.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Insel-Banker

Es ist keine Kunst, Sand im Getriebe zu sein, aber es ist ein unschätzbares Vermögen, wichtige Entwicklungen mit anzutreiben.
Insel-Banker

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