Die Hinterlassenschaft der Besserwisser

Lernblockade Die besserwisserischen Weltenerklärer erzeugen Stillstand und Rückschritt und verhindern geistige Entwicklung.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Wie würde man sich vorkommen, wenn man ein konkretes Ziel hat und andere nach dem Weg fragt bzw. nach anderen Menschen, die sich möglicherweise besser auskennen, und man dann Antworten folgender Güte erhält: „Warum fragen Sie gerade mich?“, „Warum sollte gerade ich Ihnen eine Antwort darauf geben?, „Warum wählen Sie nicht ein anderes Ziel, bei dem Sie den Weg kennen?“, „Warum fragen Sie überhaupt, wenn nur Sie selber es sind, der das Ziel finden kann?“, „Nur, wenn Sie die Antwort schon kennen, können Sie entscheiden, ob Sie die richtige Antwort erhalten.“, „Seien Sie sich stets bewusst, das der Weg das Ziel ist“, „Brauchen Sie wirklich ein Ziel im Leben? Müssen Sie nicht im Augenblick des Todes sowieso von allem loslassen?“ und viele andere Antworten mehr. Darauf kann es nur eine Antwort geben: Scheiße! Das benennt die Hinterlassenschaft der Besserwisser unmissverständlich. Dabei spielt es nur eine untergeordnete Rolle, aus welcher Ecke Besserwisser kommen und mit welcher Intention sie wirklich unterwegs sind.

Die Menschheit am Anfang des 21. Jhs. wacht Schritt für Schritt in einem Wust äußerst vielschichtiger Probleme auf und sucht händeringend nach angemessenen Antworten und nun wirklich nicht nach den „Fußmatten-Weisheiten“ der Besserwisser. Am 9.5.2019 eröffnete die „Bloggerin Nashira“ auf Freitag.de (der Freitag – Das Meinungsmedium) den Blog „Die Wahl der Weisen“. In der Einleitung schreibt sie u. a.: „Wer gehört (namentlich) zu den großen lebenden Denkern unserer Zeit, die in der Lage wären, aufgrund ihrer nachweislichen Kompetenz, Weisheit, Übersicht, Unabhängigkeit und Würde das Bewusstsein der globalen Bevölkerung so anzuheben, dass ein globales Umschwenken auf ein gemeinsames Überleben denkbar ist? … Von diesen Menschen und ihren Gedanken zu hören, sie kennenzulernen, sich damit evtl. auch näher auseinanderzusetzen, ist ein weiterer Akt des Lernens voneinander.“

Unter den 438 Beiträgen bis zum heutigen Tag finden sich natürlich auch zahlreiche beachtenswerte Aspekte. Aber dennoch beantwortet kaum einer die für jeden auch nur durchschnittlich begabten völlig klar verständliche Frage. Stattdessen wurde permanent drum herum „philosophiert“ (um den Begriff „geschwätzt“ zu vermeiden), sogar, wenn man jemand explizit um dessen Benennung bat. Am auffallendsten in diesem Blog ist die weit verbreitete Hybris, die Weisheit anderer Menschen gar nicht erst zu benötigen, was übrigens ein untrügliches Symptom für fortgeschrittene Besserwisserei ist: „Ich weiß es besser und muss von niemanden mehr etwas lernen.“ Das ist bewusst gewollte Denk- und Lernblockade. Genau das aber macht doch die ganze „Scheiße“ aus! Diese vermessene Einstellung von Vertretern des großkotzigen Homo sapiens – berauscht durch dessen zweifelsohne großartigen Errungenschaften im Waffen- und Werkzeugbau und Ähnlichem mehr – hat uns am Ende in die äußerst schwierige heutige Lage gebracht. Wer außer weiteren charakterlich entgleisten und unzurechnungsfähigen „Trumpeten“ will denn heute noch ernsthaft die verheerende Unausgewogenheit im Umgang mit Mensch und Natur „weglindnern“? Die heutigen Probleme lassen sich nur noch durch kluge globale Kooperation lösen. Und dafür sind ebenso umfassende globale Lernprozesse unverzichtbar. Ein jeder, der dort, wo er steht, etwas Substanzielles zu diesem Prozess beizutragen vermag, ist herzlich willkommen. Allerdings keine Besserwisser, denn wirklicher Fortschritt entsteht durch Lernbereitschaft und nicht durch Lernblockade. Es muss darum gehen, deren zum Himmel stinkenden Hinterlassenschaften endgültig zu überwinden und zu brauchbaren Erkenntnissen zu gelangen.

Dafür allerdings bedarf es Leitplanken:

1) Am Anfang sollte die tabulose und vor allem im Ansatz ergebnisoffene Selbsterkenntnis stehen: individuell (an dieser Stelle ausdrücklich nicht spirituell gemeint) und gesamt-gesellschaftlich. Dabei sollte man den so genannten „Dunning-Kruger-Effekt“ nicht aus den Augen verlieren. Danach neigen Menschen mit steigender Inkompetenz dazu, das eigene Wissen und Können zu überschätzen und tatsächliche Kompetenz bei anderen Menschen immer weniger zu erkennen. Geht es um eine wirklich ernst gemeinte Hinterfragung seiner selbst, dann ist die Außenperspektive anderer als ergänzende (nicht als alleinig ausschlaggebende) Sicht unverzichtbar.

2) Im Zusammenhang mit der Selbsterkenntnis muss man sich die Wirkungsweise und unglaubliche Macht geschlossener logischer Axiomensysteme bewusst machen. Ist die Basis (= Axiom) eines solchen Systems unzureichend, dann sind dies alle davon abgeleiteten logischen Schlussfolgerungen ebenso. Wichtig ist die Erkenntnis, dass Axiome innerhalb eines solchen Systems weder bewiesen noch widerlegt werden können. Dies kann nur durch eine Außenperspektive erreicht werden. Da der Mensch dazu neigt, immer wieder mit der Logik der Innenperspektive zu argumentieren, bedarf er oft des Anstoßes von außerhalb (also durch Dritte), zur erfolgreichen Hinterfragung endlich eine andere Sicht mit entsprechendem Abstand einzunehmen. Erweist sich die Grundlage solch eines Systems dann als fehlerhaft, dann muss sie komplett erneuert werden, was dann natürlich auch zu veränderten logischen Schlussfolgerungen führt. Bei unzureichenden Axiomen muss also immer ein solcher Systemwechsel erfolgen. Derart geschlossene logische Systeme mit absolut verheerender Wirkung sind das vorherrschende westliche Logik-System (mit u. a. dem Satz des „Ausgeschlossenen Dritten“ als Axiom) und die immer mehr Lebensbereiche dominierende kapitalistische Marktwirtschaft (mit dem einseitigen Bild des einhundertprozentig eiskalt egoistischen Menschen als Axiom). Möchte die Menschheit ernsthaft zu adäquaten Lösungen gelangen, dann lassen sich heute derartige Systemwechsel unter keinen Umständen mehr vermeiden. Alles andere ist Besserwisserei, Augenwischerei und eine sinnlose Verschwendung von Zeit und Energie. Die Zeit der zahllosen Nebenkriegsschauplätze ist solange vorbei, bis „das fette Kamel“ menschlicher Einseitigkeit durch das Nadelöhr der Umstellung auf Vielsichtigkeit und Globale Intelligenz erfolgreich hindurch ist.

3) „Die Lösung für unsere Probleme wird nicht von den lärmenden, hektischen Zentren der Zivilisation kommen. Die Befreiung wird von den einsamen Orten kommen.“ (Fridtjof Nansen, 18621-1930, norwegischer Polarforscher; aus: „Drei Männer gegen die größte Sandwüste der Welt“, Dokumentation, Arte, 3.6.2019) Diese Erkenntnis von Nansen könnte man auch auf den inneren Zustand des Menschen übertragen: „Nur ein ruhiger, in seinem tiefsten inneren Selbst wurzelnder Geist ist zur Erfahrung und zur Manifestation von Frieden in der Welt in der Lage.“, so zumindest manch ein spiritueller Lehrer. Es gibt nicht wenige Menschen, für die die spirituelle Selbsterkenntnis zur Selbsterkenntnis unverzichtbar mit dazu gehört. Man sollte sie akzeptieren, genauso wie man diejenigen Menschen akzeptieren sollte, die keinen eigenen Zugang zur Spiritualität gefunden haben. Beide Seiten, die weltliche und die spirituelle, gehören zur Wirklichkeit dazu. Niemand sollte die Vermessenheit besitzen, den anderen unnachgiebig missionieren zu wollen.

4) Neben einem tiefen spirituellen Wissen lässt sich auch so etwas wie ein tiefes weltliches Wissen in Bezug auf den Umgang mit Mensch und Natur entdecken: Die Menschen sollten aufhören, sich immer weiter sowohl Einseitigkeit als auch Egoismus einzureden. Psyche und Geist des Menschen sind durchaus zur Vielsichtigkeit in der Lage und in Unterschieden und (vermeintlichen) Gegensätzen nicht länger eine Bedrohung, sondern fortan eine Bereicherung zu erkennen. Nicht länger das gegenseitige Ausschließen beherrscht das Denken, sondern die Frage nach dem ganz konkreten Zusammenwirken verschiedener Aspekte (= komplementäres Denken, Globale Intelligenz). Nur ein diesbezüglich Unerfahrener vermutet dahinter Beliebigkeit. Denn in Wirklichkeit eröffnet sich eine wesentlich exaktere Berücksichtigung der Wirklichkeit. In diesem Sinne lässt sich der Mensch auch als evolutionärer Meister der Kooperation erkennen, der schon lange Eigen- und Fremdwohl zu berücksichtigen vermag.

5) Schafft es der Mensch, seine unglaubliche Einseitigkeit und seinen verheerenden Egoismus zu überwinden, dann ist ein rücksichtsvoller Umgang mit seinem einzigen Lebensraum Erde geradezu selbstverständlich. Allerdings geschieht dies vermutlich auch nur dann. Selbst, wer an erster Stelle das Klima in seinem Fokus hat, kommt um die augenblickliche Forderung nach Systemwechsel nicht umhin. Dass sollte das gemeinsame Ziel (der kleinste gemeinsame Nenner) all derer sein, die um kluge Veränderungen bemüht sind. Ohne die Bündelung möglichst vieler Energien, lässt sich gegen die „Verhinderer“ am Ende nicht durchkommen. Also: Bündelung ist unverzichtbar! Das gemeinsame Ziel, „Der gewaltfreie Systemwechsel“, ist vorgegeben.

6) Jedwede ernstzunehmende neue Perspektive sollte in diesem Sinne Berücksichtigung finden. Man sollte diesbezüglich Globale Intelligenz zum Zuge kommen lassen.

7) Genau jetzt werden die kognitive und die soziale Revolution der Einsichtigen und Besonnenen gebraucht. Auf die sollte man sich konzentrieren, wenn man weiterkommen will.

Wen oder was also zählen Sie zu den klugen Stimmen (Perspektiven), die uns Menschen angesichts der komplexen und komplizierten Probleme weiterbringen können. Jedwede diesbezügliche Inspiration zählt. Selbstdarstellung und Selbstnennung sind an dieser Stelle nicht erbeten.

12:31 04.06.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Insel-Banker

Es ist keine Kunst, Sand im Getriebe zu sein, aber es ist ein unschätzbares Vermögen, wichtige Entwicklungen mit anzutreiben.
Insel-Banker

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