Wer Besessenheit duldet, der ist schuldig!

Foren-Hygiene Soll ein Forum eine ausgezeichnete Möglichkeit zum Erkenntnisgewinn sein, dann hat jeder die Verantwortung dafür, dass dieses auch gelingt (= Selbstheilungskräfte).
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Das Trauerspiel, das ich zu meinem Schrecken in den verschiedenen Foren in den letzten Monaten erkenne - und diese Erfahrung ist relativ neu für mich, da ich mich (u. a. auch aus diesem Grund) jedweden Sozialen Medien versage -, also das Trauerspiel aus meiner Sicht, auf das ich in letzter Zeit zugegebenermaßen mit zum Teil sehr deutlichen Formulierungen (durchaus auch provokativ) hinzuweisen versuche, ist das Folgende:

1) Einerseits gibt es den als Bereicherung der eigenen Sicht und quasi als Erweiterung des eigenen Horizonts geradezu erwünschten Austausch von unterschiedlichen und sogar gegensätzlichen Standpunkten. Wahrhaftig um Erkenntnisgewinn Suchende (nicht nur Foren-Teilnehmer) ersehnen genau diese Qualität geistigen Disputs. Die so entstehenden unterschiedlichen Argumentationen, die bei unzureichenden eigenen Wissen auch völlig schweigend, aber aufmerksam verfolgt werden können, stellen für viele eine sehr gute, unvergleichliche Lernmöglichkeit dar. Sie sind dankbar, dass derartige „Debattenräume“ zur Verfügung gestellt werden. Es gibt keinerlei Zwang, zu jedem Sachverhalt seinen Senf dazugeben zu müssen. Ein jeder hat seinen eigenen Ansatz, den er mitteilen kann. Man muss nun wirklich nicht alles wissen. Und Detail-Diskussionen ohne eigenen Beitrag zu verfolgen, ist kein Zeichen von Schwäche sondern von Klugheit.

Foren-Teilnehmer, die in diesem Sinne unterwegs sind, haben in der Regel kaum Probleme damit, Gegensätzliches und auch angemessene Kritik zu ertragen. Sie haben übrigens meistens auch kein Problem damit, eigene Fehler zu erkennen, anzuerkennen und auch öffentlich zuzugeben. Die Erkenntnis eigener Fehler stellt für sie ebenfalls keine Schwäche, sondern eine wunderbare Chance dar, sein eigenes Denken und Verhalten korrigieren zu können. Kritik als Bereicherung zu erfahren, bedeutet charakterliche Reife und Stärke.

Für einen um Redlichkeit bemühten Menschen ist das alles in der Regel eine Selbstverständlichkeit, auch wenn er sich erst auf dem Weg „dorthin“ befindet. Denn nicht sein eigenes Ego, sondern der Erkenntnisgewinn steht im Mittelpunkt. Und genau das ist die Haltung, die von möglichst vielen Menschen heutzutage benötigt wird, wenn die unzähligen Probleme im 21. Jh. so erfolgreich wie eben möglich angegangen werden sollen.

2) Nicht so bei den von ihrer jeweiligen Ideologie Besessenen. Ihr Ziel ist es, möglichst viel und möglichst unüberhörbar hinauszuposaunen. Kritikfähigkeit, Lernbereitschaft, Bereitschaft zu einem konstruktiven Meinungsaustausch etc. sind für Sie quasi Teufelszeug. Die Vorstellung von konstruktiver Kooperation auf gleicher Augenhöhe erscheint ihnen offensichtlich wie eine unbedingt zu bekämpfende Seuche. Sie wollen dieses Prinzip erst gar nicht verstehen, bedeutete das doch möglicherweise das Ende ihrer in Wirklichkeit nicht sehr gehaltvollen Posaunentätigkeit, da zumindest Teile ihrer Standpunkte im Miteinander mit Andersdenkenden auf Dauer keinen Bestand hätten.

Gleichwertige fruchtbare Zusammenarbeit, die für jeden denkenden Menscheneinen realen (nicht nur) geistigen Gewinn darstellt, erfahren sie als Bedrohung ihrer gegenwärtigen (bedauerlicherweise aufgeblasenen) Existenz.

Geht die Diskussion dann in eine aus ihrer Sicht falsche Richtung, werden z. B. Einzelne von ihresgleichen auf ihre unzureichende Argumentation hingewiesen, dann eilt die restliche „Truppe“ schnellstmöglich zur Hilfe. Das Instrumentarium dass dann zum Einsatz kommt ist zu vielfältig, als dass es an dieser Stelle detailliert aufgezählt werden könnte. Unverzichtbar aber für einen jeden Foren-Teilnehmer ist, dieses möglichst bald zu erkennen: Es reicht von Nebelkerzen und Ablenkungsmanövern, und geht über das bewusste mantramäßige Wiederholen von falschen Behauptungen, bis hin zur bewussten Verunglimpfen Einzelner sich in den Weg stellender Gegner. Diskriminierung und Verteufelung Einzelner durch ein Rudel haben in der Geschichte schon immer gewirkt. Den anderen, weniger starken Gegnern wird derweil Honig ums Maul geschmiert, damit sie das Spiel nicht durchschauen bzw. dem nichts entgegensetzen.

Was aber ist das eigentliche Trauerspiel?

Die Besessenen, die von liberaler und konstruktiv genutzter Meinungsfreiheit bei den jeweils anderen demonstrierterweise nun gar nicht viel halten, die diese zu gewähren nachweislich nicht bereit sind und deshalb schnell mit dem Begriff der Lüge wedeln, benutzen aber genau die im Grundgesetz festgeschriebene Meinungsfreiheit als Totschlagargument, dass es ja zu ihrer verbrieften Meinungsfreiheit gehört, all ihre Ansätze unter das Volk bringen zu dürfen. Wer sich dem entgegenstellt wird mit allen verfügbaren Mitteln angegangen (s. o.) und das Schreckgespenst der Meinungsdiktatur wird ausgerufen, oft mit dem Hinweis verbunden, dass Andersdenkende Knechte der verhassten Obrigkeit sind. Wer aufmerksam hinschaut, kann unschwer erkennen, dass da die Zusammenhänge nach eigenem Gusto verdreht werden. Beherzt benannt aber wird das von fast keinem.

  • Warum? Warum klappt die Rudelbildung nicht andersherum? Dabei geht es doch gar nicht darum, andere genauso schäbig zu behandeln, sondern lediglich um das Entlarven mantramäßiger Propaganda und der wirkungsvollen Begegnung von Hetzte.

Der eigentliche Gipfel dieses Trauerspiels ist, dass viele ernsthaft demokratisch eingestellte und gerade auch die sehr besonnenen Menschen den Besessenen im Rahmen falsch verstandener Meinungsfreiheit und falsch verstandener Menschenfreundlichkeit das Recht zu ihrem oben geschilderten Auftritt ganz einfach zubilligen und dem deshalb nichts entgegensetzen.

Natürlich sollten auch die Positionen der Besessenen wohlwollend zur Kenntnis genommen werden und mit in die eigenen Überlegungen mit einfließen, was übrigens in sehr vielen Fällen schon längst geschieht, aber von den Ewig-Posaunern in der Regel nicht erkannt, geschweige den gewürdigt wird, auch wenn man diese wiederholt expressis verbis unmissverständlich darauf hinweist.

Das unbedingte Posaunen ersetzt die notwendige Einsicht. Denn das eigentliche Ziel ist und bleibt das Zersetzen sinnvoller Auseinandersetzungen. Als Besonnener sollte man dann doch irgendwann einmal den Mut zu dieser Erkenntnis haben. Die eigene Zivilcourage, dagegen ganz persönlich aufzustehen, kann dann auch dadurch wachsen, dass man erkennt, dass dies auch andere tun. Man sollte deshalb nicht warten, sondern aufstehen. Die anderen werden folgen.

Meinungsfreiheit ist wertvoll und unverzichtbar! Meinungsfreiheit hat aber nichts damit zu tun, quasi automatisch Besessenheit und Destruktivität unwidersprochen durchgehen zu lassen!

Die Geschichte ist voll von Beispielen, wo die Rudelbildung der Besessenen zu Katastrophen geführt hat, weil die Besonnenen es nicht vermochten, dem etwas Wirkungsvolles entgegenzusetzen.

Wer sich prinzipiell raushält, macht sich eindeutig mitschuldig am Versagen demokratischer Intelligenz. Solch ein Forum ist der Mikrokosmos einer (Welt-)Gesellschaft, wo ein derartiges Versagen zu erkennen und couragiertes Verhalten einzuüben ist, sofern man dies denn will.

Die Menschheit hat keine Zeit mehr, Zeit und Energie mit besessenen Besserwissern zu verschwenden. In möglichst vielen Lebensbereichen wird genau jetzt ein konstruktives Miteinander im Sinne bestmöglicher Lösungsfindung benötigt. Daran sollte aktiv gearbeitet werden!

Fazit: Durchaus auch im Interesse demokratischer Qualität ist es absolut unverzichtbar, dass Besessenheit klar erkannt und unüberhörbar deutlich als solche benannt wird. Besessene sollen keinen Zweifel mehr daran haben, dass man sie entlarvt hat und fortan kennt, sie bei Besessenheit meidet und nur dann mit ihnen kooperiert, wenn sie dieses selber auch tun!

Kritische Offenheit und offene Kritik sind unverzichtbar!

Nachtrag: Normalerweise liegt es mir fern, die Menschen in "Besessene" und "Besonnene" einzuteilen. Ich bin mir jederzeit bewusst, dass dies eigentlich unzulässig ist, gibt es doch unzählige Variationen dazwischen. Im obigen Text benutze ich diese Aufteilung ganz bewusst, um die wesentlichen Aussagen auf kompakten Raum unübersehbar zu machen. Auch bei einer wesentlich differenzierteren Darstellung verlören sie nicht ihre grundsätzliche Bedeutung. Sebstverständlich verdient jeder einzelne Mensch seine individuelle Beachtung.

17:21 26.08.2019
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Geschrieben von

Insel-Banker

Es ist keine Kunst, Sand im Getriebe zu sein, aber es ist ein unschätzbares Vermögen, wichtige Entwicklungen mit anzutreiben.
Insel-Banker

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