Alibi-Veranstaltung

AKW-Stresstest Der nach Fukushima eilig angesetzte Stresstest ist reine Farce, fasst er doch nur die bereits bekannten Fakten noch einmal zusammen und ignoriert andere Risikofaktoren
Alibi-Veranstaltung
Rein statistisch dürfte ein GAU nur alle 35.000 Jahre vorkommen. Tschernobyl und Fukushima haben diese Statistik schon lange ad absurdum geführt

Foto: John MacDougall / AFP / Getty Images

Fast alle Atomkraftwerke in Europa sind gegen Naturkatastrophen und technische Störfälle unzureichend gesichert – auch die noch laufenden Meiler in Deutschland. Dies belegt der Sicherheitscheck, den EU-Energiekommissar Günther Oettinger erarbeiten ließ.

Wie ernst das ist, wird manchmal verdrängt. Beim AKW-Stresstest-Simulator im Internet ist es ähnlich wie bei Loriots uraltem Sketch „Wir bauen ein Atomkraftwerk“. Bei einem Fehler macht es „Puff“, Kühe und Bäume fallen um und der Reaktor brennt sich durch den Fußboden. Nur im wirklichen Leben bleibt es eben nicht beim „Puff“, wenn so ein Meiler durchgeht. Tausende sterben unmittelbar oder an den Spätfolgen. Landstriche werden unbewohnbar. Die Folgekosten sind gar nicht zu beziffern.

Ein solcher Größter Anzunehmender Unfall (GAU) sollte rein statistisch eigentlich nur alle 35.000 Jahre vorkommen – so rechneten „Experten“ das Risiko klein. Die Unfälle in Harrisburg, Tschernobyl und Fukushima haben diese Statistik aber schon lange ad absurdum geführt.

Gelernt haben die Verantwortlichen aus schweren und schwersten Störfällen trotzdem nichts, wie die EU-Prüfung belegt. Bei fast allen Anlagen wurden gravierende Defizite aufgezeigt. Dabei wurde doch bereits nach Tschernobyl 1986 die Nachrüstung unsicherer Kraftwerke beschlossen. Nur ist sie nicht in allen Ländern umgesetzt – eigentlich ein Skandal. Die EU hat zwar festgelegt, welche elektrische Leitfähigkeit Waldhonig besitzen darf, aber in Sachen Atompolitik und -aufsicht agieren die Mitgliedsstaaten weiter nach eigenem Gusto.

Auch der nach Fukushima eilig angesetzte „Stresstest“ ist eine Alibi-Veranstaltung. Die darin aufgelisteten Defizite, deren Behebung bis zu 25 Milliarden Euro kosten soll, sind nur die Summe bereits bekannter Fakten. Ein wesentliches Risikoelement, der weltweite Terrorismus, wurde erst gar nicht in die Prüfkriterien aufgenommen. Würde diese Gefahr, etwa durch den gezielten Absturz eines Großflugzeugs auf ein AKW, realistisch bewertet, müssten sämtliche Meiler eher heute als morgen abgeschaltet werden.

Loriot - „Wir bauen ein Atomkraftwerk“

Wolfgang Heininger kommentierte zuletzt Japans Atomwende

10:44 03.10.2012
Geschrieben von

Wolfgang Heininger

Der 53-Jährige war bereits mit 16 als Journalist tätig. Nach dem Studium kam er 1987 zur Frankfurter Rundschau. Zuletzt war er Nachrichtenredakteur.
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