Wolfgang Heininger
05.06.2012 | 13:38 8

Zum Wohle der Versicherungswirtschaft

Pflege Die schwarz-gelbe Koalition stellt einen Zuschuss von fünf Euro im Monat für private Zusatzpflegeversicherungen in Aussicht. Aus Sicht der Bürger ist das Unsinn

Viel war es nicht, was die Koalition bei ihrem Koalitionsgipfel zustande brachte. Aber immerhin klappt die Zusammenarbeit, wenn es um die Interessen der Wirtschaft im Allgemeinen und der Versicherungen im Bunde mit den Banken im Besonderen geht. Da verständigen sich CSU und FDP doch gerne auf ein gedeihliches Geben und Nehmen: Lässt du mir das Betreuungsgeld, dann darfst du die Versicherungswirtschaft mit einem Wahlgeschenk beglücken.

Der jüngste Geniestreich der existenzgefährdeten Freidemokraten lautet also: Fünf Euro von unseren Steuergeldern gehen monatlich an uns zurück, wenn wir im Gegenzug eine private Pflegeversicherung abschließen. Ist das nicht mal ein echtes Geschenk des Staates an seine Bürger? Nein, ist es nicht.  Die Regierung setzt mit diesem Plan auf unsere Schnäppchenmentalität und den oberflächlichen Instinkt, bei einer vermeintlichen Prämie nicht mehr so genau hinzusehen, was darunter verborgen ist.

"Geschenk" aus der eigenen Tasche

Denn zunächst sind wir es selbst als Steuerzahler, die es einer Regierung erst ermöglichen, solche „Geschenke“ zu verteilen. Und zum anderen kostet die zusätzliche private Pflegeversicherung vornehmlich eigenes Geld – und zwar so viel, dass sich Niedriglöhner, Arbeitslose oder Hartz IV-Empfänger dies erst gar nicht leisten können. Das Prinzip ist ähnlich wie bei der Riester-Rente: Zugute kommt die staatliche Förderung jenen, die ohnehin relativ gut abgesichert sind.

Ältere und Menschen mit Behinderung würden dagegen benachteiligt, rechnet der Sozialverband VdK vor. „Je älter und kränker, desto höher wären die Beiträge, die monatlich zu zahlen sind“, warnt die Vorsitzende Ulrike Mascher. Dabei sei es „komplett unverständlich“, dass man angesichts der Eurokrise und der aktuellen Turbulenzen an der Börse noch auf Kapitaldeckung zur Finanzierung eines allgemeinen Lebensrisikos setze. „Schon heute müssen viele Lebensversicherer ihre Zinsversprechen von Jahr zu Jahr nach unten korrigieren“, führt Mascher an. Das Vorhaben sei daher „wider jede ökonomische Vernunft".

Der VdK schlägt stattdessen eine etwas stärkere Anhebung des Pflegeversicherungsbeitrags vor. Dabei würden auch die Arbeitgeber in die Pflicht genommen – nicht, wie bei der Privatvorsorge, die Arbeitnehmer und Rentner allein. Darüber hinaus sollten die Rentenbeiträge für pflegende Angehörige in Zukunft aus Steuern finanziert werden. Ferner hält der VdK einen Solidarausgleich zwischen privater und gesetzlicher Pflegeversicherung für notwendig.

Bundesrat ist gefordert

Den Versicherungskonzernen und den mit ihnen verflochtenen Banken dürften solche Vorschläge gar nicht schmecken. Sie wittern ein milliardenschweres neues Geschäftsfeld. Kassieren sie doch, wie auch bei der privaten Rentenversicherung, erst einmal enorme Provisionen in Größenordnungen von 15, 20 oder noch mehr Prozent der Versicherungssumme, ehe sie eine Gegenleistung erbringen müssen. Das bedeutet, dass Kunden in den ersten ein oder zwei Jahren allein dafür einzahlen, diese Provisionen zu finanzieren und sich erst dann Kapital für die einmal benötigte Pflege ansammelt.

Eine zusätzliche private Pflegeversicherung ist demnach oft ein höchst einseitiges Geschäft. Bleibt zu hoffen, dass die Oppositionsparteien dem Herzensanliegen der FDP im Bundesrat, der nach Auffassung der SPD auf diesem Feld ein Mitspracherecht hat, einen Riegel vorschieben, wie es die Sozialdemokraten in ersten Reaktionen ankündigten. Gelingt dies nicht, hätte wieder einmal die Klientelpolitik über das Allgemeinwohl gesiegt.

Kommentare (8)

Avatar
Ehemaliger Nutzer 05.06.2012 | 16:38

Da ich mal in der Versicherungswirtschaft gearbeitet hatte, kenne ich die Spitzfindigkeiten und verlogenen Verprechungen sehr gut.
Auch haben die meißten viel zu viele unnütze Versicherungen. Es wird Bedarf geweckt, der keiner ist. Und was hier die FDP vermarktet, ist wirklich das hohlste was ich bisher kennen gelernt habe!

Ich frage mich wirklich ernsthaft, was für Leute an der Macht sind. Dummheit und Ignoranz sind noch geschmeichelt. Oder denkt Rößler im ernst damit Wählerstimmen zu bekommen?!

Diese BRD ist sowas von peinlich und lächerlich geworden, da muß man sich ja als D schon fast für schämen!!

Danke für den guten Artikel!

seriousguy47 05.06.2012 | 20:09

Die Pflegeversicherung war doch von Anfang an ein Etikettenschwindel: Es galt, die Kommunen im Sozialbereich zu entlasten, ohne die Arbeitgeber zu belasten. Und wenn der Schwindel eh schon auf dem Markt ist und der Riester-Schwindel sich für die Versicherungen als höchst profitabel erwiesen hat, liegt es in der FDP-Logik nahe, die eigene Klientel durch ein Pflege-Wahl-Geschenk zu mobilisieren. Es geht bei dieser "Pflegeversicherung" also um die Pflege der FDP.

Oberham 05.06.2012 | 22:25

So schnell wie dieses Gesetz von der Koalition durchgewunken wird, da - kann man mal sehen wie gemschmiert in Sachen Versicherungswirtschaft die Maschinerie läuft.

In der Zwischenzeit werden weiterhin die arglosen Menschen von skrupellosen Vertretern betrogen und um einen Teil ihres Einkommens betrogen.

Ich hatte mich nur so der Neugierde halber in letzter Zeit von verschiedenen Versicherungsvertreter beraten lassen - erschreckend - ich kann nur jedem raten es selber mal zu versuchen - ist eine nette Freizeitbeschäftigung - zumal in der Zeit vom jeweiligen "Berater" niemand sonst geschädigt werden kann.

Im Schlimmsten Fall hätte ich für 800 Euro im Monat drei Verträge unterzeichnen sollen - (Prosivion für den Abschluss nach Regerge knapp 10.000 Euro für in Büro in der 1. Stufe d.h. der Konzern hat direkt einen Vertrag mit dem Berater....) - die laufenden Kosten fast 2 % p.a. in den jeweiligen Konstrukten plus Verwaltung (konnte ich nicht feststellen wie viel).....

Mein Rat an alle Menschen die es sich überhaupt noch leisten können - immer wieder sparen was möglich ist - und sobald eine nennenswerte Summe zusammen ist - gut verwahrbare, werthaltige Sachwerte anschaffen - aber - davor kommt etwas viel Wichtigeres - Stress macht meist krank - (wann hat man schon Eustress?) - also vermeiden - lieber weniger Geld und Gesund.

Man denkt zwar lieber reich und gesund - als arm und krank - nur - in einer so gut versorgten Überflussgesellschaft wie wir sie genießen - kann man oft beobachgten - lieber arm und gesund als etwas weniger arm und krank --- das Reichsein kommt für die meisten ohnehin nicht in Frage - zumal man es eben gerade nicht anstreben sollte - so man noch einen Funken Hoffnung für die Zukunft der Menschen hegt....

Sünnerklaas 06.06.2012 | 09:44

Für Herrn Bahr wird sich das alles richtig lohnen - genauso, wie sich das "Erfinden" von Rürup- und Riester-Renten für deren "Erfinder" gelohnt hat: man muss kein Prophet sein, dass auch Daniel Bahr als Bundesminister a.D. mit einem äußerst gut dotierten Job in irgendeinem Vorstand, Aufsichtsrat oder als "Berater" von der Versicherungsbranche "belohnt" wird. Er macht eben "artige" Politik - wie sie auch Wolfgang Clement, Matthias Wissmann oder Roland Koch gemacht haben. Und auch der unehrenhaft entlassene Bundespräsident Christian Wulff nahm gerne das eine oder andere "Schnäppchen" mit - nur der hatte das Problem, dass er und seine Gattin so entsetzlich ungeduldig waren und nicht abwarten konnten, bis seine politische Laufbahn beendet war.

Sisyphos Boucher 06.06.2012 | 11:22

Den meisten Menschen hierzulande ist selten bewusst, dass sie mit ihren diversen Versicherungsverträgen das Rendite-Wachstum vor allem der superreichen und institutionellen Anleger cofinanzieren.

Ohne die vielen Kleinsparer würde die Versicherungsbranche in kürzester Zeit zusammenbrechen.

Die Riester-Rente (wie die meisten anderen "Reformen" aus der Agenda 2010 auch) wurde ersonnen, um die Verluste der großen Finanzinstitute nach der DotCom-Blase auszugleichen.

Es lässt sich leicht nachweisen, dass klassische Umlagesysteme bei Rente, Pflege und Gesundheit für alle Beteiligten sinnvoller und preisgünstiger und übrigens auch ertragreicher sind, als private Versicherungen.

Avatar
Ehemaliger Nutzer 06.06.2012 | 11:56

Die jetzige Regierung - vor allen Dingen Merkel und die FDP - hat gar nicht vor dem Volk etwas gutes zu tun. Ganz im Gegenteil, jetzt sollen die Armen und Schwachen ihr bischen Geld auch noch Versicherungen und Banken in den Hals werfen, da die die Schnauze nie voll genug bekommen!
Der Vorteil für den Bürger: Keiner! Vorteil für Banken und Versicherungen: Noch mehr Gelder für Provisionen und fast ohne Gegenleistung.

Karola 06.06.2012 | 20:40

Die Versicherungsnehmer müßten nicht nur 2 Jahre einzahlen um die Provision abgearbeitet zu haben, sondern müssen auch 5 Jahre Karenzzeit akzeptieren, was bedeutet, sie wären zwar versichert, die Versicherung aber keine Leistungen bezahlt. Das ist der größte Hammer, den sich die FDP da geleistet hat.

Außerdem wird vergessen, dass eine Notwendigkeit zur Pflege nicht nicht nur ältere und alte Menschen betreffen muss, sondern auch jene, die nach einem schweren Unfall schwerst pflegebedürftig werden.

Wenn bei einem derartigen Vorfall die Angehörigen noch 5 Jahre warten müssen ab Beginn der Versicherung, sind sie die Gelackmeierten, denn ein Tod vor Ablauf dieser Zeit kann schneller eintreten, als man denkt. In diesem Fall wären die Einzahlungen für die Katz, bzw. die Versicherung gewesen.

Dieses Programm der Regierungsparteien ist eine so große Frechheit und Dreistigkeit den normalen Menschen gegenüber, für die man Worte suchen muss, um sie zu beschreiben.