300 Jahre jung, ausgebrannt

Oper Simon Rattle serviert mit „Die Sache Makropulos“ ein philosophisch-philharmonisches Drei-Sterne-Menü
Ausgabe 07/2022

Noch vor dem ersten Ton der Ouvertüre und jeweils zwischen den drei Akten ist minutenlang nichts als beängstigendes Keuchen zu hören. Unwillkürlich prüft das Publikum den Sitz seiner Masken. Doch keine Angst, es wird nicht gestorben. Ganz im Gegenteil. Oder wie der Komponist selbst mitgeteilt hat: „Eine Schönheit, 300 Jahre alt und ewig jung, aber nur ein ausgebranntes Gefühl. Brrr! Über so eine schreibe ich eine Oper.“

Vor 100 Jahren brachte Karel Čapek, berühmt als Erfinder des Wortes „Roboter“ (der Freitag 4/2022), die Science-Fiction-Komödie Die Sache Makropulos auf die Bühne, die Leoš Janáček unverzüglich vertonte. Ist das denn heute noch Science Fiction? Die durchschnittliche Lebenserwartung von Frauen hat sich hierzulande in den vergangenen hundert Jahren von knapp 50 auf fast 85 Jahre erhöht, und nichts spricht dagegen, dass das so weiter geht. Was nicht heißt, dass die Angst vor dem Altern abnimmt. Sie nimmt ebenso stetig zu.

E. M. wechselt in ihrem Dauerleben öfters den Namen, also die Rolle, um ihr Geheimnis nicht preiszugeben. Nur die Initialen bleiben. Einst hat der Hofmedicus des in Prag residierenden Kaisers Rudolf II. das lebensverlängernde Elixier erfunden, seine Tochter sollte es ausprobieren. Seitdem tourt E. M. als Opernsängerin um die Welt. Sie hat scheinbar alles, um endlos glücklich zu sein. Doch ist sie es nicht. Je länger das Leben währt, desto mehr kühlt es ab. Leer und sinnlos erscheint es ihr, wie ein Fließband, das sich nicht abstellen lässt. Die Männer, selbst wenn sie mit ihnen schläft, prallen an ihr ab. Sie weiß nicht, was Liebe ist. Liebe bedarf der Vergänglichkeit.

Der Regisseur Claus Guth lässt das Stück zwischen Satire und Albtraum, zwischen Krimihandlung (ein vertrackter, seit Ewigkeiten währender Erbschaftsstreit, eben die „Sache Makropulos“) und absurdem Theater oszillieren. Er gönnt E. M. in einem gleißend hellen, vernebelten, zeitlosen Raum Momente der Einsamkeit, ehe sie sich wieder in den Wahnsinn des realen Daseins stürzt – zu hören ist jetzt nur das schreckliche Keuchen. Immer wieder geistert sie als Kind im barocken Reifrock über die Bühne.

Die Musik jagt wild dahin. Eine in sich zerrissene Überfülle minimalistisch verknappter melodischer Motive, der Sound der modernen Welt. Zwei Stunden Musik, beziehungsweise dreihundert Jahre, rauschen ungeheuer dicht und vehement vorbei. Ein Menschheitstraum, zur Groteske verkürzt.

Riege kurzlebiger Männer

Eine wahre Höllenpartie für eine Primadonna, die eine Primadonna spielt, aber dabei kein Gefühl aufschäumen lassen darf. Das gelingt der umjubelten Marlis Petersen durch absolute Makellosigkeit ihres gleichsam aseptischen Soprans. Betörender Schöngesang ist hier kein Selbstzweck, sondern Methode. Das Unangreifbare wirkt verstörend unnahbar. Das Eis schmilzt nicht, aber glüht trotzdem. E. M. ist dabei gewissermaßen das musikalische Gegenstück von Musils Mann ohne Eigenschaften, der Roman ist gleichzeitig entstanden. Eigenschaften, wenngleich fragwürdiger Art, zeigt nur die Riege kurzlebiger Männer. Auch sie herausragend besetzt, unter anderem mit dem dänischen Bariton Bo Skovhus und dem tschechischen Tenor Ludovit Ludha.

Janáčeks Musik besitzt Suchtcharakter. Ihre Essenz liegt aber in der Sprache. Das unauflösbare Wort-Ton-Gebilde – ein Gesamtkunstwerk – muss deshalb unbedingt im Original auf Tschechisch gesungen werden. Das Orchester begleitet nicht, es ist Erzähler, der die Geschichte nicht bloß ausmalt, sondern das Ganze erst in Fluss bringt. Dirigent Simon Rattle serviert ein philosophisch-philharmonisches Drei-Sterne-Menü.

Ganz am Schluss dreht Janáček den Irrsinn zur Klage. „Ihr Dummen seid so glücklich, weil der dumme Zufall euch so früh sterben lässt. Überdrüssig wird man des Guten, überdrüssig des Schlechten. Und man spürt, dass die Seele in einem starb.“ Worte, die im Melos des Gesangs jedoch jede Verbitterung verlieren. Die Komödie schließt traurig. Dieser große Abschiedsmoment gehört zum Bewegendsten, das Oper zu bieten hat. Und auf wunderbare Weise beantwortet Die Sache Makropulos so die Frage, warum die aufwendige und in prekären Zeiten alles andere als unsterbliche Kunst der Oper nicht sterben darf.

Info

Die Sache Makropulos Leoš Janáček nach dem Schauspiel von Karel Čapek Claus Guth (Regie), Simon Rattle (musikalische Leitung), Staatsoper Unter den Linden, Berlin

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