Groteske Pläne für das Berliner Stadtschloss

Humboldtforum Mit seinem genialen Werbekonzept will Bürgermeister Michael Müller die Macht der Metropole manifestieren. Tatsächlich zeigt er nur politischen Wahnsinn
Wolfgang Müller | Ausgabe 14/2015
Groteske Pläne für das Berliner Stadtschloss
Es schwant Bürgermeister Michael Müller, Berlin sei das „Rom der Zeitgeschichte“

Foto: Hohlfeld/Imago

Dass diese Werbung der Bundeswehr eine Zäsur in der Geschichte Kreuzbergs darstellte, war mir sofort klar. Arglos saß ich vor dem Restaurant Mundvoll, als der beschriftete Bus der Linie 140 um die Ecke bog. An seiner Außenfront prangte ein gutgebauter Soldat, ein Fallschirmspringer vor blauem Hintergrund. Dazu die Worte: Wir. Dienen. Deutschland. Hinter jedem Wort ein dicker Punkt.

Die FDP war die Partei, die 1968 die „werbliche Stopper“ genannten Punkte einführte und 30 Jahre behielt. Am 6. Mai 2001 schaffte die F.D.P. sie wieder ab. Wanderten die Punkte zur Bundeswehr? Tauchen die unscheinbaren, aber doch wirkmächtigen Stopper vielleicht immer dann auf, wenn große historische Veränderungen anstehen? Ich glaube: ja.

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller erklärte nun die deutsche Hauptstadt zum „Rom der Zeitgeschichte“. Dazu lieferte er auch gleich den Beweis, ein achtseitiges Konzept für eine Drei-Punkte-Ausstellung: Welt.Stadt.Berlin. Klar, könnte jetzt auch von der Werbeagentur stammen, die bereits Bundeswehr und FDP beraten hat, doch das wäre Spekulation. Die öffentliche Erschütterung, die der Regierende mit seiner Idee verursachte, liegt am vorgesehenen Ort der Ausstellung: Welt.Stadt.Berlin. soll im Stadtschloss, im Herzen des Humboldtforums, einen würdigen Platz finden.

Ursprünglich war nach der Rekonstruktion des Schlosses geplant, dort ausschließlich die meist aus kolonialen Zeiten stammenden ethnologischen Dahlemer Sammlungen zu präsentieren. Nicht etwa als Beweis der Überlegenheit der westlich-europäischen Kultur und Zivilisation, im Gegenteil. Dieses Mal einfach als Beweis der Weltoffenheit gegenüber anderen Kulturen. Also den Kulturen, die dann offenbar nichteuropäisch, also irgendwie „anders“ sind. Statt normal wie wir. Und es sollte viel demokratischer werden: Nicht der Adel war geladen, nein, alle Bürger und Touristen mit gültigem Visum dürften die Artefakte im Betonbau bestaunen.

Farbige Masken und exotische Gebrauchsgegenstände wären zu sehen. Fremdartige Musik ertönte. Nur die Kisten mit menschlichen Gebeinen wären ausgeschlossen, vollständig sind sie eh nicht mehr. 2011 gab es in Berlin eine erste Rückgabe der Schädel ermordeter Herero und Nama vor einer namibischen Delegation. Dass die Staatssekretärin Cornelia Pieper empört den Saal verließ, als die Forderung „Entschuldigung jetzt!“ ertönte, hatte nichts mit den drei Punkten zu tun, die ihre Partei zehn Jahre zuvor entsorgt hatte.

Mit seinem genialen Drei-Punkte-Konzept Welt.Stadt.Berlin integriert Müller die neue neorömische Metropole als Ort der Migration, aber auch des politischen Wahnsinns ins Humboldtforum. In erster Linie aber deckt er damit die Verschiebung der Macht von der Sichtbarkeit ins Unsichtbare auf. Egal ob beabsichtigt oder nicht. Früher brauchte die absolute Macht des Herrschers einen Hofnarren, um sie für alle sichtbar zu machen. Das neue Berlin benötigt nur drei Punkte und den Rom-Vergleich. Und ich hoffe auf Zustimmung, wenn ich hier nun einen weiteren Vorschlag mache, einen Müller zwo quasi: Wäre es nicht sinnvoll, eine der international erfolgreichsten, typisch deutschen Ausstellungen gleich mit ins Humboldtforum zu integrieren? Den Titel könnte man anpassen: Hagen.Körper.Welten. Nein, besser: Berlin.Kitsch.Leichen.

Wolfgang Müller ist Musiker, Künstler und Autor. Zuletzt erschien das Buch Subkultur Westberlin 1979 – 1989. Freizeit

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06:00 15.04.2015

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