Das Atom ist kein Teufel mehr

Weltweite Obsession AKWs gegen den Klimawandel, gegen teures Öl und Gas, gegen Unterentwicklung und Zweitklassigkeit - AKWs überall

Die Nuklearindustrie boomt weltweit. Kernkraftwerke scheinen gefragt wie nie. 439 Atommeiler erzeugen derzeit etwa 17 Prozent der globalen Stromversorgung. Der Internationalen Atomenergieagentur zufolge wird die Gesamtleistung bis 2030 auf etwa 680 Gigawatt wachsen.


Für ihr Bemühen, die nukleare Abrüstung voranzutreiben, erhielten die Internationale Atomenergieagentur (IAEA) und ihr Generaldirektor Mohamed El-Baradei im Jahr 2005 den Friedensnobelpreis. Und man konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, die Geehrten sollten ermutigt werden, sich nicht entmutigen zu lassen. Fällt es doch der Agentur immer schwerer, dem friedlichen Gebrauch der Kernenergie zu dienen und zugleich deren Missbrauch für Kernwaffen zu verhindern. Grundsätzlich kann die jedem Land erlaubte Stromerzeugung aus atomarer Energie sowohl für friedliche als auch militärische Zwecke genutzt werden. Unübersehbar hat sich seit geraumer Zeit eine wachsende Zahl von Staaten eigenen Nuklearprogrammen verschrieben und baut Atommeiler en masse. 120 durchlaufen momentan weltweit das Planungsstadium. Erstmals sind Ägypten, Namibia, Thailand, Tunesien, die Türkei und Vietnam entschlossen, sich der Kernenergie zuzuwenden.

In Europa halten zwar noch Deutschland und Belgien am Ausstieg fest, und in Dänemark, Österreich und Irland ist der Bau sogar verboten, aber in Finnland entsteht unter dem Namen Olkiluoto-3 ein vom französischen Atomunternehmen Areva und von Siemens gemeinsam entwickelter Druckwasserreaktor (freilich mit zweijähriger Verzögerung). Bulgarien will wegen Stromknappheit zwei alte Reaktoren wieder in Betrieb nehmen. Moskau, Washington und Paris konkurrieren auf dem globalen Nuklearmarkt immer aggressiver um Käufer und Auftraggeber.

In Asien will China, das bisher lediglich zwei Prozent seines Energiebedarfs durch Atomkraft deckt, dank vier neuer Meiler bis 2020 eine Quote von vier Prozent erzielen. In rasantem Tempo baut Indien 30 neue Kraftwerke. In Lateinamerika reaktiviert Brasilien sein jahrelang gedrosseltes Atomprogramm und errichtet neben den beiden vorhandenen Anlagen gerade das AKW Angra 3, während die Marine mit technologischer Assistenz Frankreichs für 500 Millionen Dollar das erste eigene Atom-U-Boot baut. Den Nachbarn und Rivalen Argentinien beseelen ähnliche Ambitionen, wenn das Atomkraftwerk Atucha II, dessen Bau lange aufgeschoben war, bis 2010 Strom liefert.

Willkommener Engpass

"Wir erleben eine nukleare Renaissance", frohlockt Anne Lauvergeon, Generaldirektorin des französischen Atomkonzerns Areva. "Das Atom ist nicht mehr der Teufel - der Teufel heißt Kohle", verkündet die "Atomic Anne". Und das Deutsche Atomforum wirbt mit dem Slogan "Die Zukunft der Kernenergie!" und klagt auf Werbeplakaten, die AKWs seien "Deutschlands ungeliebte Klimaschützer".

Heißt das, Atomkraftwerke sind plötzlich sicherer geworden? Kritiker bestreiten das vehement ebenso wie das von der Atomlobby kolportierte Argument, Atommeiler seien emissionsfreie "Umweltschützer". Abbau, Transport und Aufbereitung des Energieträgers Uran setzen klimaschädliche Treibhausgase frei und zwar sehr viel mehr, als bei Produktion und Betrieb von Windrädern und Solaranlagen entstehen.

Nach wie vor bleibt zudem die Endlagerung verbrauchter Kernbrennstäbe und des radioaktiven Mülls ungelöst. Kommenden Generationen winkt ein gefährliches Strahlenerbe. Unvergessen bleibt die Katastrophe von Tschernobyl am 26. April 1986, bei der die Kernschmelze eine der schlimmsten Umweltkatastrophen aller Zeiten auslöste. Störfälle und Skandale begleiten von jeher die atomare Energiegewinnung (siehe unten).

Kein Wunder also, wenn die Renaissance des Atoms nicht von Hosianna-Rufe orchestriert wird, und die Ärzteorganisation IPPNW vor dem Verwaltungsgerichtshof in Kassel klagt, Block B des Atomkraftwerks Biblis wegen veralteter Sicherheitstechnik still zu legen. Oder: Wenn US-Biostatistiker bei einer Meta-Analyse von 17 internationalen Studien zum Thema Krebsrisiko diagnostizieren - es gibt eine Kausalität zwischen Erkrankungsgefahren und einem Leben in der Nähe von Atomanlagen. Das Ergebnis bestätigt eine Kinderkrebsstudie des Bundesamtes für Strahlenschutz, wonach Kleinkinder im Umfeld deutscher Atomkraftwerke häufiger an Krebs und Leukämie leiden. Allein in der niedersächsischen Samtgemeinde Elbmarsch und in Winsen wurde seit 1989 bei 21 Kindern Leukämie diagnostiziert, vier von ihnen starben. Chromosomenuntersuchungen ergaben die für radioaktive Belastungen typischen Schäden - in unmittelbarer Nähe befindet sich das AKW Krümmel.

Gewöhnlich wird der Hang zur Kernkraft mit Energienöten und den abnehmenden Öl- und Gasvorkommen begründet, doch sind das weder die einzigen noch die wirklichen Gründe. Das Atom ist janusköpfig: Programme zum friedlichen Gebrauch der Kernenergie können als unverfängliche Tarnung dienen, um sich die Option zur Bombe offen zu halten. Von der zivilen Nukleartechnologie und der Verfügung über den vollständigen nuklearen Brennstoffkreislauf bis zum Bau eines Atomsprengsatzes bleibt nur ein kleiner Schritt - für die Stromerzeugung niedrig angereichertes Uran müsste lediglich hoch angereichert oder Plutonium aus der Wiederaufbereitung ausgebrannter Brennstäbe abgezweigt werden (siehe unten). Sollten die internationalen Beziehungen weiter militarisiert werden, wäre es nur folgerichtig, wenn so manche Regierung ihren ursprünglichen Verzicht auf Kernwaffen überdenkt und sich über den Energiesektor eine nukleare Option verschaft.

Iran will das mit russischer Hilfe entstandene Atomkraftwerk Buschehr noch 2008 in Betrieb nehmen und baut ein weiteres in der südwestlichen Provinz Khuzistan. Ägypten und Jordanien entdecken wie fast alle Länder der Region plötzlich drohende Energieengpässe. Durchaus nachvollziehbar, den Nahen Osten quält akuter Wassermangel, und für die Entsalzung von Meerwasser wird viel Strom gebraucht. Jordanien möchte mit Atomreaktoren seinen vollständig vom Ölimport beherrschten Energiehaushalt entlasten. Ähnlich argumentieren Syrien, Algerien, der Libanon, Libyen, Marokko oder Saudi-Arabien.

Abenteuerlich und absurd

Das ohnehin marode Regime der nuklearen Nichtverbreitung wird durch den augenblicklichen Trend in einem Maße entwertet, dass der Atomwaffensperrvertrag regelrecht zu Makulatur wird. Die etablierten Atomwaffenmächte haben dem seit Jahrzehnten durch ihre nukleare Aufrüstung Vorschub geleistet - nun ziehen die bisher Unterprivilegierten nach. Für sie alle besteht 2008 vielleicht eine vorletzte Chance zur Umkehr.

Ab Ende April wird die nächste Überprüfungskonferenz zum Atomwaffensperrvertrag vorbereitet, der gestärkt werden muss, soll er überleben. Was IAEA-Chef El-Baradei verlangt, klingt fast beschwörend: Radikale nukleare Abrüstung, wasserdichte internationale Kontrollen, eine ausschließlich multilaterale Anreicherung und Wiederaufbereitung - die tragenden Säulen eines wiedererweckten Nichtverbreitungsregimes. Ob sich die Staaten zu einer solch resoluten Kehrtwende durchringen, darf bezweifelt werden. Nachdem Russland erstmals mit präventiven Nuklearschlägen gedroht hat, fordern auch fünf ehemalige NATO-Generäle*, der Westen müsse vorbeugende Nuklearangriffe führen können, um die "unmittelbar drohende Verbreitung von atomaren und anderen Massenvernichtungswaffen" zu stoppen. Das ist so abenteuerlich wie absurd: Wer einen Atomschlag empfiehlt, um die Verbreitung von Atomwaffen zu stoppen, verabreicht als angebliches Heilmittel eine tödliche Medizin.


(*) Autoren der Studie: General John Shalikashvili, ehemaliger Vorsitzender der Stabschefs der US-Streitkräfte (Joint Chiefs of Staff) und Oberkommandierender der NATO in Europa; Klaus Naumann, Ex-Generalinspekteur der Bundeswehr und Vorsitzender des NATO-Militärausschusses; General Henk van den Bremen, niederländischer Ex-Generalstabschef; Admiral Jacques Lanxade, Ex-Chef der Marine und des Französischen Verteidigungsstabes, sowie Lord Peter Inge, Feldmarschall und früherer Generalstabschef und Chef des britischen Verteidigungsstabs.

Wolfgang Kötter ist Politikwissenschaftler an der Universität Potsdam und ehemaliger Berater der Vereinten Nationen.

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