Gras fressen für die Bombe

Pakistans Atomwaffen Das latente Kriegsrisiko sowie die islamistischen Kader in der Armee sind eine Gefahrenquelle sondergleichen

Die Furcht vor einem nuklearen Inferno war nach dem Ende des Ost-West-Konflikts weitgehend aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden. Wenn heute die alten Ängste wieder hoch kommen, fällt häufig der Name Pakistan, das sehr viel mehr für einen Risiko-Staat gehalten wird als sein Gegenspieler und Atomrivale Indien.

Das Streben nach der ultimativen Waffe geht bis in die siebziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts zurück: "Wir bauen die moslemische Bombe, und wenn wir dafür Gras fressen müssen", formulierte Zulfikar Ali Bhutto einst als Ministerpräsident seinen Anspruch. Mehr als 500 pakistanische Atomwissenschaftler ließen sich daraufhin in den USA, Kanada und Westeuropa ausbilden. Mit der Bundesrepublik Deutschland schloss Pakistan 1972 ein Abkommen über wissenschaftlich-technische Kooperation - ohne diese Hilfe hätte das Land die Atombombe nie bauen können, meint der amerikanische Nuklearwaffenexperte Mark Hibbs, Chefredakteur der Zeitschrift Nucleonics Week. So bildete das Kernforschungszentrum Karlsruhe gemäß einer Vereinbarung mit der Atomenergiebehörde in Islamabad rund 30 pakistanische Studenten aus. In der deutsch-niederländisch-britischen Gemeinschaftsanlage Urenco erwarben sie technologisches Wissen und erhielten zudem Informationen über potenzielle Lieferfirmen für nukleares Material.

Heißer Draht

Zu den angehenden Atomexperten gehörte seinerzeit der ursprünglich aus Indien stammende Abdul Qadeer Khan, der heute als Vater der pakistanischen Bombe gilt. Als Khan Ende 1975 nach Pakistan heimkehrte, hatte er bei der Urenco gestohlene Baupläne für Gaszentrifugen zur Urananreicherung im Gepäck. Für den Diebstahl verurteilte ihn ein niederländisches Gericht in Abwesenheit, hob das Urteil aber auf amerikanischen Druck hin bald wieder auf. Da leitete Khan bereits das Forschungsinstitut Khan Research Laboratories in Kahuta bei Islamabad. Später berief ihn Präsident Musharraf sogar zu seinem Wissenschaftsberater.

Zum Nebenerwerb verschrieb sich der Aufsteiger dem florierenden internationalen Schwarzmarkt für Nukleartechnik, auf dem es von der Blaupause bis zur Gaszentrifuge alles zu kaufen gab. Die offizielle Behauptung, in der Regierung Pakistans habe niemand davon gewusst, klingt unglaubwürdig. Auch Mohamed El Baradei, Chef der Internationalen Atomenergieagentur (IAEA), bezweifelt das: Zumindest führende Köpfe der Armee oder des Geheimdienstes hätten in Khans Geschäfte eingeweiht sein müssen. Zu seiner Kundschaft im "nuklearen Supermarkt" sollen Ägypten, Iran, Libyen, Nordkorea, Saudi-Arabien und Syrien gehört haben. Zwar steht der inzwischen 72-Jährige unter Hausarrest, seit er vor drei Jahren offiziell enttarnt wurde, doch ändert das nichts am Schaden, den Khan der nuklearen Nichtverbreitung zugefügt hat.

Pakistan trat (wie Indien) weder dem Atomwaffensperrvertrag noch dem nuklearen Teststopp-Abkommen bei und konnte stattdessen mit Beistand aus China, Frankreich sowie den USA seinen atomaren Rüstungsambitionen genügen. Ende der siebziger Jahre gelang den pakistanischen Militärs mit dem Geheimprojekt Butterfabrik die erste Urananreicherung mittels Gaszentrifugen. Aus dem auf etwa 90 Prozent angereicherten Uran-235 bauten sie einen ersten nuklearen Sprengsatz, scheiterten dann allerdings bei dem Versuch, sich Wiederaufbereitungsanlagen aus Westeuropa zu beschaffen. Allein, sie konnten auf den Geschäftssinn westlicher Unternehmen (darunter 70 deutsche Firmen) rechnen, die für viel Geld trotz aller Exportverbote sicherheitsrelevante Komponenten für Anreicherungsanlagen lieferten, so dass Pakistan heute in Rawalpindi über eine eigene Wiederaufbereitung verfügt, um aus abgebrannten atomaren Brennelementen waffenfähiges Plutonium herzustellen. Expertenschätzungen zufolge reicht die verfügbare Plutoniummenge, jährlich 40 Atombomben zu bauen.

Um das Risiko eines versehentlich ausgelösten nuklearen Schlagabtauschs zwischen den beiden Atommächten in Südasien zu verringern, gibt es seit 2004 einen "Heißen Draht" zwischen Delhi und Islamabad.

Bis nach Europa

Als Trägersystem will die pakistanische Armee langfristig eine luft-, see- und landgestützte Triade anstreben. Derzeit laufen umfangreiche Tests für Flugkörper unterschiedlicher Reichweite, um die vorhandene Ghauri-III-Rakete (sie fliegt maximal 3.000 Kilometer) durch einen Flugkörper mit einem Aktionsradius von über 4.000 Kilometern zu ergänzen und gegebenenfalls bis nach Europa vorzudringen. Die Armee erprobt außerdem Babur-Flügelraketen, die - in geringer Höhe unterwegs - der gerade entstehenden indischen Raketenabwehr ausweichen können. Darüber hinaus stehen als Trägersysteme ältere französische Mirage- und chinesische A-5-Kampfflugzeuge in Bereitschaft.

Gleich mehrere US-Regierungen verfassten Notfallpläne und ließen Spezialeinheiten der Delta Force trainieren, die pakistanische Nuklearsysteme im akuten Krisenfall aufspüren und sicherstellen könnten. Nicht zufällig wird befürchtet, dass sich durch einen Putsch Islamisten in der Armee den Zugriff auf das Arsenal verschaffen könnten. Unter Umständen auch Sympathisanten der Taleban. Die pakistanischen Nuklearwaffen sind mit keiner elektronischen Code-Sicherung ausgerüstet, die bei den etablierten Atommächten einen unautorisierten Einsatz ausschließt. Die explosive Mixtur aus latenter Kriegsgefahr, politischem Radikalismus und Atomterrorismus in Pakistan könnte nicht nur für die Region, sondern für die ganze Welt äußerst bedrohlich werden.

Die Leitung des pakistanischen Nuklearprogramms liegt bei der National Command Authority (NCA), die wiederum dem Präsidenten untersteht. Im Augenblick also Pervez Musharraf, von dem sich nicht mit Bestimmtheit sagen lässt, über welche Handlungsfreiheit er wirklich verfügt.

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