Der Katholischste von allen

Porträt Armin Laschet ist im Aachener Klüngel zu Hause und könnte jetzt Kanzlerkandidat der Union werden
Wolfgang Michal | Ausgabe 45/2019 29

Nach 14 Jahren Regentschaft einer protestantischen Pfarrerstochter ist jetzt mal ein Katholik dran. Und, oh Wunder, alle potenziellen Kanzlerkandidaten der CDU sind Katholiken: Annegret Kramp-Karrenbauer, Jens Spahn, Friedrich Merz. Der katholischste aber ist zweifellos jener, dem derzeit die besten Chancen nachgesagt werden: Armin Laschet, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen und Vorsitzender des mit Abstand größten Landesverbandes der CDU. Katholischer als Laschet geht nicht.

Geboren 1961 im katholischen Marienhospital von Aachen-Burtscheid, besucht der kleine Armin, Sohn eines Steigers, die katholische Grundschule und das bischöfliche Pius-Gymnasium. Er strebt nach oben, in die gutbürgerlichen Kreise, engagiert sich in der katholischen Jugendarbeit, wird Messdiener und singt im Kirchenchor. Letzteres vor allem wegen der Tochter des Chorleiters.

Dieser Chorleiter, Heinz Malangré, ist in der Katholikenhochburg Aachen eine Persönlichkeit: geschäftsführender Gesellschafter des kreuzkatholischen Einhard-Verlags, Direktor der Vereinigten Glaswerke in Aachen, Vorsitzender des Verwaltungsrats des TÜV Rheinland, Aufsichtsratsmitglied der Stadtsparkasse Aachen, Präsident von Aachens Industrie- und Handelskammer und Ritter vom Heiligen Grab zu Jerusalem. Heinz Malangrés Bruder Kurt ist Aachens Oberbürgermeister, Mitglied des Geheimordens Opus Dei, Kommandeur des Päpstlichen Ritterordens vom Heiligen Gregor dem Großen, Ehrenmitglied der katholischen Studentenverbindung Carolingia Aachen und Ehrenvorsitzender der Aachener CDU.

In dieses erzkatholisch männerbündische Honoratioren-Milieu – den Aachener Klüngel – wächst der ehrgeizige Armin hinein. Mit 18 tritt er der CDU bei und studiert, wie der Schwiegervater in spe, Jura in Bonn. Er wird Mitglied der katholischen Studentenverbindungen Aenania München und Ripuaria Bonn, zu deren „Prinzipien“ es zählt, sich gegenseitig nach oben zu helfen. „Protektoren“ sind Kardinäle wie Joseph Aloisius Ratzinger oder Joseph Höffner. Wer die Liste der „alten Herren“ studiert, findet dort viele Minister, Generäle, Chefärzte, Intendanten, Bischöfe, Professoren, Richter und Vorstandsvorsitzende. In den katholischen Burschenschaften werden die Grundsteine für die späteren Karrieren der „Bundesbrüder“ gelegt.

Allerdings: Nach dem Examen will Armin doch lieber Journalist werden. Er absolviert ein Volontariat und arbeitet, laut Selbstauskunft, eine Weile „als Bonner Korrespondent“ für den Münchner Lokal- und Gute-Laune-Sender Radio Charivari sowie für Report München, dessen damaliger Leiter Heinz-Klaus Mertes praktischerweise ein Bundesbruder ist.

1985 heiratet Laschet seine Chorliebe Susanne. Damit der Schwiegersohn etwas Anständigeres als Charivari auf der Visitenkarte stehen hat, holt ihn Heinz Malangré 1991 als Chefredakteur zur Kirchenzeitung für das Bistum Aachen in den Einhard-Verlag, wo es Laschet bis zum Verlagsleiter bringt. Auch die politische Karriere läuft wie geschmiert. Schon 1989, mit 28, wird er der „jüngste Ratsherr“ von Aachen. Neben seiner journalistischen Tätigkeit wirkt er als „wissenschaftlicher Berater“ von Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth, die im Zentralkomitee der deutschen Katholiken sitzt. Bei der Bundestagswahl 1994 holt Laschet das Direktmandat im Wahlkreis Aachen-Stadt.

Nach dem Ende der Ära Kohl wechselt er ins EU-Parlament, wird dann 2005 der erste deutsche „Integrationsminister“ im Kabinett von NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers. Der ist, wie könnte es anders sein, ein „Bundesbruder“ aus Köln. Doch erst die verheerenden Wahlniederlagen von Rüttgers und Norbert Röttgen gegen Hannelore Kraft verhelfen Laschet an die Spitze. Als „Notlösung“ übernimmt er mit schwachen 77,6 Prozent den CDU-Vorsitz. Ein Jahr später wird er, da Merkel den beliebteren Karl-Josef Laumann nach Berlin weglobt, auch Fraktionsvorsitzender und schließlich Spitzenkandidat seiner Partei. 2017 ist er am Ziel und bildet mit Christian Lindners FDP eine schwarz-gelbe Koalition.

Seine leutselige Art und seine christlich-soziale Erdung als „rheinischer Katholik“ im „rheinischen Kapitalismus“ machen ihn zu einem beliebten Ministerpräsidenten, der – anders als Merz – im Bund auch mit Grünen und SPD regieren könnte. Doch Laschets Politik ist nicht klüngelfrei.

Zum Chef der NRW-Staatskanzlei macht er den Gründer der rechtskatholischen Vereinigung „Generation Benedikt“, Nathanael Liminski, der dem „Liminiski-Clan“ zugerechnet wird; Vater Jürgen ist Opus-Dei-Mitglied. Von Liminski führt ein kurzer Weg zum katholischen Bundesbruder und CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak. Als Brexitbeauftragten für NRW installiert Laschet seinen Parteifreund Friedrich Merz. Auch der ein Bundesbruder der katholischen Studentenverbindung Bavaria Bonn. Geleistet hat Merz bislang wenig.

Als Medienminister beruft Laschet den Präsidenten des Verbands Deutscher Zeitschriftenverleger und Schatzmeister der NRW-CDU, Stephan Holthoff-Pförtner. Der war mal „Vorortspräsident“ des Cartellverbands der katholischen Studentenverbindungen. Ein Bundesbruder. Erst nach Protesten gibt Laschet die Zuständigkeit für Medien an die Staatskanzlei ab. Also an Liminski.

Vielleicht ist es dieser männerbündisch-katholische Mief, der die Beliebtheit der NRW-Regierung inzwischen abflauen lässt. In den jüngsten Umfragen kommen CDU und FDP zusammen auf gerade noch 41 bzw. 40 Prozent. Da passt es, dass der Aachener Karnevalsverein, noch so ein Männerbund, Laschet am 8. Februar den „Orden wider den tierischen Ernst“ verleihen will. Dann ist Laschet vielleicht schon (nicht mehr) Kandidat.

06:00 12.11.2019
Geschrieben von

Wolfgang Michal

Journalist; Themen: Umbrüche & Entwicklungen
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Wolfgang Michal

Ausgabe 08/2020

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