Gerüchte, Gefühle und Pamela Anderson

Wikileaksleaks Julian Assange hat nach langem Schweigen seinen Twitter-Account reaktiviert. Was hat er vor? Hier sind drei Theorien
Gerüchte, Gefühle und Pamela Anderson
Was weiß sie? Assanges Katze James
Foto: Daniel Leal Olivas/AFP/Getty Images

Am 14. Februar hat Julian Assange – nach langem Schweigen – seinen persönlichen Twitter-Account reaktiviert. Sein erster Tweet lautete, frei nach Mark Twain: „Die Nachrichten über meinen Tod sind stark übertrieben.“ Nun spekulieren viele: Was hat Assange vor? Warum genügt ihm der Account von Wikileaks mit seinen 4,3 Millionen Followern nicht mehr? Drei Theorien sind in Umlauf:

Theorie 1: Assange wurde von Frühlingsgefühlen übermannt.

Für die Bild-Zeitung ist der wahre Grund für das plötzliche Heraustreten von Julian Assange sonnenklar: Das kann nur eine Frau bewirken. Akribisch listet das Blatt auf, wann Assange in den vergangenen Monaten von der Schauspielerin Pamela Anderson (Bild nennt sie „Ex-Baywatch-Schnitte“, „Badenixe“ oder „Pam“) besucht worden ist: „Fünf Mal hat Pam Julian Assange in den vergangenen vier Monaten in seiner Zuflucht besucht, ihm fast jedes Mal ein paar Leckereien mitgebracht.“ Zu jedem ihrer fünf Besuche zeigt Bild ein Bild von Pam. „Von Besuch zu Besuch wurden ihre Röcke kürzer ...“ (ist gelogen, aber sabbersabber). „Am 15. Oktober brachte Pam Essen und ein Buch mit zu Assange. Ob er dafür angesichts ihres Outfits ohne BH Augen hatte?“ Bild baut eine ganze Serie daraus: „Hat sich Julian Assange in Pams Herz gehackt?“ – „Wie Julian Assange von Pam schwärmt“ – „Da geht doch was!“ – „Wir sind gespannt, wie diese (Love-)Story weitergeht …“

Theorie 2: Eine neue Wikileaks-Enthüllung steht bevor, und Assange möchte sie persönlich präsentieren.

Am 4. Februar veröffentlichte Wikileaks einen extrem seltsamen Tweet: „Was ist #Vault7?“ Keine Erklärung, kein Link. Tags darauf: „Wo ist #Vault7?“ Dann: „Wann ist #Vault7?“ Am 9. Februar endete die Serie mit der Frage „Wie hat #Vault7 seinen Weg zu Wikileaks gefunden?“ Zu jedem Tweet postete Wikileaks ein rätselhaftes Bild. Ein Bilderrätsel also? Im Netz überschlugen sich die Vermutungen. War es die Ankündigung neuer Clinton-E-Mails? Eine Enthüllung über den tiefen Staat? Ein Morsecode? Aber für wen? Handelte es sich gar um einen Hinweis auf jenes ominöse Gebäude Nr. 7, das sieben Stunden nach dem Terroranschlag vom 11. September 2001 in sich zusammensackte? Wikileaks klärte seine kryptische Tweet-Serie nicht auf, sondern publizierte stattdessen Dokumente, die eine Überwachung der letzten französischen Präsidentschaftswahlen durch US-Geheimdienste belegen. Außer in Frankreich fand der Scoop kaum Beachtung. Also ein Rohrkrepierer? Oder geht die eigentliche Bombe erst noch hoch?

Theorie 3: Die persönliche Situation von Assange könnte sich bald ändern.

Seit viereinhalb Jahren „genießt“ Julian Assange politisches Asyl in der Londoner Botschaft von Ecuador. Dessen Präsident Rafael Correa hat bislang seine schützende Hand über Assange gehalten. Doch nun endet Correas Amtszeit, und nach der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen ist nicht sicher, ob Correas designierter Nachfolger Lenin Moreno die Stichwahlen am 2. April gegen den Ex-Banker Guillermo Lasso gewinnt. Lasso hat verkündet, er werde Assange binnen 30 Tagen aus der Londoner Botschaft werfen. Er wird seine Drohung wahrmachen, denn Wikileaks hat erst vor Kurzem kompromittierendes Material über ihn veröffentlicht. Assange braucht also einen direkten Draht nach draußen. Und einen persönlichen Plan B. Einige Millionen Follower auf Twitter (Trump hat 25,3 Millionen) könnten den nötigen Druck erzeugen.

12:50 22.02.2017
Geschrieben von

Wolfgang Michal

Journalist; Themen: Umbrüche & Entwicklungen
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Wolfgang Michal

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