Jenseits der Eifel

Porträt Norbert Röttgen will mit moralischem Rigorismus und der Härte eines Kalten Kriegers CDU-Chef werden
Jenseits der Eifel
Norbert Röttgen kennt Höhen und Tiefen. In NRW fuhr er das schlechteste Ergebnis aller Zeiten ein, die Kanzlerin feuerte ihn als Minister. Als Außenexperte wird er heute respektiert

Foto: IPON/Imago Images

Endlich! Alexei Nawalny sei Dank! Die Vergiftung des russischen Oppositionspolitikers hat Norbert Röttgen ins Rampenlicht zurückgeholt. Er galt schon als abgeschrieben im Dreikampf um den CDU-Vorsitz. Kein Reporter, keine Talkshow-Redaktion fragte den Außenpolitiker, wie die Coronakrise wohl zu bewältigen sei. Doch nun holt er mächtig auf, der Abstand zu Armin Laschet und Friedrich Merz ist auf wenige Prozentpunkte zusammengeschmolzen.

Gut, im Grunde ist es egal, wer CDU-Vorsitzender wird, denn alle drei verkörpern den gleichen Typus: Aufgewachsen in der katholischen CDU-Provinz Nordrhein-Westfalens, bereits als Teenager sozialisiert in der Jungen Union, Jura-Abschluss in Bonn, katholische Studentenverbindung oder Stipendium der Konrad-Adenauer-Stiftung inklusive. Sie heiraten nach oben, profitieren von starken Frauen, die ihnen „den Rücken frei halten“. Als Angehörige der geburtenstarken Babyboomer müssen sie viel Selbstmarketing betreiben, um irgendwie aus der Masse herauszustechen. Deshalb glauben sie auch felsenfest, verschieden zu sein und „die ganze Vielfalt der CDU“ zu repräsentieren.

Norbert Röttgen ist von den dreien aktuell der Umtriebigste. Auf allen Kanälen fordert er eine „harte Reaktion“ auf Putins „Politik der Vergiftung“. Insbesondere die Pipeline Nord Stream 2 müsse gestoppt werden. Auch China, das in Hongkong die Freiheit malträtiert, soll Röttgens neue Härte zu spüren bekommen: durch den Ausschluss des Huawei-Konzerns aus dem Kreis der 5-G-Ausrüster. Außerdem will er einen Sondergipfel der EU zu Belarus. Und in einem Offenen Brief verlangt er die sofortige Aufnahme von 5.000 Flüchtlingen aus Griechenland – was er im März im Bundestag noch abgelehnt hatte. Es sieht ganz danach aus, als habe Röttgen sein Alleinstellungsmerkmal im Kampf um die CDU-Spitze gefunden: die Verbindung von moralischem Rigorismus mit der Härte des Kalten Kriegers.

Er fühlt sich so stark wie 2010, als er der Shooting-Star der CDU war. Seinem Kumpel Andreas Krautscheid (heute Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands deutscher Banken) hatte er den Vorsitz im CDU-Bezirk Mittelrhein weggeschnappt, angeblich mit unsauberen Methoden, danach brachte er seinen Freund Armin Laschet um den CDU-Vorsitz in Nordrhein-Westfalen; beide Freundschaften zerbrachen darüber. Als Umweltminister in Merkels Kabinett war er früh schon „Muttis Klügster“; und als er auch noch zu ihrem Stellvertreter in der Partei aufrückte, munkelten viele, er werde sie beerben – in der CDU und im Kanzleramt. Die Bunte schwärmte vom „George Clooney am Rhein“ und der Focus porträtierte das Ehepaar Röttgen als „die Kennedys vom Rhein“.

Der Absturz war jäh. Röttgen verlor die vorgezogene NRW-Wahl gegen Hannelore Kraft mit dem schlechtesten CDU-Ergebnis aller Zeiten, und da er als Umweltminister nicht freiwillig gehen wollte, wurde er von der Kanzlerin kurzerhand gefeuert.

Wieder wussten die Medien genau, warum es so kommen musste, warum Röttgen 2011 noch als „Kanzler im Wartestand“ firmierte, während er 2012 schon der „Ypsilanti der CDU“ war. Er sei nicht volkstümlich, hieß es, er vergrätze seine Freunde, verliere zu schnell die Nerven, verachte Bratwürste und habe etwas Schnöselhaftes an sich. „Röttgen“, tadelte der Spiegel, „hat eine offensive Intelligenz. Er zeigt allen, wie klug er ist, und er macht das so, dass viele den Eindruck haben, er wolle ihnen zeigen, dass er klüger ist als sie.“

Wäre sein Förderer Ruprecht Polenz nicht gewesen (auch er ein Merkel-Opfer), hätte Röttgen von da an nur noch Umweltprojekte beraten. Polenz überlässt Röttgen Anfang 2014 den Vorsitz im Auswärtigen Ausschuss und holterdiepolter wird aus dem Umwelt- ein Außenpolitiker. Denn Inhalte oder Meinungen passen sich, wie bei Joschka Fischer, den jeweiligen Karriereerfordernissen an. 2006 etwa, als Röttgen zum Bundesverband der Deutschen Industrie wechseln wollte, war Umweltpolitik noch keineswegs sein Herzensthema. Nun also Außenpolitik.

Als er die Welt jenseits der Eifel betritt, verschärfen sich gerade die Spannungen: Auf die Euromaidan-Bewegung in der Ukraine folgt Russlands Annexion der Krim, im syrischen Bürgerkrieg etabliert sich der „Islamische Staat“, der Aufstieg Chinas ängstigt den Westen, Nato und EU leiden an internen Querelen.

Wo in dieser Gemengelage verortet sich der außenpolitische Novize Röttgen? Wie sein Mentor Polenz gilt er als lupenreiner Transatlantiker, wie dieser unterstützt er die Nato-Denkfabrik Atlantische Gesellschaft, wie sein Mitbewerber Merz sitzt er im Vorstand des Vereins Atlantikbrücke. Röttgen sympathisiert mit dem transatlantisch ausgerichteten Zentrum Liberale Moderne, das liberale Grüne 2017 gegründet hatten, und setzt sich für die Aufrüstung der Bundeswehr ein. Aber er wirbt auch für das US-Präsidentschaftskandidatenpaar Joe Biden/Kamala Harris und kritisiert die Politik Israels und der USA im Nahen Osten. Als er sich im Mai 2019 gemeinsam mit anderen Abgeordneten einer Resolution widersetzt, die der Israel-kritischen Boykottbewegung BDS Antisemitismus bescheinigt, wütet der Historiker Michael Wolffsohn: „Ihr Anführer ist der mehrfach gescheiterte und in die Außenpolitik abgeschobene Norbert Röttgen.“

Röttgen versteht sich gut mit dem grünen Außenpolitiker Omid Nouripour. Die beiden arbeiten für eine gemeinsame Sache: In den 1990er-Jahren gehörte Röttgen zu den Initiatoren des schwarz-grünen Gesprächskreises Pizza-Connection, heute koordiniert Nouripour, gemeinsam mit Jens Spahn, die Nachfolgeorganisation Pasta-Connection. Nächstes Etappenziel könnte ein schwarz-grünes Außenamt sein. Röttgen als Koch, Nouripour als Kellner.

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Ihre Freitag-Redaktion

06:00 21.09.2020
Geschrieben von

Wolfgang Michal

Journalist; Themen: Umbrüche & Entwicklungen
Schreiber 0 Leser 28
Wolfgang Michal

Ausgabe 43/2020

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