Kein Selbstläufer

Wandel Digitalisierung und Automatisierung verändern nicht nur unsere Arbeit, sondern die gesamte Gesellschaft tiefgreifend. Die Politik muss sich den Gefahren stellen
Wolfgang Michal | Ausgabe 48/2016 7

Ein Teil der Forscher glaubt, dass jeder zweite Arbeitsplatz in den kommenden 15 Jahren durch Digitalisierung und Automatisierung wegfällt. Ein anderer Teil hofft, dass der technologische Wandel so viele neue Arbeitsplätze entstehen lässt, dass der Wegfall der alten Arbeitsplätze nahezu vollständig kompensiert wird.

Und dann gibt es die Oberschlauen, die weder einen substanziellen Wegfall noch einen großen Zugewinn an Arbeitsplätzen erwarten. Sie sagen, es bleibt im Grunde alles beim Alten, nur unsere Tätigkeiten werden neu sortiert: weg von den stupiden, leicht automatisierbaren Routine-Handlungen, hin zu „komplexen, nicht automatisierbaren Aufgaben mit höheren Qualifikationsanforderungen“. Die Arbeiter der Zukunft werden sich auf das konzentrieren, was die Roboter (noch) nicht können: Verhandeln, überzeugen, Beziehungen pflegen, erziehen, betreuen, Konzepte entwickeln, beraten, erfinden, planen, analysieren, bewerten. Den Rest machen die Maschinen unter sich aus.

Da die Datenlage hinsichtlich des Automatisierungspotenzials aber äußerst dünn ist und weder Glaube noch Hoffnung verlässliche Kategorien darstellen, befasst man sich am besten mit den bereits sichtbaren Trends. Und da sieht die Lage schon anders aus, als es die technikfreundlichen Thinktanks und die Industrie-4.0-Beilagen in den Zeitungen suggerieren. Der Übergang in die schöne neue Arbeitswelt wird von gefährlichen Entwicklungen bedroht:

Erstens: Die Digitalisierung bewirkt eine Polarisierung des Arbeitsmarkts und der Löhne. Was in den USA längst eingetreten ist, zeichnet sich nun auch für Deutschland ab: eine wachsende Kluft zwischen hoch bezahlten Jobs und Niedriglohnsektor. Die Mitte der Facharbeiter bricht weg, Vollzeitjobs gehen verloren, Teilzeitjobs in den Dienstleistungsbranchen nehmen zu. Jeder vierte deutsche Arbeitnehmer arbeitet inzwischen im Niedriglohnsektor, das heißt: für weniger als 9,30 Euro pro Stunde.

Der Rust Belt als Mahnung

Die neuen billigen Arbeitnehmer sind oft „atypisch beschäftigt“: als Solo-Selbstständige, Leiharbeiter, Minijobber, mit befristeten Verträgen. Was im Rust Belt – der für Donald Trumps Wahlsieg entscheidenden Industrieregion der USA – zu besichtigen ist, könnte bald auch in Europa Wirklichkeit werden. Zwar befindet sich das Herzstück der deutschen Industrie, die Automobilproduktion, noch in der Frühphase des technologischen Umbruchs, aber die Auswirkungen der Digitalisierung erreichen mittlerweile sogar die Kernbelegschaften. Durch den Wandel der Produktion von der herkömmlichen Fabrik zur digital vernetzten smart factory und den gleichzeitigen Wandel des Produkts vom diesel- und benzingetriebenen Fahrzeug zum Elektroauto und selbstfahrenden Computer beschleunigt sich der Arbeitsplatzabbau in Fabrikhallen und Zulieferbetrieben, während Spezialisten, die den digitalen Wandel programmieren sollen, händeringend gesucht und extrem gut bezahlt werden.

Die IG Metall rechnet damit, dass von den 880.000 Arbeitsplätzen bei den Automobilfirmen und Zulieferern 250.000 Arbeitsplätze von Umstrukturierung in den nächsten 10 bis 15 Jahren „betroffen“ sind. Arbeiteten vor 50 Jahren 56,9 Prozent aller Arbeitnehmer im produzierenden Gewerbe, so sind es heute nur noch 25,2 Prozent.

Zweitens: Die Digitalisierung verstärkt die kulturelle Spaltung der Gesellschaft. In den Genuss der Vorteile der Digitalisierung gelangt bislang nur jene schmale Schicht gut ausgebildeter Spezialisten, die in den Zeiten des digitalen Umbruchs dringend gebraucht werden. Für deren Work-Life-Balance wird von den Betrieben alles getan. Sie verfügen über „Zeitsouveränität“ und können Sabbaticals, partnerschaftliche Elternzeit oder Familienarbeitszeit nehmen, wann immer sie es wünschen. Ihre individuellen Lebensentwürfe werden respektiert. Sie bekommen Massagen, flexible Arbeitszeitkonten, vegane Verpflegung und Tablets. Das Unternehmen sorgt für Kinderbetreuung und ein gutes Betriebsklima, die Möglichkeit zur Weiterbildung besteht jederzeit und überall. Das gewerkschaftliche Leitbild der „guten Arbeit“ ist für dieses schmale Segment schon Realität.

Für die große Masse der Erwerbstätigen aber finden Wertewandel und Humanisierung der Arbeitswelt nur unter größten Schwierigkeiten statt, ja, in Wahrheit hat sich die „traditionelle“ geschlechterspezifische Arbeitsverteilung mit der beginnenden Digitalisierung sogar noch verfestigt: Der Mann arbeitet Vollzeit, die Frau Teilzeit. In den vergangenen 20 Jahren ist der Anteil dieses klassischen Familien-Modells von 27 auf 47 Prozent gestiegen, während der Anteil der Eltern, die beide Vollzeit arbeiten, von 26 auf 18 Prozent abgenommen hat (obwohl viele Frauen gern mehr arbeiten würden). Ein Drittel aller Frauen ist heute atypisch beschäftigt, natürlich im Niedriglohnsektor. Ein weiteres Viertel arbeitet Teilzeit. Die Digitalisierung unterstützt also nicht den Wertewandel für alle Arbeitnehmer, sondern nur den Wertewandel einer gut ausgebildeten Minderheit.

Drittens: Die Digitalisierung vertieft die Spaltung Europas. Mit seinem starken industriellen Kern, seiner Finanzkraft und seinem technologischen Schwerpunkt im Maschinen- und Anlagenbau kann Deutschland die digitale Transformation leichter bewältigen als die übrigen Staaten Europas. Der technische Vorsprung wird sich also vergrößern und die wirtschaftliche Dominanz Deutschlands wird die schwächeren Staaten marginalisieren.

Eingeleitet wurde die Entwicklung durch „Industrie 4.0“, ein staatlich gefördertes Großprojekt, das nach der Finanzkrise die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands gegenüber China und den USA sichern sollte. Es ist auf die Optimierung von Wertschöpfungsketten und den Export von Maschinen, Fabrikanlagen und hochkomplexen Produkten ausgelegt, wird die Hierarchisierung Europas verstärken und Deutschland auch hier zum Anführer der EU machen.

Aggressive Weltpolitik

Denn wer könnte die „kostenorientierte Daueroptimierung aller Prozesse und Strukturen“ besser organisieren als das deutsche korporatistische Modell mit seiner Großen Koalition, seinen gemäßigten Gewerkschaften, seiner funktionierenden Verwaltung, seinen technischen Hochschulen, hervorragenden Ingenieuren und neoliberalen Medien? Dass die Spannungen in der EU zwischen Deutschland und dem Süden, zwischen Deutschland und dem Osten, aber auch zwischen Deutschland und Frankreich durch diese digitale Weltmarkt-Strategie weiter steigen, verdeutlicht, wie riskant die wirtschaftliche Vormachtstellung außenpolitisch werden kann.

Viertens: Die Digitalisierung erfordert eine aggressive Weltpolitik. Um die inneren Spannungen, die durch die Polarisierung des Arbeitsmarkts und die kulturelle Spaltung der Gesellschaft erzeugt werden, auffangen zu können, braucht es eine Politik, die den aufkeimenden Unmut (Stichwort AfD) nach außen ablenkt. Dieser Unmut kann sich auf „eindringende“ Flüchtlinge oder Muslime richten, aber genauso auf Terroristen oder Diktatoren. Die Bereitschaft, Angehörige anderer Kulturen, Nationen oder Religionen zu bevormunden und zu beleidigen, hat deutlich zugenommen.

Die Moral scheint uns Recht zu geben. Haben wir nicht allen Grund, gegen Orbán und Le Pen, gegen Erdoğan, Putin, Trump und den Brexit, gegen Hofer und „die Populisten“ vom Leder zu ziehen? Sind wir nicht längst wieder eingekreist? Nur wenn wir unseren wirtschaftlichen Vorsprung ausbauen und Weltmarktführer der digitalen Transformation bleiben, können wir unseren Wohlstand gegen all die Schulden- und Schurkenstaaten verteidigen.

Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles hat das gerade noch rechtzeitig erkannt. Sie hat erkannt, welche Gefahren sich aus dem neoliberalen Konzept Industrie 4.0 mit seiner Absicht, die erste Geige in der globalen Ökonomie zu spielen, ergeben. Im Frühjahr 2015 setzte sie einen Dialogprozess in Gang, der am vergangenen Dienstag mit der Veröffentlichung des Weißbuchs „Arbeiten 4.0“ den vorläufigen Höhepunkt erreichte.

Nahles möchte das bereits enteilte Wirtschaftsprojekt Industrie 4.0 noch einmal zurückholen und um den vernachlässigten Faktor Arbeit ergänzen. Sie will Arbeit und Kapital zu einem „sozialen Kompromiss“ anregen, einem Kompromiss, den man ohne Übertreibung einen historischen nennen könnte, wenn die politische Tragweite von allen erkannt würde.

Das Thema Arbeit 4.0 hätte jedenfalls das Zeug, zum beherrschenden Thema des Wahlkampfs 2017 zu werden, wenn es Sozialdemokraten, Linke und Grüne verstehen, die vier hier skizzierten Reizthemen der Digitalisierung – Polarisierung des Arbeitsmarkts, kulturelle Spaltung der Gesellschaft, Vertiefung der Spaltung Europas und digitale Weltmachtpolitik – intelligent miteinander zu verknüpfen.

Nicht gelingen wird es, den sozialen Kompromiss allein mit den Mitteln des Bundesarbeitsministeriums zu erreichen. Flexible Regelungen für eine neue Work-Life-Balance, ein Recht auf Weiterbildung und befristete Teilzeit, mehr Betriebsräte und besserer Datenschutz, eine erweiterte Arbeits- und Rentenversicherung und ein allgemeinverbindlicher Tarifvertrag für das Sozialwesen sind zwar wunderbare Vorschläge, aber nichts davon wird von selbst kommen. Und nichts davon reicht an die Wurzeln des Problems.

Auch sollte die Arbeitsministerin nicht vergessen, dass die SPD nach 1998 – trotz 14-jähriger Regierungsbeteiligung – nicht verhindern konnte, dass sich viele Kennziffern des Strukturwandels zu Lasten der Arbeitnehmer entwickelten. Die Lohnquote ist heute niedriger, der Organisationsgrad der Betriebsräte und die Tarifbindung der Unternehmen sind schwächer geworden, das Rentenniveau ist gesunken, der Niedriglohnsektor wurde stark ausgeweitet, die Weiterbildungsangebote haben die Geringqualifizierten kaum erreicht.

Es ist also mehr nötig als das Aufschreiben von Wohlfühl-Phrasen in schön gestalteten Grün- oder Weißbüchern. Wer gute Arbeit für alle erreichen will, muss auch bereit sein, reale Konflikte auszutragen. Nicht nur in Wahlkampfreden und Parlamenten, sondern in Betrieben, vor Gerichten und auf der Straße. Der „Dialogprozess Arbeiten 4.0“ bietet gutes Material dafür.

06:00 28.12.2016
Geschrieben von

Wolfgang Michal

Journalist; Themen: Umbrüche & Entwicklungen
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Wolfgang Michal

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