Warum Elke Twesten umkippte

Wahl Der Scoop der Union in Niedersachsen passt zum Zeitgeist: Die Grünen sollen ausgemustert werden

Die Chancen stehen gut. Die Wutbürger um AfD und FDP haben „diese unerträgliche Verzichts- und Verbotspartei“ bis oben hin satt. Gemeint sind die Grünen als die Nachfahren des Aufbruchs von 1968. Man will endlich wieder moralfrei investieren und konsumieren. Die eher links Stehenden halten den Grünen vor, sie hätten ihre Grundsätze verraten und würden mit jedem koalieren, Hauptsache, es springen ein paar Pöstchen dabei heraus. Und die Dritten, die klassischen Naturschützer, die schon grün waren, als die Partei noch gar nicht existierte, beklagen, dass die lokalen Initiativen, die sich um das Überleben von Erdkröten und Rotmilanen kümmern, vor lauter Klimakatastrophengeschrei nicht mehr gehört werden.

Es herrscht eine aggressive Anti-Grün-Stimmung im Land, die das Parteiengefüge grundlegend verändern könnte. Eine bislang unbekannte Landtagsabgeordnete aus Rotenburg (Wümme) hat uns das schlagartig zu Bewusstsein gebracht. Der Wechsel der Grünen Elke Twesten zur CDU, die damit die letzte rot-grüne Koalition in einem bundesdeutschen Flächenland beerdigte, wird als ruchlose Tat einer Karrieristin gegeißelt. Inhaltlich habe sie keinen einzigen Grund genannt. Sie habe sich den Grünen lediglich „entfremdet“. Anders ausgedrückt: Sie hat dem Druck der herrschenden Anti-Grün-Stimmung nicht mehr standgehalten.

Denn die Grünen im Landkreis Rotenburg (Wümme) stehen für etwas. In dieser niedersächsischen Region liegt das Zentrum der deutschen Erdgasförderung. Die großen Konzerne, allen voran Exxon Mobil, machen massiv Druck wegen der ständigen Verschleppung ihrer „Anträge zur Aufsuchung von Kohlenwasserstoffen“. Schon 2009, als Christian Wulff noch Ministerpräsident in Niedersachsen war, hatte Exxon Mobil angekündigt, Probebohrungen für 300 Millionen Euro niederbringen zu wollen. Mit seinen Erdgasvorkommen habe Deutschland die Chance, für 30 oder mehr Jahre autark zu werden. „Hannover“, so ein Manager von Exxon Mobil, könne „das europäische Zentrum für die Förderung und Versorgung mit unkonventionellem Gas“ werden. Der VW-Konzern hätte einen alternativen Kraftstoff direkt vor der Haustür, die Abhängigkeit von russischen Erdgaslieferungen wäre beendet.

Doch dann verloren Nordrhein-Westfalen (2010) und Niedersachsen (2013) ihre liberal-konservativen Mehrheiten an Rot-Grün. Und die Grünen blockierten die Erdgasförderung. Sie sprachen sich sogar für ein totales Fracking-Verbot aus. Diese Fördertechnik – bei der ein Gemisch aus Wasser, Sand und Chemie mit hohem Druck in den Boden gepresst wird, um das im Gestein gebundene Gas zu lösen – verursache zu viele Umweltschäden: Böden und Trinkwasser würden vergiftet, Gebäude durch Erdbeben beschädigt, die Krebsrate steige dramatisch. Viele Bürger widersetzten sich den Konzernen, die Grünen bündelten den Widerstand. Im Juni 2016 verabschiedete der Bundestag ein Anti-Fracking-Gesetz, das im Februar in Kraft trat. Bohrungen sind jetzt nur noch erlaubt, wenn die jeweilige Landesregierung zustimmt. Solange die Grünen mitregieren, wird das nicht geschehen.

Das war der Grund, warum Elke Twesten von ihrem Kreisverband nicht mehr als Landtagskandidatin aufgestellt wurde. Die Grünen wollten eine Politikerin in den Landtag schicken, die sich mit den Problemen der Erdgasförderung besser auskennt. Also mit jenem Thema, das den Menschen im Landkreis Rotenburg tatsächlich auf den Nägeln brennt.

06:00 11.08.2017
Geschrieben von

Wolfgang Michal

Journalist; Themen: Umbrüche & Entwicklungen
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Wolfgang Michal

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