FREIHEIT IST NOT-WENDIGKEIT

Lektüre-Vortrag Es geht um Heideggers Freiheits-Begriff. Dazu ein Rückblick auf die Veranstaltung "Die fünffache Freiheit der Lebensform des geschäftslosen Gebrauchs von Welt und Erde"
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Autonomes Seminar an der Humboldt-Universität zu Berlin – seit 1998 - Ehrenamtlich, frei und offen für alle - Verantwortlich: Wolfgang Ratzel, Tel. 030-42857090 – eMail: autonomes.seminar@t-online.de - http://autonomes-seminar-humboldt.webs.com/

(1) Einladung zum Lektüre-Vortrag von Wolfgang Ratzel in der Reihe „Nachdenken über Freiheit“

„Freiheit ist Not-wendigkeit – Über Heideggers Freiheits-Begriff“

Die Freiheit ist die Kraft, die Not wendet. Die Not ist der Grund der Unfreiheit. Das Wesen der Not ist der Zwang. Das Nötige und Nötigende ist das Zwingende, das uns ausschließlich zur Befriedigung unserer Bedürfnisse zwingt. In der Not gibt es keine Freiheit. Das Unnötige ist das, was nicht aus der Not kommt, d.h. nicht aus dem Zwang, sondern aus dem Freien. Freiheit waltet nur im Unnötigen!

Inwieweit ist dieser Freiheits-Begriff anschlussfähig an die Politik- und LebensForm des geschäftslosen Gebrauch von Welt und Erde?

Bitte Bezugstext Heidegger: „Die Armut“ anfordern: autonomes.seminar@t-online.de

Donnerstag, 19. Mai 2016 von 18:30 - 20:30 Uhr

Seminargebäude der Humboldt-Uni, Invalidenstraße 110, Raum 293

Heideggers Begriff von Freiheit liegt quer zu allen Bestimmungen und ergänzt die Freiheiten der LebensForm des geschäftslosen Gebrauchs von Welt und Erde.

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(2) Rück-Schau auf den Do, 12. Mai 2016:

Die „Fünffache Freiheit der Politik- und Lebensform des geschäftslosen Gebrauchs von Erde und Welt“ besuchten 16 Über-die-Freiheit-Nachdenkende, 8 Frauen und 8 Männer. In der Blauen Spendendose versammelten sich danach 720 Cents.

Von den „Fünf Freiheiten“ konnten wir allerdings keine zu Ende bringen. Insbesondere nicht die Frage, was es heißt, befreit zu sein vom geschäftsmäßigen Gebrauch bzw. dem Geschäftemachen mit Menschen und Dingen.

Die heftigste Erregung entfaltete sich bei der Frage, was die Freiheit vom Gesetz als Freiheit zur Regel bedeutet. Worin unterscheiden sich Gesetz und Regel? Ist die Regel eine Form des Gesetzes? Beides wird fortgesetzt.

Was bleibt?

Im Vortrag und in der Diskussion kristallisierten sich zwei grundlegende Existenzialien der Politik- und LebensForm des geschäftslosen Gebrauchs heraus. Existenzialien sind die Strukturmerkmale unseres Daseins in dieser LebensForm. Sie sind sozusagen der Grund, auf dem das Regelwerk dieser LebensForm errichtet wird. Das heißt:

Erstens: Die besagte Politik- und LebensForm gewährleistet im Bereich der Welt der Menschen die Entfaltung der Mitmenschen gemäß ihren Bedürfnissen und Fähigkeiten.

Sie verhindert, dass Menschen auf eine bestimmte Entfaltungsmöglichkeit festgelegt werden, d.h.:

Keine Festlegung auf eine bestimmte Identität, z.B. als Geschlechtsidentität, nationale und ethnische Identität, Milieu-, „Rassen“- und Klassenidentität, schwäbische, berlinische, badische Identität u.v.m..;

Keine Festlegung der Mitmenschen auf ein bestimmtes Werk oder einen bestimmten Beruf.

Zweitens: Die besagte Politik- und LebensForm gewährleistet ein Leben außerhalb des Rechts. Das heißt: Sie gewährleistet ein Leben unter einem Regelwerk, das sich das Leben selbst gibt. (was noch genauer auszuführen wäre)

Zum ersten Existenzial:

Um Mißverständnisse zu vermeiden: Es geht nicht darum, eine selbst gewählte Festlegung auf eine bestimmte Identität (oder ein Werk oder einen Beruf) zu verhindern. Es geht immer nur um die Verhinderung des Zwangs, eine bestimmte Identität haben zu müssen bzw. ein besonderes Werk leisten oder einen besonderen Beruf ausüben zu müssen. Oder anders gesagt:

Wer als Frau geboren wurde, soll so leben können, als ob sie keine Frau wäre!

Wer als Mann geboren wurde, soll so leben können, als ob er kein Mann wäre!

Wer als Deutsche geboren wurde, soll so leben können, als ob sie keine Deutsche wäre!

Wer als Weißer geboren wurde, soll so leben können, als ob er kein Weißer wäre!

Wer als Araberin geboren wurde, soll so leben können, als ob sie keine Araberin wäre!

Wer in eine Kaste hineingeboren wurde, soll so leben können, als ob sie in keine Kaste geboren worden wäre!

Wer als Christ, Muslima, Buddhist oder Hinduistin geboren wurde, soll so leben können, als ob er/sie nicht Christ, Muslima, Buddhist oder Hinduistin wäre! – usw.usf.

Giorgio Agamben hat diese beiden Existenzialien so ausgedrückt:

- „Ist eine Lebens-Form denkbar, also ein dem Zugriff des Rechts vollständig entzogenes Menschenleben und ein Körper- und Weltgebrauch, der nicht in der Aneignung endet?“ (In: Giorgio Agamben: Höchste Armut. Ordensregel und Lebensform, S. 12)

- „Doch was ist ein Leben außerhalb des Rechts, wenn es als Lebensform bestimmt wird, die von den Dingen Gebrauch macht, ohne sie sich anzueignen?“ (ebd., S. 195)

Die Debatte geht also weiter. Wer sie aus der Ferne verfolgen und mitreden will, möge sich melden.

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(3) Vor-Schau:

Am Do, 26. Mai 2016, spricht Helmut Beck zum Thema „Neurobiologie und Verantwortlichkeit“ – Näheres kommt rechtzeitig.

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(4) Einladung zur Vierten Konferenz des Denkwerks Zukunft

„Warum wir nicht tun was wir für richtig halten – Über die Macht tradierten Denkens“ am 2. Oktober 2016 in Berlin

Die überwältigende Mehrheit der Menschen will nachhaltig leben und wirtschaften [Anmerkung WR: Das bezweifle ich sehr], aber nur eine Minderheit tut es.

Ursächlich hierfür dürften nicht zuletzt mentale Prägungen sein, die nachhaltigem Handeln entgegenstehen. Was sind die historischen sowie philosophisch-religiösen Wurzeln dieser Prägungen? Gibt es Wertesysteme, die nachhaltigem Leben und Wirtschaften zuträglicher sind als das unsere? Und schließlich: Können wir solche Systeme nutzen, um dem Ziel der Nachhaltigkeit näher zu kommen?

Fragen wie diese sollen auf der Konferenz des Denkwerks Zukunft - Stiftung kulturelle Erneuerung "Warum wir nicht tun was wir für richtig halten – Über die Macht tradierten Denkens" am Sonntag, den 2. Oktober 2016 in Berlin diskutiert werden.

Mehr: http://www.denkwerkzukunft.de/index.php/aktivitaeten/index/4.%20Konferenz

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(5) Anne empfiehlt:

„Gebrochene Seele - Unica Zürn und die Männer, bei denen sie landete“

Eine Ausstellung in Berlin - Von Gisela Sonnenburg – bis 28. Mai, Di. bis Sa., 13–17 Uhr (Mi. bis 20 Uhr), Camaro Haus, Potsdamer Straße 98, Berlin, Eintritt frei

Rezension in: Junge Welt vom 02.05.2016

Sie starb durch einen Sprung aus dem Fenster, in Paris, am 19. Oktober 1970. Die Dichterin und Zeichnerin Unica Zürn, im Juli vor hundert Jahren in Berlin geboren, war eine gebrochene Seele. 1949 ließ sie ihr »erstes Leben« als brave Sekretärin, Ufa-Werbefachfrau und verheiratete Mutter zweier Kinder radikal hinter sich, um mit der Boheme eine Art Dauerschwof zu beginnen. Sie verfiel dem Charme des Malers und Tänzers Alexander Camaro, der ihr einen Farbkasten schenkte und sagte: Nun male mal! Volle Kraft voraus zeichnete sie vor allem sich selbst, aus dem Bauch heraus, ohne akademisch verbrämte oder abgesicherte Ästhetik. So entstand etwa »Die verzauberte Prinzessin« (Foto), in einer naiv-verrätselten Zeichensprache, die der Alptraumwelt des Surrealismus nahe kommt. Die Camaro-Stiftung in Berlin zeigt Werke der Zürn, zusammen mit Dokumenten und Arbeiten ihrer Lebensgefährten: »Unica Zürn – Camaro – Hans Bellmer in Berlin. Arbeiten der 40er bis 60er Jahr« heißt die Ausstellung.

Hübsch ist das Gesicht auf dem Bild. Auf ihr ausgeprägtes Profil und die schönen Augen, auch auf ihren fleischigen Mund war Unica Zürn stolz. Aber ihr femininer Körper ist verwandelt, aus Selbstironie oder Bitternis: in eine Eselin. Iah! »Die verzauberte Prinzessin« ist kulturgeschichtlich ohne Vorbild. Den männlichen Esel gibt es etwa in Shakespeares »Sommernachtstraum«. Dort wird ein Handwerker zum sexprotzenden Unpaarhufer. Um, nun ja, der Elfenkönigin Liebesdienste zu leisten. Von einem solchen Status war Unica Zürn weit entfernt. Die Männer, bei denen sie landete, förderten sie zwar. Das allerdings ließ deren Werke nur umso stärker glänzen.

So war es bei Camaro und bei seinem Nachfolger, dem arrivierten Hans Bellmer. Das war der mit den Puppen. Er zersägte, verdrehte und fesselte Schaufensterpuppen, die er dann effektvoll beleuchtete und fotografierte, als wolle er sich an Frauen rächen. In Unica Zürn verliebte er sich, weil sie mit ihrem introvertiert erscheinenden Gesicht aussah wie ein Püppchen.

Die Beziehung zwischen Bellmer und Zürn war theatralisch, exzessiv, destruktiv, grausam. Zürn wurde psychisch krank. Die Prinzessin fühlte sich entzaubert. Aufenthalte in Psychiatrien folgten. Ein halbes Jahr vor ihrem Suizid schrieb sie noch mal an Camaro. Sie glaubte sich von Bellmer verlassen, weil sie sich nicht mit ihm erschießen wolle. Wahrheit oder Wahn? Wir werden es nie erfahren.

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Ciao, Wolfgang Ratzel

20:28 15.05.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Wolfgang Ratzel

Aus einem drängenden Endbewusstsein entsteht der übermäßige Gedanke an einen anderen Anfang.
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