GEDANKEN ZUR WINTERSONNENWENDE 22.12.15, 5:48

WAS UNTERSCHEIDET EINE SONNWENDFEIER VOM WEIHNACHTSFEST?
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Was unterscheidet eine Sonnwendfeier vom Weihnachtsfest?

Gedanken zur Wintersonnenwende 22.12.2015, 5:48 Uhr

Von Wolfgang Ratzel


Wovon erzählt das lichterfüllte Weihnachtsfest?

Am 24. Dezember 2015 feiert der christliche Mensch aufs Neue die Geburt des Messias Jesus. Mit der Ankunft des menschgewordenen Gottes beginnt die Zeit des Endes eines langen Heilswegs, an dessen Anfang der Sündenfall des Menschen und seine Vertreibung aus dem Paradies stand.

Am Karfreitag stirbt Christus am Kreuz zur Erlösung unserer Sünden. Zu Ostern geschieht dessen Auferstehung von den Toten und damit der Sieg über den Tod. Der Mensch kann jubilieren: „Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel? Der Stachel des Todes aber ist die Sünde, die Kraft aber der Sünde ist das Gesetz. Gott aber sei Dank, der uns den Sieg gibt durch unsern Herrn Jesus Christus!“ (1.Korinther, 55-57)

An Himmelfahrt verlässt der Auferstandene die Erde, um am Ende der Tage wiederzukommen. An Pfingsten erscheint der nunmehr dreieinige Gott als Heiliger Geist, der während der Abwesenheit Christi die Gläubigen durch die Zeit des Endes begleitet, die nach einem extrem langwierigen, komplexen und gewaltsamen Endkampf mit der Niederlage der Armeen des Satans enden wird. Der Satan und seine Werkzeuge werden nunmehr deaktiviert und auf ewig im Feuer- und Schwefelsee gepeinigt werden. Dem Sieg folgt das „Jüngste Gericht“, das die Toten nach ihren Taten richten und die einen für alle Ewigkeit ins Paradies, die anderen für alle Ewigkeit in den besagten Feuersee befördern wird. Kurz: Am 24. 12. wird der Beginn des Endes der Heilsgeschichte gefeiert, die allen Menschen die Erlösung vom Bösen und allen Übeln, insbesondere dem Tod verheißt.

Die Christenmenschen sind dieser Heil(ung)sgeschichte grundsätzlich ausgeliefert. Sie haben sie zwar durch den Sündenfall verursacht, doch hinsichtlich der eigensten Erlösung können sie –je nach Konfession- viel, wenig oder im Extremfall, in der calvinistischen Auslegung, überhaupt nichts tun. Doch gilt zu aller Trost: Die Gott-gesteuerte Geschichte ereignet sich als Erlösungsgeschichte zum Heil der Menschheit. Alle Menschen haben eine Chance, auf ewig zur Fülle erlöst zu werden. In der Tat ein Grund, exzessiv zu feiern.

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Was geschieht, wenn sich am 22. Dezember 2015 um 05:48 Uhr MEZ/CET die Sonne wendet?

Die wissenschaftliche Definition lautet: „Die Sonnenwenden sind die Zeitpunkte, in denen die scheinbare geozentrische ekliptikale Länge der Sonne 90° oder 270° beträgt. […]

Eine einfache planetengeometrische Definition der Sonnenwende lautet: Der Winkel Sonnenmittelpunkt-Erdmittelpunkt-Erdpol ist extrem. Zwei Fälle: Extremwinkel minimal -> Sommersonnenwende; Extremwinkel maximal -> Wintersonnenwende; die beiden Erdhemisphären haben also beide Fälle gleichzeitig, im Wechsel. […]

Die Definition ist also unabhängig vom Standort eines realen Beobachters; die Sonnenwenden treten daher weltweit zum selben Zeitpunkt ein.“ (Wikipedia)

Der Mensch ist somit dem Ereignis der Sonnenwenden ausgesetzt. Er kann sie nicht beeinflussen. Der Mensch vermag zwar durch hemmungslosen CO2-Ausstoß, exzessiven Ressourcenverbrauch, Terror und Atomkrieg seine und die Lebensgrundlagen unzähliger Lebewesen –Pflanzen und Tiere– zerstören. Das kann er tun, und er tut es jeden Tag.

Er kann aber niemals und unter keinen Umständen die Verteilung von Licht und Dunkelheit und deren Wirkungen steuern. In den Sonnenwenden zeigt sich die Beschränktheit des Menschen, seine Begrenztheit und seine ungeheure Kleinheit und Abhängigkeit von einem großen Ganzen. Im Angesicht der Sonnenwende wird die Lächerlichkeit seines Anspruchs erkennbar, Subjekt, d.h. Grund und Maß von Allem zu sein. Im Ereignis der Sonnenwende kann der Mensch –so er hinhört- der Unverfügbarkeit der Großen Ordnung des Seins gewahr werden.

Was ist das Besondere der Sonnenwenden?

Das unvergleichbar Besondere ist die Zwecklosigkeit der Ereignisse. Die Große Ordnung des Seins, die sich in den Sonnenwenden zeigt, verfolgt keinen Heilsplan:

- Sie verspricht keine Erlösung von allen Übeln.

- Sie lässt nicht auf ein Gericht hoffen, das den Menschen zum ewigen Leben in einer Fülle von Allem verurteilt.

- Sie eifert nicht, sie prahlt nicht, sie lässt sich nicht zum Zorn reizen.

- Sie rechnet weder das Gute noch das Böse an.

- Sie freut sich weder am Unrecht noch am Recht noch an der Wahrheit.

- Sie waltet geschäftslos und unaneigenbar.

- Sie trägt alles, weil sie es trägt.

- Ihre Sonnenwenden ereignen sich, weil sie sich ereignen.

- Dem Menschen steht es straflos frei, sie zu vergessen oder nicht.

Die Erhabenheit der Großen Ordnung des Seins, die sich in den Sonnenwenden absichtslos zeigt, gründet in ihrer vollkommenen Unverfügbarkeit für den Menschen.

Ihre Erhabenheit kann aber nur die Menschen durchströmen, die sich ihr öffnen.

Die Große Ordnung des Seins braucht nicht den Menschen. Und dennoch ist der Mensch Ergebnis ihres Wirkens – ein mutationsgestützes Ergebnis unter Abermillionen und Abermilliarden mutationsgestützter Ergebnissen. Zwar braucht ihr Walten den Menschen nicht, doch eksistiert er -eingeschlossen in die Große Einheit des Seins- mit allem, was sie hervorgebracht hat und hervorbringen wird. Ist das nicht Trost genug?

Giorgio Agamben überliefert ein Beispiel, wie Menschen, es waren Mönche ab dem 7./8. Jahrhundert n.u.Z., ihre irdische Kloster-Ordnung an dieser Ordnung des Seins, die sie als göttliche Ordnung verstanden, ausrichteten: „Das Bestreben, das [klösterliche] Leben nach Stunden einzuteilen und die mönchische Existenz als ein horologium vitae [= Pendeluhr des Lebens] einzurichten, erstaunt umso mehr, als nicht nur die damals vorhandenen Zeitmesser höchst primitiv waren, sondern auch die Stundeneinteilung selbst variierte. Der Tag und die Nacht wurden in zwölf Abschnitte (horae) unterteilt, von Sonnenuntergang bis zum Sonnenaufgang. Doch anders als heute hatte eine Stunde nicht sechzig Minuten. Abgesehen von den Tagundnachtgleichen schwankte ihre Dauer der Jahreszeit entsprechend: Im Sommer waren die Tagesstunden länger (zur Sommersonnenwende erreichten sie 80 Minuten), im Winter entsprechend kürzer. Folglich war der Bet- und Arbeitstag im Sommer doppelt so lang wie im Winter […].“ (In: Giorgio Agamben: Höchste Armut. Ordensregeln und Lebensform, S. 36f.)

Das heutige Ereignis der Wintersonnenwende kann Anlass sein, eine moderne, jetztzeitige Politik- und LebensForm zu erdenken und zu leben, die trotz unserer beschränkten Erfahrung der Ordnung des Seins nahe kommt. Die Ordnung des Menschlichen muss sich am menschlich-begrenzten aber dennoch möglichen Ein-Blick in jene Ordnung auf- und ausrichten. Um mehr und um weniger geht es nicht.

Ciao, Wolfgang Ratzel

05:46 22.12.2015
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Geschrieben von

Wolfgang Ratzel

Aus einem drängenden Endbewusstsein entsteht der übermäßige Gedanke an einen anderen Anfang.
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