Giorgio Agamben: EUROPA MUSS KOLLABIEREN

Diskussion - Wir stellen Agambens "Kommende Politik des Ausstiegs" vor und diskutieren das Interview mit Giorgio Agamben in DIE ZEIT Nr. 35 vom 27.08.2015 - kann angefordert werden.
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Berlin, Montag, den 2. November 2015

(1) Wir stellen vor und diskutieren in der Reihe „Anderer Anfang/BuenVivir“:

Das ZEIT-Interview mit dem italienischen Philosophen Giorgio Agamben: „Europa muss kollabieren“

Ein Austausch über den Ausnahmezustand des Kontinents und die Frage, was wir tun müssen, um nicht mit ihm unterzugehen.

Donnerstag, 5. November 2015 von 18:30 - 20:30 Uhr im Seminargebäude der Humboldt-Uni, Invalidenstraße 110, Raum 293 (ehrenamtlich, frei und offen für alle - beim Tram+U6-Bf Naturkundemuseum)

Und so beginnt die gewöhnungsbedürftige Argumentation von Giorgio Agamben,....

Giorgio Agamben: Ein Europa, wie ich es mir wünsche , kann es erst geben, wenn das real existierende "Europa" kollabiert ist. Deshalb könnte Griechenland – auch wenn es von seinen politischen Führern bitter enttäuscht worden ist – eine ganz entscheidende Rolle spielen. Sie haben von Spaltung gesprochen: Doch würde Griechenland die Europäische Union tatsächlich verlassen, wäre das wahre Europa in Athen, nicht in Brüssel, wo – was die Mehrheit der Europäer nicht zu wissen scheint – jede Entscheidung von Kommissionen getroffen wird, die zur Hälfte aus Vertretern der Großindustrie des betreffenden Wirtschaftszweigs bestehen. Zunächst gilt es, der Lüge entgegenzutreten, dieser Vertrag zwischen Staaten, den man als Verfassung ausgibt, sei das einzig denkbare Europa, diese ideen- und zukunftslose institutionalisierte Lobby, die sich der düstersten aller Religionen, der Religion des Geldes, blind verschrieben hat, sei die rechtmäßige Erbin des europäischen Geistes.“

Agamben skizziert Grundzüge einer “kommenden Politik“, die sich vom Modell der Revolution und des Kampfes verabschiedet und sich stattdessen auf ein „Modell des Auswegs“, des Rückzugs, des Entkommens gründet.

Agamben geht es um einen Ausstieg „aus der Gesellschaft […], um eine radikal andere Lebensgemeinschaft oder, was meiner Meinung nach dasselbe ist, eine radikal andere Politik zu begründen.“

Aber wohin aussteigen? – wie eine kommende, radikal andere Politik begründen? Agamben versucht im Interview eine Antwort, die wir diskutieren werden.

Zwecks eigener Vorbereitung kann das Interview DIE ZEIT Nr. 35 vom 27.08.2015 als PDF-Datei angefordert werden bei: autonomes.seminar@t-online.de

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(2) Leider muss wegen Kirstens Erkrankung das "Osteopathische Yoga" am Donnerstag, 5.11.2015, ausfallen!

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(3) Rückschau auf Helmut Becks Gesprächsvortrag: „Göttlichkeit ohne Gott - Eine neurobiologische Deutung des Phänomens „Religion“.

Im Rund des Raums 293 hörten und diskutierten 19 Interessierte. Zwei hatten sich entschuldigt. In der „Blauen Spendendose“ kuschelten sich 9,35 Euro.

Die neurobiologische und neurophilosophische Deutung von Religion und Gott wird unsere weitere Religionsdebatte begleiten. Die begonnene Diskussion wird dokumentiert und zu gegebener Zeit versandt werden.

Helmuts Vortrag kann nach wie vor angefordert werden.

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(4) Vorschau:

Die Reihe „Nachdenken über Religion und Gott wird am Do, 12.11.2015, fortgesetzt mit dem Vortrag: „Theodor Adorno: Vernunft und Offenbarung. Meditationen über 200 Jahre Religionskritik“ –

Der Bezugstext von Adorno kann zwecks einer Vorbereitung angefordert werden.

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(5) Kleiner Nachschlag zum Thema „Freiheit und Neurotechnologie“: Widerstand ist zwecklos

Anna Maria Kellner, Referentin für Außen- und Sicherheitspolitik der Friedrich-Ebert-Stiftung, schreibt im IPG-Journal über jüngste Forschungsergebnisse der Neurotechnologie und deren Nutzbarmachung durch das Militär. "Das wirklich Neue und Beunruhigende an der Neurotechnologie ist hingegen die Möglichkeit zur vollständigen und unmittelbaren Kontrolle des Menschen. Gelingt es eines Tages, menschliche Gehirne gezielt und ohne Zuhilfenahme von implantierten Elektroden oder Verkabelung zu manipulieren, wäre die menschliche Entscheidungsautonomie, die einen freien Willen voraussetzt, nicht mehr gegeben. Der Manipulierte ließe sich bedienen wie eine Maschine. Mehr noch: Er könnte dazu gebracht werden, sein ferngesteuertes Handeln für das Ergebnis seines vermeintlich eigenen freien Willens zu halten. Ohne eine Chance auf Gegenwehr, auf Bewahrung des eigenen Ichs: Seine Persönlichkeit, seine Identität, sein Menschsein wäre im Grunde ausgelöscht. (...)

Die U.S. Air Force untersucht zurzeit, wie die Gehirne von Soldaten mittels niedrig dosierter Elektrizität so stimuliert werden können, dass größere und längere Aufmerksamkeitsspannen erreicht werden. Anders als beim Einsatz von Psychopharmaka in Kampfeinsätzen wäre mit dieser Technologie ein gezieltes, jederzeit umkehrbares und vermeintlich nebenwirkungsarmes Aufputschen der Soldaten möglich. Abbau von Angst, Hemmungen, moralischem Empfinden, Empathie, die Freisetzung ungezügelter Aggression oder auch das gezielte 'Einschläfern' eines Kämpfers oder gar ganzer Kampfverbände, ist das Programm der Air Force erfolgreich, lässt sich die Liste potentieller Anwendungsgebiete leicht fortschreiben." (ipg-journal vom 26.10.2015)

Mehr unter: http://www.ipg-journal.de/rubriken/aussen-und-sicherheitspolitik/artikel/widerstand-ist-zwecklos-1122/

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Ciao, Wolfgang Ratzel

21:06 02.11.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Wolfgang Ratzel

Aus einem drängenden Endbewusstsein entsteht der übermäßige Gedanke an einen anderen Anfang.
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