Ist das, was kommt, noch eine Gesellschaft?

Einladung zum Vortrag Autonomes Seminar und Universitätsausdehnungsbewegung
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Autonomes Seminar an der Humboldt-Universität zu Berlin – seit 1998

eMail: autonomes.seminar@t-online.de - Berlin-Pankow, den 23. Oktober 2012

Vorbemerkung zur Reihe: „Die kommende Gesellschaft“

Jan meint, mensch könne nicht mehr unreflektiert von einer kommenden „Gesellschaft“ reden; der Begriff der Gesellschaft müsse vielmehr hinterfragt werden. Taugt er noch dazu, das, was kommt, zu beschreiben? - oder kann dieser Begriff nur noch ironisch gebraucht werden, weil er tot und plattgewalzt sei?

Ein Hinweis sei die Tatsache der fortdauernden extremen Jugendarbeitslosigkeit:

In Griechenland stehen inzwischen 54 % der Jugendlichen erwerbslos da; in Spanien über 50%, in Portugal 35%, Litauen 35%, Slowakei 33%, Irland 32%, Italien 31%, Frankreich 25%, Schweden 23%, Großbritannien 22%, Finnland 20%, Estland 25% uswusf. – allein Deutschland, Österreich und die Niederlande bleiben unter einer Jugendarbeitslosigkeit von 10%. Und dazu kommen die Precaristi, die prekär-arbeitenden Jugendlichen.

Und das trotz niedriger Geburtenrate und dem geringsten Jugendanteil an der Gesamtbevölkerung aller Zeiten.

Kein Youth Bulge taugt zur Erklärung: Die Wenigen sind schon zuviel!! Wir brauchen euch nicht, sagt die „Gesellschaft“ zu ihren eigenen Jugendlichen.

Können diese Jugendlichen aus der eigensten Erfahrung ihrer Überflüssigkeit überhaupt noch glauben, in einer Gesellschaft zu leben?

Dieser Einwand ist grund-stürzend! Wenn es keine kommende Gesellschaft mehr geben kann (weil dieser Rahmen des Zusammenlebens und –wirtschaften zusammen mit dem Begriff von Nation und Volk untergeht) – was kommt dann danach??? Für welches Allgemeine soll mensch sich dann noch leben?

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Die Debatte sei hiermit eröffnet und ereignet sich bereits im nächsten Vortrag mit dem Obertitel:

„Freie Volksbildung und kommende Gesellschaft" - Thema: „Autonomes Seminar und Universitätsausdehnungsbewegung. Über den Ursprung der Freien Volksbildung“

Erläuterung: Der Vortrag zeigt eine Bildungstradition, die sich im 19. Jh. parallel und untergründig neben und unterhalb der staatlich-normierten Schulbildung etablierte. „Frei“ meint frei von religiöser, weltanschaulich-parteilicher und staatlicher Bevormundung und Kontrolle. „Frei“ heisst aber auch Volksbildung frei von Fremdbestimmung. Ihr Sitz im Leben wurde die Volkshochschule.

Diese Volksbildung sah den Einzelnen, um dessen Entfaltung es ging, immer bezogen auf den Horizont einer Gesellschaft, die es zu „verbessern“ oder zu überwinden galt. Das Individuelle stand somit in Beziehung zu einem überindividuellen Ganzen, das schon im Rahmen des Seminars oder der Volkshochschule vorweggenommen werden sollte.

Der Vortrag zeigt Aufstieg und Fall dieser Tradition und regt deren zeitgemäße Erneuerung an – gerade auch, weil in Zeiten permanenter Systemkrise nur Freie Bildungseinrichtungen jene Denk- und Handlungsorientierungen bieten können, die bei staatlichen, weltanschaulich- oder religiös gebundenen Einrichtungen unter den Tisch fallen, behindert oder zensiert werden.

Darüber hinaus könnten Institutionen der Freien Volksbildung auch Berufsperspektiven für FreiberuflerInnen aus allen Berufsfeldern bieten. Mensch wäre weniger gezwungen, seine Kreativität und Arbeitskraft an konforme oder profitorientierte ArbeitgeberInnen zu verkaufen.

Termin: Do, 25. Oktober, 18:00 c.t. bis 20:00 Uhr

Ort: Seminargebäude der Humboldt-Universität in der Invalidenstrasse 110, 10115 Berlin (beim U6-Bf Naturkundemuseum) - Raum 293

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Rückblick auf unser Auftakttreffen vom Do, 18.10.2012

Am 18. Oktober 2012 versammelten sich 15 TeilnehmerInnen zum Beginn der Heidegger/Nietzsche/Zen-Lektüre über „Die Frage nach dem Nichts“. Vier Mitlesende hatten sich entschuldigt.

Am Anfang steht die Lektüre von Hoseki Shinichi Hisamatsu: „Die Fülle des Nichts – Vom Wesen des Zen“

In der Spendendose lagen 7,50 Euro - Die Ausgaben für Kopien und Plakätlein betrugen 10,51 Euro

Es liegt ein vierseitiger inhaltlicher Rückblick vor. Bei Bedarf bitte anfordern.

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Vorankündigung: Das zweite Lektüre-Treffen am Do, den 1.11.2012, 18:00 c.t. (Ort wie oben) widmen wir der Dankrede von Liao Yiwu, die er anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels am 15.10.2012 in der Paulskirche gehalten hat: „Dieses Imperium muss verschwinden“

Begründung: Liao Yiwu bezieht sich in seiner Kritik der diktatorischen Großreiche, insbesondere des jetztzeitigen, auf Laozi, Konfuzius u.a.; Laozi und der Daoismus wiederum ist ein Entstehungsgrund des Zen-Buddhismus.

Wer sich vorbereiten mag, lese:

- Liao Yiwu: „Dieses Imperium muss verschwinden.“ In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.10.2012, Nr. 240, S. 8 (Text kann von TeilnehmerInnen des Lektürekurses angefordert werden)

- Liao Yiwu: „Die Welt ist ein schmaler Steg. Der Schriftsteller Liao Yiwu über sein Leben als Dissident und Obdachloser in China“ – In: Der Spiegel Nr. 42 vom 8.10.2012 (Der Text kann von TeilnehmerInnen des Lektürekurses angefordert werden)

- Benedikt Voigt, Martin Winter: Interview mit dem chinesischen Poeten Bei Ling: „Schriftsteller in Chian: „Die meisten machen eifrig mit“ – In: Der Tagesspiegel vom 18.10.2012.

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- Oliver empfiehlt:

Strompreis-EEG-Umlage 2013 - warum steigt der Strompreis?

http://www.youtube.com/watch?v=dgtJg0GBCjU

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Zukunft Planzen

Ein Sechstel der Weltbevölkerung leidet gegenwärtig Hunger. Aber das ist kein unabwendbares Schicksal. Anhand von Beispielen aus Mexiko, Japan, Malawi, Kenia, Senegal, den USA und mehreren europäischen Ländern veranschaulicht Filmemacherin Marie-Monique Robin, dass radikales Umdenken gefordert ist und dass die Lebensmittelkette anders verwaltet und organisiert werden muss - und kann, um dem Hunger in der Welt Abhilfe zu schaffen.

Mittlerweile beweisen weltweit aktive Initiativen, dass ökologische Landwirtschaft, die umweltgerecht und ressourcenschonend verfährt, nicht nur möglich, sondern auch ertragreicher ist als die industrielle Produktion von Nahrungsmitteln. Voraussetzung dafür ist allerdings auch, dass den Bauern - und nicht nur den Großproduzenten unter ihnen - wieder eine Schlüsselrolle in der für die Zukunft der Menschheit unabdingbaren Entwicklung zugebilligt wird.

ARTE - Ausstrahlungstermin: Dienstag, 30. Oktober 2012, 10:35 Uhr undDonnerstag, 8. November 2012, 14:10 Uhr

http://videos.arte.tv/de/videos/die-zukunft-pflanzen--6985970.html

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- Bertram empfiehlt:

Prof. Dr. Byung Chul Han: Der Andere, Vorlesung - Montag 16-18 Uhr c.t., wöchentlich ab 22.10.2012, Hardenbergstr. 33, Raum 110

Globalisierung, digitale Vernetzung oder Neoliberalismus verändern radikal unser Verhältnis zum Anderen oder zum Fremden. Die Vorlesung spürt diesem Wandel aus philosophischer, kulturwissenschaftlicher, medien- und kommunikationstheoretischer Perspektive nach.

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- Jochen empfiehlt:

Dieter Braeg [Hg.]: "WILDER STREIK - DAS IST REVOLUTION" - Der Streik der Arbeiterinnen von Pierburg in Neuss 1973

1973 haben in der damaligen Bundesrepublik fast 300 000 Arbeiterinnen und Arbeiter gestreikt. Ganz ohne Urabstimmung, meist gegen den Willen der Gewerkschaftsführungen. Es gab dabei schmerzliche Niederlagen, wie den Streik bei Ford in Köln. Doch es gab auch ganz ungewöhnliche Erfolge. Dieses Buch erzählt die Geschichte eines Arbeitskampfes, der zu einem solchen Erfolg geführt hat. Es geht um den Streik bei Pierburg in Neuss. Es war der erste Frauenstreik. In ihm standen sich migrantische Arbeiterinnen und deutsche Facharbeiter nicht getrennt gegenüber, sondern handelten gemeinsam. Die Forderungen der Frauen wurden voll durchgesetzt und auch ein Rachefeldzug des Unternehmers vor Gericht scheiterte. Das Buch umfasst Dokumente der damaligen Zeit, die das verständlich machen. Sie zeigen u.a., wie es gelang, sich Rechte zu nehmen, die man eigentlich nicht hat, ohne danach durch die Walze der Repression platt gemacht zu werden. Zudem ist dem Buch eine außergewöhnliche Film-DVD beigelegt, die den damaligen Akteurinnen und Akteuren ein Gesicht gibt und ganz nebenbei den postfaschistischen Geist der Nachkriegsbundesrepublik dokumentiert.

Dieter Braeg: „Es wird Zeit, die Geschichte der Arbeiterbewegung nach 1945 neu zu schreiben. Dieses Buch ist ein kleiner Beitrag, denn es gab und gibt sie – die andere deutsche Arbeiterinnen- und Arbeiterbewegung“.

Buchpreis: € 13,50 + € 1,35 € Porto und Verpackung = € 14,85 * ISBN 978-3-00-039904-6

Mehr Infos unter: http://www.diebuchmacherei.de/verlagstitel/kaempfe/bisher_erschienen.htm

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ciao, Wolfgang Ratzel - Kontakt: wolfgang.ratzel@t-online.de

20:47 24.10.2012
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Wolfgang Ratzel

Aus einem drängenden Endbewusstsein entsteht der übermäßige Gedanke an einen anderen Anfang.
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