Über Foucaults "Anti-Humanismus"

und Einladung zum Vortrag „Menschenrechte und Immigration - Warum sterben Flüchtlinge in einer Welt, in der die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ gilt?
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Autonomes Seminar an der Humboldt-Universität zu Berlin – seit 1998

Kontakt: autonomes.seminar@t-online.de - offen, ehrenamtlich und (entgelt-)frei für alle

Website: http://autonomes-seminar-humboldt.webs.com/

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Berlin, den 24. Juni 2015

Liebe Lesende und Interessierte,

(1) Einladung zum Gesprächsvortrag von Wolfgang Ratzel in der Reihe „Anderer Anfang – Buen Vivir“

Thema: „Menschenrechte und Immigration - Warum sterben Flüchtlinge in einer Welt, in der die „Allgemeine Erklärung der Menschenrechte“ gilt?

Textgrundlage: Giorgio Agamben: „Jenseits der Menschenrechte. Einschluss und Ausschluss im Nationalstaat“ - Bitte anfordern.

Donnerstag, 25. Juni 2015 von 18:30-20:30 Uhr

Seminargebäude der Humboldt-Uni, Invalidenstraße 110, Raum 293

ehrenamtlich, (entgelt-)frei und offen für alle - beim U6-Bf Naturkundemuseum

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(2) Ergänzendes zur Welsch-Lektüre:

Auf der Website der AfD (!) fand ich folgenden Beitrag, der sich mit Foucaults sog „Anti-Humanismus“ auseinandersetzt. Nachfolgend nur die Zusammenfassung von Foucaults Denkweise, die Alexander Uhlig dann anschließend vermittels des herkömmlichen Begriffs von Humanismus kritisiert, wobei er sich hauptsächlich auf Kant und Fromm beruft. Interessant dabei ist, dass eine solche Auseinandersetzung auf der AfD-Website geführt wird.

Wer die AutS-Dateien abonniert hat, bekommt den kompletten Beitrag automatisch zugesandt. Ansonsten bitte anfordern.

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Vorschläge zur weiteren AutS-Lektüre:

- Unter dem heilsamen Eindruck der Welsch-Lektüre habe ich Lust dazu bekommen, mich erneut mit Foucaults „Ordnung der Dinge“ zu befassen. Ich hatte vor über 30 Jahren ein Zehntel des Buches gelesen, dann aber infolge Überforderung aufgegeben.

- Jan hatte letzthin den Vorschlag gemacht, sich mit dem französischen Philosophen Maurice Merleau-Ponty (1906-1961) zu befassen, der von Wolfgang Welsch lobend erwähnt wird. Hier zwei Sätze, die z.B. mich selbstredend anspringen:

„Der Mensch steht der Welt nicht gegenüber, sondern ist Teil des Lebens, in dem die Strukturen, der Sinn, das Sichtbarwerden aller Dinge gründen.“ (Das Sichtbare und das Unsichtbare)

„…die gesehene Welt ist nicht 'in' meinem Leib, und mein Leib ist letztlich nicht 'in' der sichtbaren Welt: als Fleisch, das es mit einem Fleisch zu tun hat, umgibt ihn weder die Welt, noch ist sie von ihm umgeben. [...] Es gibt ein wechselseitiges Eingelassensein und Verflochtensein des einen ins andere.“ (Merleau-Ponty Das Sichtbare und das Unsichtbare, 1964, S. 182) Quelle: Wikipedia

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Jetzt aber zurück zu Michel Foucault:

Mit Humanismus gegen postmodernen Anti-Humanismus - von: Dr. Alexander Ulfig – 21. Juni 2015

http://www.freiewelt.net/mit-humanismus-gegen-postmodernen-anti-humanismus-10061982/

Postmoderne Denker wie Michel Foucault, Jacques Lacan oder Jacques Derrida werden als Anti-Humanisten bezeichnet.(1) Michel Foucault, der prominenteste Denker der Postmoderne, lehnt den Humanismus sogar ausdrücklich ab.

Doch was versteht Foucault unter „Humanismus“? Aus welchen Gründen lehnt er ihn ab? Warum wendet er sich gegen die Hervorhebung der besonderen Rolle des Menschen? Und was kann man seinem Anti-Humanismus entgegensetzen?

In einem „Gespräch mit Madeleine Chapsal“ betont Foucault:

„Die größte Last, die wir aus dem 19. Jahrhundert geerbt haben – und von der wir uns unbedingt befreien sollten -, ist der Humanismus …“ (2)

In seinem Buch „Die Ordnung der Dinge“ schreibt er genauer, was er unter „Humanismus“ versteht:

„Allen, die noch vom Menschen, von seiner Herrschaft oder von seiner Befreiung sprechen wollen, alljenen, die noch fragen nach dem Menschen in seiner Essenz, jenen, die von ihm ausgehen wollen, um zur Wahrheit zu gelangen, jenen umgekehrt, die alle Erkenntnis auf die Wahrheiten des Menschen selbst zurückführen … all diesen Formen linker und linkischer Reflexion kann man nur ein philosophisches Lachen entgegensetzen – das heißt: ein zum Teil schweigendes Lachen.“(3)

Nach Foucault zeichnet sich der Humanismus dadurch aus, dass es ein Wesen des Menschen gibt, dass der Mensch das Fundament der Erkenntnis und dass er Zweck und Ziel der gesellschaftlich-politischen Praxis und der Geschichte ist. Die Emanzipation des Menschen, d.h. seine Befreiung von allen ihn behindernden Faktoren, wird von Foucault als Mythos abgelehnt.

Foucault lehnt sich in der Bestimmung und der Ablehnung des Humanismus an die Philosophie Martin Heideggers an. Für Heidegger ist Humanismus Metaphysik, weil er den Menschen als das höchste Wesen, den Ausgangspunkt der Erkenntnis und das Maß aller Dinge bestimmt.(4) Nach Heidegger ist der Mensch nicht „der Herr des Seienden“, „der Beherrscher und Besitzer der Natur“, vielmehr ist er in einen größeren, übergreifenden Weltzusammenhang, in ein „Seinsgeschehen“ eingebunden. Wichtige Erkenntnisse werden dem Menschen „von Außen“ zugesprochen. Anders formuliert: Der Mensch ist nur ein Medium, in dem ein größerer bzw. tieferer Zusammenhang (der „Sinn von Sein“) zum Ausdruck kommt.

Foucault spricht weder vom „Sinn von Sein“ noch von einem übergreifenden „Seinsgeschehen“, sondern von „Struktur“ und vom „System“:

„Man entdeckt, dass die Möglichkeit des Menschen letztlich auf einer Menge von Strukturen beruht, die er zwar denken und beschreiben kann, deren Subjekt oder souveränes Bewusstsein er jedoch nicht ist… Darum ist die zweideutige Stellung des Menschen als Subjekt und Objekt meines Erachtens heute keine fruchtbare Hypothese, kein Gegenstand fruchtbarer Forschung mehr.“(5)

An einer anderen Stelle heißt es:

„Fragen nach dem Verhältnis des Menschen zur Welt, das Problem der Realität, das Problem des künstlerischen Schaffens, des Glücks und all die Obsessionen, die es gar nicht verdienen, als theoretische Probleme behandelt zu werden … Unser System befasst sich damit überhaupt nicht.“(6)

Ähnlich wie Heidegger möchte sich Foucault vom erkennenden Subjekt, vom „Ich“ verabschieden und das „es gibt“ entdecken. Er will „an die Stelle Gottes“ nicht den Menschen, sondern ein „anonymes Denken“, ein Wissen ohne Subjekt setzen.

Kennzeichnend für Foucaults Denken ist nicht nur die Ablehnung eines theoretischen, eines erkennenden Subjekts, sondern auch die Ablehnung eines Subjekts, das praktische, z.B. moralische, Ansprüche stellt:

„Ich glaube, man kann das Optimum des sozialen Funktionierens definieren, indem man es erreicht, und zwar dank eines bestimmten Verhältnisses zwischen Bevölkerungswachstum, Konsum, individueller Freiheit und Vergnügungsmöglichkeiten für jedermann, ohne sich dabei jemals auf die Idee des Menschen zu stützen.“(7)

Und weiter heißt es:

„Aber letztlich ist es nicht die Aufgabe der Philosophie, das menschliche Dasein zu erleichtern und dem Menschen so etwas wie Glück zu versprechen.“(8)

Foucault möchte Strukturen aufzeigen, die dem Menschen nicht bewusst sind, die ihn aberbeherrschen. Der Mensch wird durch gesellschaftliche und psychische Faktoren determiniert; er ist nicht sein eigener Herr, womit Foucault Freiheit und Autonomie des Menschen negiert:

„Der Mensch hat die Geschichte seines Wissens nicht bewusst geschaffen, vielmehr gehorcht die Geschichte des Wissens und der Humanwissenschaften gewissen Determinanten, die sich unserer Verfügungsgewalt entziehen. Und in diesem Sinne verfügt der Mensch über gar nichts mehr: weder über seine Sprache noch über sein Bewusstsein und nicht einmal über sein Wissen.“(9) […]

Quellen

(1) Luc Ferry/Alain Renaut, Antihumanistisches Denken. Gegen die französischen Meisterphilosophen, München 1987.

(2) Michel Foucault, Schriften in vier Bänden, Band I 1954-1969, FfM 2001, S. 667.

(3) Michel Foucault, Die Ordnung der Dinge. Eine Archäologie der Humanwissenschaften, Frankfurt am Main 1971, S. 412.

(4) Martin Heidegger, Platons Lehre von der Wahrheit. Mit einem Brief über den „Humanismus“, Bern 1947.

(5) Michel Foucault, op. cit. 2001, S. 779.

(6) Ebd., S. 667/668.

(7) Ebd., S. 790.

(8) Ebd., S. 701.

(9) Ebd., S. 841.

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Und noch ein Beitrag zum Eingespanntsein des Menschen in die evolutionären Prozesse des Lebens als Ganzes:

Daniel Lieberman: Unser Körper: Geschichte, Gegenwart, Zukunft – 23.4.2015 – 560 Seiten, 24,99 Euro – S. Fischer-Verlag

Abstract: Wir leben in einer widersprüchlichen Zeit: Einerseits sind wir so gesund und wohlgenährt wie nie zuvor, andererseits leiden wir unter einer Flut von vermeidbaren chronischen Erkrankungen wie Diabetes, Herzerkrankungen, Rückenleiden und vielen mehr. Der Schlüssel zu einer besseren und vor allem gesünderen Zukunft liegt, so der führende Evolutionsbiologe und Harvard-Professor Daniel E. Lieberman, in der Vergangenheit. In diesem einzigartigen Buch stellt er erstmals dar, wie unsere Geschichte und unsere Lebensbedingungen unseren Körper geprägt haben und bis heute bestimmen. Lieberman zeigt unterhaltsam und konkret, wie wir aus der Vergangenheit lernen, um unser zukünftiges Befinden beeinflussen zu können. Denn die Evolution geht weiter…

Dazu: „Besser leben als Steinzeitmensch“ - Kann angehört werden unter Fundstelle:

http://www.deutschlandradiokultur.de/buchkritik.949.de.html

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(3) Schwarze Hefte –Die dritte Runde beginnt! Endlich! SeinsdenkerXinnen aller Länder vereinigt euch!

Mit Heidegger gegen Heidegger - Von MICHAEL HESSE – In: Frankfurter Rundschau vom 24. Juni 2015

In einem scharfen Angriff auf den Herausgeber der „Schwarzen Hefte“, Peter Trawny, geht es erneut an die Substanz. Und offenbar um den Versuch, Heideggers Antisemitismus herunterzuspielen.

Er war der Privatassistent von Martin Heidegger – nun greift er den Herausgeber der „Schwarzen Hefte“ an. Friedrich-Wilhelm von Herrmann ist nicht nur ein anerkannter Fachmann auf den philosophischen Feldern der Hermeneutik und Phänomenologie. Der emeritierte Professor betreut zudem die nachgelassene Gesamtausgabe Heideggers im Verlag Vittorio Klostermann.

http://www.fr-online.de/literatur/heidegger--schwarze-hefte--mit-heidegger-gegen-heidegger,1472266,31028904.html

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Silvio Vietta: »Etwas rast um den Erdball...« - Martin Heidegger: Ambivalente Existenz und Globalisierungskritik

Wilhelm Fink Verlag; Auflage: 1. Aufl. 2015 (18. Februar 2015) - EUR 24.90

Die jüngst publizierten Schwarzen Hefte Heideggers und auch der Neufund des Heftes von 1945/46 machen deutlich: Heidegger entwickelt hier eine Theorie der Globalisierung. Diese führt er nicht auf eine jüdische Weltverschwörung zurück da wäre nur eine »Machenschaft« auf eine andere reduziert , sondern auf die abendländische Kulturgeschichte selbst. Insbesondere der neuzeitliche Siegeszug des »rechnenden Denkens« habe eine Geschichte des Herrschaftsdenkens und des Expansionismus in Gang gesetzt. Darin sieht Heidegger ab Mitte der Dreißigerjahre das Dritte Reich wie auch den Bolschewismus und den Kolonialismus Englands und der USA involviert. Heidegger setzt dem entfesselten Herrschaftsdenken seiner »Vernutzung der Erde« und »Verrechnung der Welt« auch nach dem Zweiten Weltkrieg die Lehre vom »andren Anfang« der Geschichte entgegen: eine Kulturpraxis der Schonung und Nachhaltigkeit. Der Band enthält neun bislang unveröffentlichte Briefe Martin Heideggers.

Leseprobe: Inhaltsverzeichnis plus Vorwort (22 Seiten) – wird als PDF-Datei den Datei AbonnentXinnen zugesandt – ansonsten anfordern.

https://www.fink.de/uploads/tx_mbooks/9783770558230_leseprobe.pdf

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- Einladung zur Podiumsdiskussion in Frankfurt/M: Heidegger - Was nun?

http://www.klostermann.de/WebRoot/Store21/Shops/63574303/MediaGallery/Einladung-Diskussion_Heidegger-15-07-02.pdf

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- Meßkirch: Professoren diskutieren über Heidegger

Die Stadt Meßkirch lud ein zum Dialog über die „Schwarzen Hefte“ von M. Heidegger.

[…] Zaborowski forderte eine „Auseinandersetzung mit Augenmaß“ über die Stellen, die die Antisemitismus-Diskussion um den Meßkircher Ehrenbürger weltweit befeuert hatten. Wäre es nicht voreilig, die zusammengerechnet zweieinhalb Seiten als den Schlüssel in der Interpretation der Schwarzen Hefte und die Schwarzen Hefte wiederum als den Schlüssel für die Interpretation des Gesamtwerks Heideggers zu sehen, stellte Zaborowski die Frage in den Raum. Und: Sei die Veröffentlichung der Hefte von Heidegger ans Ende der Gesamtausgabe gelegt worden, um zu zeigen, dass hier der Kern seines Denkens liegt oder doch deshalb, um die Leser teilhaben zu lassen an seinen Denkwegen und um zu zeigen, wie er selbst in die Irre gegangen ist, fragte Zaborowski weiter. Die Hefte hätten experimentellen Charakter und seien nicht als „das letzte Wort“ gedacht. Zaborowski kündigte an, dass 2015 ein vierjähriges Forschungsprojekt an der Hochschule in Vallendar starten werde, um die Texte interpretatorisch aufzuarbeiten.

http://www.suedkurier.de/region/linzgau-zollern-alb/messkirch/Professoren-diskutieren-ueber-Heidegger;art372566,7947593

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Bella Ciao - Wolfgang Ratzel

18:14 24.06.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Wolfgang Ratzel

Aus einem drängenden Endbewusstsein entsteht der übermäßige Gedanke an einen anderen Anfang.
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