Wie die Weltwirtschaftskrise in die kleine Welt des Herrn W. einbricht

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Täglich überschwemmen uns Worte, Zahlen und Bilder, und die Botschaft ist immer die gleiche: Die Weltwirtschaftskrise ist da!- die Krise bedroht Dich und uns alle!
Weil wir das immer wieder hören und lesen -nicht zuletzt im FREITAG- glauben wir diese Botschaft. Aber woher wissen wir, ob die Botschaft stimmt? Vielleicht ist die Weltwirtschaftskrise ein riesiges vorgetäuschtes System von Bildern und Zeichen? ein gigantisches Baudrillardsches Sìmulacrum?

Um dies festzustellen, bitte ich Euch aufzuschreiben, wie und wo die Krise in Euer kleines Leben einbricht. Es geht um die Beschreibung von Phänomenen und darum, welche Freuden und Befürchtungen diese Phänomene bei Euch auslösen.
Dazu gehören Ereignisse aus Eurer Verwandtschaft und Bekanntschaft, aber nur, wenn ihr unmittelbar, aus erster Hand davon erfahrt. Keine Spekulationen und kein Wissen aus zweiter oder dritter Hand. Nur wirklich Faktisches.
Dazu gehört auch, wie das, was Euer Dasein strukturiert, weitergeht; wie also die Normalität Eures Alltags weitergeht.
Dazu zählen auch Veränderungen Eurer Umwelt, die ihr handgreiflich erfahrt und in denen ihr Krisenzeichen seht.

Ich fange einfach mal an: Mein Name ist Wolfgang Ratzel; ich werde unter dem Pseudonym "Herr W." den Blog moderieren. Herr W. schließt an die "Geschichten des Herrn W." an, die in alten FREITAGEN abgedruckt waren. Und jetzt geht‘s los:

FEBRUAR 2009: Die Krise tobt in der Welt der Bilder und Worte; täglich, stündlich, immer. Herr W. schaut und hört zu.

Do, 19.2.09: Im Briefkasten liegt ein Umschlag; er kommt vom JobCenter. Herr W. ängstet sich. Jeder Brief vom AMT zeigt ihm nämlich, dass er existenziell abhängig ist. Er weiß, dass er sterben wird, wenn ihn das AMT verlässt. Seine Angst ängstet sich vor Verelendung und vorzeitigem Tod. Im Brief steckt der Antrag auf Weiterbewilligung seines Arbeitslosengelds II - pünktlich wie nie zuvor: sechs Wochen vor Ablauf der Bewilligungsfrist. Das AMT hat ihn auch in der Krise nicht vergessen. Der Antrag ist Vorbote einer weiteren Lebensfrist. Auch heute geht die Krise an Herrn W.‘s Tür vorbei!
Fr. 20.2.09: Die GEZ schreibt. Sie fragt an, ob sie seine Rundfunkgebührenbefreiung weiterbewilligen soll. Alles bleibt, wie es immer schon war. Auch heute geht die Krise an Herrn W.‘s Tür vorbei!
Sa. 21.2.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
So, 22.2.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Mo, 23.2.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Di, 24.2.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Mi, 25.2.09: Die Preise für Milch, Butter, Milchprodukte fallen, ebenso wie das Preisniveau für Nahrungsmittel seit langem stagniert oder fällt. Sind das paradoxe Krisenfolgen? Auch heute geht die Krise an Herrn W.‘s Tür vorbei!
Do, 26.2.09. Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Fr. 27.2.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Sa, 8.2.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Summa: Herrn W.‘s Lebensumstände haben sich ein klein wenig verbessert. Die Krise ging an seiner Tür vorbei.

MÄRZ 2009: Immer noch tobt die Krise in der Welt der Bilder und Worte; täglich, stündlich, immer. Herr W. schaut und hört zu.
So, 1.3.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Mo, 2.3.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Di, 3.3.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Mi, 4.3.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Do, 5.3.09: Herr W. gibt seinen Antrag auf Arbeitslosengeld II ab. Der JobCenter-Ordnungsdienst begrüßt ihn am Eingang , freundlich wie immer. Die lange Schlange der Erwerbslosen vor dem allgemeinen Empfang fehlt; niemand steht auf dem Gang vor der Eingangszone R-Z. Auch heute geht die Krise an Herrn W.‘s Tür vorbei!
Fr, 6.3.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Sa, 7.3.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
So, 8.3.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Mo,9.3.09: Die Modernisierung seiner Wohnung beginnt; sie wird eine Woche dauern. Herr W. wärmte seinen Leib zwischen alten GAMAT-Einzelheizkörpern; jetzt bekommt er Fernwärmeheizungen. Die gesamte Elektrik wird überprüft. Auch heute geht die Krise an Herrn W.‘s Tür vorbei!
Di, 10.3.09: Das JobCenter Pankow bewilligt sein Arbeitslosengeld II in der Rekordzeit von 3 Arbeitstagen. Herr W. atmet entspannt durch: Seine Grundversorgung ist für sechs Monate in Geldform gesichert. Auch heute geht die Krise an Herrn W.‘s Tür vorbei!
Mi, 11.3.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Do, 12.3.09: Ein Heizungsbauer fragt, was Herr W. zur Krise meine. Er persönlich habe zwar noch nichts von der Krise bemerkt, habe aber Angst um sein erarbeitetes Geld. Ob eine Inflation käme? Herr W. sagt, er fürchte sich auch vor der Inflation. Aber die unfassbar hohe Staatsverschuldung liefe letztlich auf eine Währungsreform hinaus; so oder so – der Geldwert sei auf jeden Fall bedroht! Herr W. empfiehlt dem Heizungsbauer, er möge in Sachwerte fliehen; möglichst in Sachwerte, die er bewohnen und gartenbaulich nutzen kann. Auch heute geht die Krise an Herrn W.‘s Tür vorbei!
Fr, 13.3.09: Die Modernisierung ist abgeschlossen. Herrn W.‘s Wohnkomfort ist enorm gestiegen. Überall fühlt er gleichmäßige Wärme. Dazu spricht erstmals eine Gegensprechanlage, und ein Summer öffnet weit unten die Haustür. Seine Wohnungsbaugesellschaft legt die Modernisierungskosten fair um; sie bleiben im Rahmen der Ausführungsverordnung (AV) Wohnen des Landes Berlin: für 1 Person max. 378 Euro Warmmiete; das JobCenter wird also die Modernisierungskosten bezahlen. Herr W. ist glücklich. Auch heute geht die Krise an Herrn W.‘s Tür vorbei!
Sa, 14.3.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
So, 15.3.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Mo, 16.3.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Di, 17.3.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Mi, 18.3.09: Herrn W.‘s Programmbereichsleiterin sagt, dass sie seine Kursvorschläge für Volkshochschulkurse nicht bearbeiten kann. Das rotrot-regierte Land Berlin habe nämlich dem rotrot-regierten Bezirksamt Pankow eine Ausgabensperre auferlegt. Die Volkshochschule müsse jetzt jeden Bleistift vom Land Berlin genehmigen lassen. Herrn W.‘s Honorarquelle wankt. Hat das etwas mit der Krise zu tun? Eher nicht. Auch heute geht die Krise an Herrn W.‘s Tür vorbei!
Do, 19.3.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Fr, 20.3.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Sa, 21.3.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
So, 22.3.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Mo, 23.3.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Di, 24.3.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Mi, 25.3.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Do, 26.3.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Fr, 27.3.09: Herr W. gibt seine Zuverdienstabrechnung beim JobCenter ab. Sein monatlicher Brutto-Zuverdienst sank auf 113 Euro; sein monatlicher Gewinn brach auf 13,50 Euro ein. Ist die Krise schuld? Nein. Das liegt daran, dass sich niemand mehr politisch bilden mag; noch nicht einmal entgeltfrei. Herr W. geht ins Bürgeramt des Bezirks Pankow. Er wartet 2 Stunden; dann überreicht ihm die Kollegin seinen neuen Berlin-Pass, durchgestylt und mit biometrischem Passfoto. Nun kann Herr W. sechs Monate lang den öffentlichen Nahverkehr für 33.50 Euro /Monat nutzen. Und wenn er wollte, könnte er für 3,50 Euro ins Theater oder in die Oper gehen. Auch heute geht die Krise an Herrn W.‘s Tür vorbei!
Sa, 28.3.09: Herr W. geht zur Großdemonstration gegen die Krisenfolgen. Der Aufruf besagt, dass nicht die Armen sondern die Reichen die Krise bezahlen sollen. Die allermeisten der DemonstrantInnen haben vermutlich auch nicht die Krisenfolgen gespürt; sie demonstrieren sozusagen vorsorglich. Die RednerInnen und Plakate erwecken aber den Eindruck, dass alle Anwesenden schon krisengeschädigt sind. Das ärgert Herrn W., weil es unwahr ist. Auch heute geht die Krise an Herrn W.‘s Tür vorbei!
So, 29.3.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Mo, 30.3.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Di, 31.3.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Summa: Herrn W.‘s Lebensumstände haben sich enorm verbessert. Die Krise ging an seiner Tür vorbei.

April 2009: Immer noch tobt die Krise in der Welt der Bilder und Worte; täglich, stündlich, immer. Herr W. schaut und hört zu.
Mi, 1.4.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Do, 2.4.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Fr, 3.4.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Sa, 4.4.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
So, 5.4.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Mo, 6.4.09 – Die Rundfunkgebührenbefreiung der GEZ liegt im Briefkasten; Herr W. kann sechs Monate lang kostenlos die Krise Fern sehen und im Radio hören. Die GEZ bearbeitete seinen Antrag in der Rekordzeit von vier Arbeitstagen. Auch heute geht die Krise an Herrn W.‘s Tür vorbei!
Di, 7.4.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Mi, 8.4.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Do, 9.4.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Fr, 10.4.09 Karfreitag: Herr W. hört die Matthäus-Passion. Auch heute geht die Krise an Herrn W.‘s Tür vorbei!
Sa, 11.4.09: Herr W. wird zum Grillen eingeladen. Von sechs GrillerInnen bezahlen zwei Einkommensteuer. Auch heute geht die Krise an Herrn W.‘s Tür vorbei!
So, 12.4.09: Herr W. sucht zwei Ostereier und einige Schoko-Hasen. Auch an Ostern geht die Krise an Herrn W.‘s Tür vorbei!
Mo, 13.4.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Di, 14.4.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Mi, 15.4.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!

Do, 16.4.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Fr, 17.4.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Sa, 18.4.09: Herr W. erfährt, dass sein Neffe S. seinen gutbezahlten Ferienjob als Hilfsarbeiter verloren hat. Die Maschinenfabrik hat krisenbedingt alle Ferienjobs gestrichen. Aber das ist weit weg – im Schwäbischen. Hier in Berlin gibt es längst schon (fast) keine Maschinenfabriken mehr. Lächerliche 50.000 Industriearbeitsplätze sind übrig geblieben. Also können auch kaum Ferienjobs gestrichen werden, also macht sich die Krise nicht bemerkbar.
So, 19.4.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Mo, 20.4.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Di, 21.4.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Mi, 22.4.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Do, 23.4.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Fr, 24.4.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Sa, 25.4.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
So, 26.4.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Mo, 27.4.09: Herr W. bemerkt beim Einkauf bei Lidl und Aldi, dass sich die Milch und Milchprodukte billiger geworden sind. Die 3,5%-Fett-Milch kostet jetzt 48 Cent. Die Biomilch von Lidl kostet nach wie vor 89 Cent. Das ist eine Krisenfolge.
Di, 28.4.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Mi, 29.4.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Do, 30.4.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Summa: Herrn W.‘s Lebensumstände haben sich krisenbedingt etwas verbessert.

MAI 2009: Immer noch tobt die Krise in der Welt der Bilder und Worte; täglich, stündlich, immer. Herr W. schaut und hört zu.
FR, 1.5.09: Herr W. demonstriert mit dem DGB gegen die Krisenfolgen, obwohl er bislang nur Verbesserungen seiner Lebensumstände bemerkt hat. Man läuft durch menschenleere Straßen. Erst in der Nähe des Potsdamer Platzes schauen TouristInnen zu. Eine fragt Herr W.: „What’s that? Herr W. antwortet: „That ist Trade Union“. Sie: „Oouhh!“ Man schweigt. Es gibt keine Lautsprecherwagen, die durch dröhnende Musik die Leere übertönen. Eine Touristin schreit: „Warum schreit ihr nicht? Warum singt ihr nicht?“ Niemand reagiert. Eine soziale Unruhe –wie sie DGB-Chef Sommer vorausgesagt hatte- findet nicht statt. Man trottet apathisch-lethargisch vor sich hin. Dann biegt man auf den Platz westlich vom Brandenburger Tor ein; auf der Straße des 17.Juni öffnet sich eine riesige Fressmeile; dorthin verstreuen sich die Leute, und ich gehe nach Hause.
Sa, 2.5.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
So, 3.5.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Mo, 4.5.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Di, 5.5.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Mi, 6.5.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Do, 7.5.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Fr, 8.5.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Sa, 9.5.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
So, 10.5.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Mo, 11.5.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Di, 12.5.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Mi, 13.5.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Do, 14.5.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Fr, 15.5.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Sa, 16.5.09: Herr W. geht zur DGB-Demonstration. Motto: "Die Krise bekämpfen. Sozialpakt Europa. Die Verursacher müssen zahlen" In Herrn W.‘s Welt hatte niemand negative Krisenfolgen verursacht; etwaige Krisenverursacher blieben ihm gegenüber schuldenfrei.
Überall liefen Massen von Leuten. Es waren tatsächlich 100.000 KollegInnen gekommen; Herr W. sah einige KollegInnen-Blocks aus Fabriken, die geschlossen werden sollten, aber kaum Erwerbslose; im Erwerbslosenblock liefen vielleicht 30 Leute. Die ver.di-Jugend trug Plakate, die den Tod des Kapitalismus verkündeten. Herr W. bat um ein solches Plakat und trug es, obwohl er kein Jugendlicher mehr war. Schließlich trug er es nach Hause, kilometerweit durch Straßen, in U-Bahnen; viele schauten ihn erstaunt an. Das Plakat ermunterte einen Kollegen, ihn anzusprechen: Der Fremde erkundigte sich nach der Demo und erzählte die Geschichte seines Abstiegs. Er sei Maschinenschlosser gewesen, nach der Wende wurde sein Kombinat liquidiert; arbeitslos; dann zog er ins Ruhrgebiet, um bei Nokia anzufangen; dann machte Nokia zu, und er zog zurück nach Berlin-Treptow, um bei Samsung anzufangen; dann machte Samsung zu, und er zog zurück nach Berlin-Mitte, um beim JobCenter anzufangen; die schickten ihn zum Grünflächenamt, aber nur für sechs Monate. Er wusste nicht, wie es weitergehen sollte; aber er würde niemals zu Hause rumsitzen. Es gibt also doch die Krise – dachte Herr W..
So, 17.5.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Mo, 18.5.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Di, 19.5.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!
Mi, 20.5.09: Eine Bekannte schreibt: „Ich weiß nicht, ob ich mich traue, ein Haus zu kaufen, wegen der momentanen „Bankenkrise", also wird`s wohl doch erst mal `ne Wohnung werden. Merkst Du denn schon was von der "Krise"?“ – Sie schreibt Krise jeweils in Tüttelchen. Herr W. schreibt zurück: „Ja- ich bemerke Krisenfolgen. Aber keine, die mir wehtun; im Gegenteil: die Preise für Nahrungsmittel fallen.“ -

Do, 21.5.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!

Fr, 22.5.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!

Sa, 23.5.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!

So, 24.5.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!

Mo, 25.5.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!

Di, 26.5.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!

Mi, 27.5.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!

Do, 28.5.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!

Fr, 29.5.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!

Sa, 30.5.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!

So, 31.5.09: Herr W. lauscht: Die Krise geht an seiner Tür vorbei!

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Fortsetzung des Tagebuchs in Teil 2:


22:27 23.02.2009
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Wolfgang Ratzel

Aus einem drängenden Endbewusstsein entsteht der übermäßige Gedanke an einen anderen Anfang.
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