Nordrhein-Westfalen: Deshalb war die Wahlbeteiligung so niedrig

Meinung Nur 55 Prozent haben abgestimmt, die nächste Regierung stützt maximal ein Drittel der Wahlberechtigten: In NRW wird die Spaltung in demotivierte Arbeiterklasse und urbanes Bildungsbürgertum deutlich. Was hieße das für Schwarz-Grün?
Sehr geringe Wahlbeteiligung in NRW: Ein Wahllokal im Wilnsdorf
Sehr geringe Wahlbeteiligung in NRW: Ein Wahllokal im Wilnsdorf

Foto: Kay-Helge Hercher/Imago

Hendrik Wüst, der große Wahlsieger? Mit Verlaub, dat is Kappes! Die CDU hat im Vergleich zur letzten Wahl 244.000 Stimmen verloren, das entspricht einem Rückgang von 8,7 Prozent. Dramatischer noch hat Wüsts Koalitionspartner FDP verloren. Die Stimmen für die Liberalen brachen um 61 Prozent ein. Wie immer, wenn das bürgerliche Lager seine Machtstellung bedroht sieht, tut man sich zusammen, um das Schlimmste zu verhüten. Also stützten 300.000 bisherige FDP-Wähler den CDU-Frontmann per Leihstimmen. Soll noch jemand sagen, Liberale dächten bloß an sich.

Überhaupt sind bei einer Wahlbeteiligung von nur 55 Prozent die absoluten Stimmzahlen aussagekräftiger als die Prozente. Alle Parteien haben nämlich nur halb so gut abgeschnitten wie sie vorgeben, und das heißt, die nächste Regierung wird von maximal einem Drittel der Wahlberechtigten unterstützt.

Duisburg III: 38 Prozent, Köln II: 69 Prozent

Vergleicht man überdies die Wahlkreise mit der niedrigsten Wahlbeteiligung (Duisburg III 38,1 Prozent, Gelsenkirchen II 43,6 Prozent) mit jenen, wo sie am höchsten lag (Köln II 68,8 Prozent, Münster III 68,5 Prozent), fällt sofort ins Auge: Die einstigen Zentren der Montanindustrie haben die Lust am Wählen verloren. Es reicht einfach nicht, eine Kohlenzeche durch ein gigantisches Spielcasino zu ersetzen, einen Güterbahnhof in ein Einkaufszentrum zu verwandeln und eine Gasse nach Horst Schimanski zu benennen. Arbeitslosigkeit, Wegzüge, Abrisse prägen die Gegend. In Duisburg-Hochfeld liegt der Migrantenanteil (Türken, Rumänen, Bulgaren) bei mehr als 60 Prozent, 15 Prozent der Bevölkerung sind Roma. Südlich des Rhein-Herne-Kanals sieht es nicht anders aus. Schalke-Romantik bewirkt keinen Strukturwandel. Und so flüchten viele in die Nichtwähler-Resignation.

Ganz anders die Kreise mit der höchsten Wahlbeteiligung: Köln-Lindenthal und Münster westlich des Schlossparks beherbergen große Universitäten und Kliniken. Grüngürtel und Parks durchziehen die großzügig angelegten Viertel, hier findet man Villen, Cafés und Geschäfte des gehobenen Bedarfs. In Lindenthal wohnte einst Kölns Oberbürgermeister Konrad Adenauer. Hier schnellten die Grünen um 21 Prozentpunkte nach oben. Der Ausländeranteil ist gering, die Arbeitslosenquote niedrig. An der Wahlbeteiligung ist die Spaltung in ein hochmotiviertes urbanes Bildungs-Bürgertum und eine demotivierte Arbeiterklasse in de-industrialisierten Zonen besonders gut abzulesen.

Uni-Grüne gegen Landei-CDU

Die CDU erzielte ihre Spitzenwerte dort, wo der Anteil der Bevölkerung mit Migrationsgeschichte am niedrigsten ist: im Hochsauerland, in Borken, Olpe, Paderborn, Coesfeld und Höxter. Am schlechtesten sind ihre Werte in den Universitätsstädten, wo die Grünen drastisch zulegten, und im Ruhrgebiet, das von der SPD gehalten werden konnte.

Dort, wo die Grünen ihre besten Ergebnisse einfuhren, erlebte die AfD ihre bittersten Niederlagen. Und es ist auch kein Zufall, dass ihre geschleiften Hochburgen in den Wahlkreisen mit der niedrigsten Wahlbeteiligung liegen. Das heißt: Die AfD-Anhänger sind nicht weg, sie wählen bloß nicht mehr. Eigentlich ein Alarmzeichen.

Wahrscheinlich werden eine bürgerliche Stadt- und eine gutbürgerliche Landpartei nun eine schwarz-grüne Koalition bilden. Das heißt, die städtischen Universitätsgrünen müssen einer widerspenstigen Landei-CDU jede Menge Windräder aufschwatzen, während die CDU-Provinzler den grünen Sympathieträgern den Transformationsidealismus auszureden versuchen. Die Grünen wollen ja aus NRW „die erste klimaneutrale Industrieregion Europas“ machen. Das wird nicht leicht, da Grüne und CDU im Herzen dieser Region kaum gewählt wurden. Eine Zukunftskoalition aber, die im Ruhrgebiet und bei den Wahlberechtigten nur schwach verankert ist – wie soll das funktionieren?

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