Wolfgang Michal
Ausgabe 4216 | 19.10.2016 | 06:00

Die Republik erzwingen

Geschichte Das nennen wir mal eine spannende Studie: die Geburt des modernen Terrors aus Telegrafennetz und Linienschifffahrt

Seit 15 Jahren wird unser Bild vom islamistischen Terrorismus geprägt. Wir sehen grausame Anschläge gegen Unschuldige, lesen von Monsterkillern, die blindwütig um sich schießen und mit „Allahu akbar!“-Rufen ihre Sprenggürtel inmitten von Menschenmengen zünden. Die Taten dieser Terroristen sind so schockierend, dass wir ihren Sinn nicht mehr verstehen, dass wir es schlichtweg ablehnen, uns mit den Ursachen und Hintergründen solcher Verbrechen zu beschäftigen. Wir empfinden den Terror so, als käme er aus einer fremden, archaischen Welt. Aber das tut er nur bedingt.

Folgt man der Gießener Historikerin Carola Dietze, so liegen die Wurzeln des Terrorismus in der westlichen Moderne. Zwei Amerikaner, ein Italiener, ein Deutscher und ein Russe haben ihn als politische Taktik zwischen 1858 und 1866 erfunden und in kürzester Zeit zur Serienreife entwickelt. Mit dieser verblüffenden These rockt Carola Dietze die Welt der traditionellen Terrorismusforscher. Denn bisher ging man davon aus, dass der moderne Terrorismus eine Ausgeburt nihilistischer Anarchisten ist, die unbedingt den russischen Zaren in die Luft sprengen wollten.

Medienereignisse

Nein, sagt Carola Dietze, die russischen Anarchisten seien bloß Nachahmer gewesen. Erfunden habe den Terrorismus der italienische Berufsrevolutionär Felice Orsini. Am 14. Januar 1858 wollte er mit einem Bombenattentat auf Kaiser Napoleon III. vor der Oper in Paris die überfällige Vereinigung der italienischen Staaten zu einer Republik erzwingen. Inspiriert von Orsinis Tat habe der US-Amerikaner John Brown dann am 16. Oktober 1859 das Waffenarsenal der US-Armee in Harpers Ferry überfallen, um mit dieser spektakulären Aktion die überfällige Abschaffung der Sklaverei in Amerika zu erreichen. Beide Aktionen scheiterten, Orsini und Brown wurden festgenommen, zum Tode verurteilt und hingerichtet. Doch die gesellschaftliche Wirkung ihrer Taten war phänomenal.

Diese Wirkung, sagt Dietze, konnte nur dort entstehen, wo die westliche Moderne am weitesten entwickelt war: in Paris und New York, jenen Metropolen, die erfolgreiche bürgerliche Revolutionen durchlaufen hatten und auf wirtschaftlichem und technischem Gebiet führend waren. Vor allem die Erfindung und Verbreitung der Massenpresse, die Einrichtung des transatlantischen Dampfschifflinienverkehrs zwischen Europa und Amerika und die Entwicklung eines weitverzweigten Telegrafennetzes in den Jahren vor den beiden Attentaten ermöglichten es, die Bevölkerungen Amerikas, Europas und Russlands erstmals relativ rasch mit Berichten und Analysen über ferne Ereignisse zu versorgen, Täter und Opfer zu interviewen oder in Porträts zu beschreiben und Briefe und Dokumente der politischen Gefangenen Orsini und Brown zu verbreiten.

Auch die Gerichtsverhandlungen mit den Plädoyers der Verteidiger und den Einlassungen der Angeklagten wurden zu internationalen Medienereignissen. Schriftsteller wie Henry David Thoreau oder Victor Hugo mischten sich ein und versuchten, die Motive der Täter zu ergründen und dem Publikum begreiflich zu machen.

Da sowohl Orsini als auch Brown gepflegte Erscheinungen waren, gut reden konnten, sich höflich benahmen, Reue für die Opfer empfanden und Respekt vor den politischen Gegnern zeigten, konnten sie – anders als heutige Terroristen – Sympathien für ihre Sache erzeugen. Schließlich handelten sie idealistisch: der eine für die Befreiung der Sklaven, der andere für die nationale Einheit Italiens.

Wenn Terrorismus definiert wird als „schockierende Gewaltanschläge gegen eine politische Ordnung“, die „vor allem Unsicherheit und Schrecken verbreiten, daneben aber auch Sympathie und Unterstützungsbereitschaft erzeugen“ sollen, mit dem Ziel, einen machtvollen Gegner so zu provozieren, dass er sich „moralisch diskreditiert und entlarvt“, dann hatten Orsini und Brown trotz des Scheiterns ihrer Aktionen ihr Ziel erreicht. Sie hatten, schreibt Dietze, „Präzedenzfälle dafür geschaffen, was spektakuläre Gewalt auszulösen imstande war, wenn sie in der Folge massenmedial inszeniert und politisch instrumentalisiert wurde“.

Die politischen Parteien versuchten nämlich sogleich, die Taten in ihrem Sinne auszuschlachten und Andersdenkende als Unterstützer von Verbrechern zu brandmarken. Dadurch wurden die Gesellschaften weiter polarisiert. Der Bürgerkrieg in Amerika und der italienische Einigungskrieg Napoleons und des Königreichs Piemont gegen Österreich waren die unmittelbaren Folgen.

Dass die Terrorismuserfinder Orsini und Brown „eine postrevolutionäre Form von Gewalt in einer nichtrevolutionären Situation“ einsetzten, lag nach Dietze an ihrer Frustration über die „politischen Blockaden“ in Amerika und Italien, die mit friedlichen Mitteln nicht mehr aufgelöst werden konnten. Man kann die Erfindung des Terrorismus im 19. Jahrhundert als Trotzreaktion auf diese Blockaden begreifen. Weil das Freiheits- und Gleichheitsversprechen der Revolutionen in Amerika und Frankreich nur formaljuristisch festgelegt war, aber in der Lebenswirklichkeit der Mehrheit nicht ankam, griffen die kompromisslosen Freiheitskämpfer Orsini und Brown zu den Waffen. Sie kämpften aus bitterer Enttäuschung und wussten, dass sie in den Tod gingen.

Investigative Reportage

Vor diesem Hintergrund ist es heikel, eine gerade Linie zum Terror aus dem Nahen und Mittleren Osten zu ziehen. Zwar nutzt auch er die modernsten Kommunikationstechniken und will möglichst viel Angst und Schrecken verbreiten, aber anders als in den von Dietze geschilderten Fällen werden die Motive der heutigen Attentäter kaum noch diskutiert. Es gibt keinerlei Verständnis für sie, keine öffentlichkeitswirksamen Gerichtsverhandlungen, keine ernst zu nehmenden intellektuellen Interpreten.

Und mit ihren schlichten, religiös verbrämten Bekennervideos können sie auch nicht an die Emanzipationsgeschichte des westlichen Kulturkreises anknüpfen – wie die gebildeten, republikanisch motivierten christlichen Märtyrer des 19. Jahrhunderts. Selbst Historikern würde es schwerfallen, die Massenmorde des 21. Jahrhunderts und die zur Schau gestellte Grausamkeit als Frustreaktionen auf die anhaltende politische Blockade des Nahen Ostens zu interpretieren, obwohl in der Nichteinlösung des britischen Unabhängigkeitsversprechens, das den Arabern vor 100 Jahren gegeben wurde, eine Wurzel dieses Terrors zu finden ist.

Insofern ist die enge Fokussierung des Terrorismus auf die acht Jahre „seiner Erfindung“, die Beschränkung auf fünf Täter und die Darstellung der zwischen ihnen ablaufenden Lernprozesse richtig und klug. Carola Dietze überrascht mit einer ebenso spannenden wie verblüffenden Erzählung. Ihre journalistische Herangehensweise, der dramaturgisch geschickte Aufbau der Kapitel und das angenehme Fehlen jeglichen Moralisierens machen diese Habilitationsschrift (!) zu einer herausragenden investigativen Reportage.

Info

Die Erfindung des Terrorismus in Europa, Russland und den USA 1858 – 1866
Carola Dietze Verlag des Hamburger Instituts für Sozialforschung 2016, 700 S., 42 €

Die Fotos der Beilage

Nikita Teryoshin wurde 1986 in St. Petersburg geboren, das damals noch Leningrad hieß, und lebt seit 2000 in Deutschland. Erst studierte er an der Essener Folkwang-Schule Fotografie, dann in Dortmund. Aber primär fotografiert er einfach. Über die Jahre entstand so eine Sammlung von Bildern, die er, wie er selbst sagt, „ganz ohne Augenzwinkern“ in die Kategorien Street, Documentary & Everyday Horror unterteilt: irgendwo zwischen entfesselter Dokumentarfotografie und subjektivem Journalismus. Am liebsten arbeitet Teryoshin auf eigene Faust, er kooperiert jedoch auch mit nationalen und internationalen Zeitungen und Magazinen wie „The Daily Mail“, „Emerge“, „Galore“, „Vice“ oder „Wired“. Die Fotografien für unsere Beilage stammen aus seiner Serie „space time discountinuum“. Mehr unter teryoshi.com

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 42/16.