Medienmacht und Triebe

Springer Konzern-Chef Mathias Döpfner hat nicht nur Probleme mit der „Bild“. Seine gesamte Firmenstrategie wackelt

Kaum war Julian Reichelt, der oberste Chefredakteur von Bild, wegen Machtmissbrauchs gefeuert, verlagerte sich die Debatte auf die „Kultur“ seines Arbeitgebers: das Unternehmen Axel Springer und dessen Chef Mathias Döpfner. Der Sex mit Abhängigen, das perfide Ausnutzen junger Berufsanfängerinnen traten zum Ärger der Metoo-Bewegung wieder in den Hintergrund. Das lag vor allem daran, dass der Artikel des Medienkolumnisten Ben Smith in der New York Times, der den Skandal auslöste, mehr auf Döpfner als auf Reichelt zielte. Der „Sonnenkönig“ des Springer-Konzerns war nämlich gerade dabei, in den Medienmarkt der USA einzudringen und seine Sonnenkönigsmacht dort zu vergrößern.

Schnell wurde spekuliert: Warum widmet die New York Times der Geschichte derart viel Raum? Die einen sagten: Weil die moderne amerikanische Unternehmenskultur respektlosen Umgang mit Frauen, ethnischen und sexuellen Minderheiten nicht duldet, die anderen sagten: Weil die Geschäfte eines Konkurrenten aus Übersee das Interesse der New Yorker Medienszene weckten. War es also ein Schuss vor den Bug oder ein Warnruf: Wisst ihr eigentlich, auf wen ihr euch da einlasst?

Springer ist beidseits des Atlantiks von besonderem Interesse, weil er der deutsche Medienkonzern ist, der bei der digitalen Transformation am weitesten fortgeschritten ist. 80 Prozent seines Umsatzes macht Springer inzwischen mit digitalen Angeboten, von Rubrikenanzeigen für Jobs und Immobilien bis zu den Online-Ablegern von Bild und Welt. Springer fühlt sich – zu Recht – als digitale Avantgarde und wird in der Medienbranche ob seines unbedingten Willens, „Weltmarktführer im digitalen Journalismus“ zu werden, beneidet, bewundert, gefürchtet und manchmal belächelt. Seit dem Einstieg der schwerreichen US-Beteiligungsgesellschaft KKR im Frühjahr 2019 (verwaltetes Vermögen: 429 Milliarden Dollar) sieht man sich bei Springer als cooles deutsch-amerikanisches „Medien- und Technologie-Unternehmen“ auf Expansionskurs ohne Tempolimit. Auf der Firmenwebsite heißt es stolz: Wäre der Konzerngründer Axel Springer heute 30 Jahre alt, „würde er wahrscheinlich Facebook gründen“. Doch um Facebooks Größe (2020: 29 Milliarden Dollar Gewinn) zu erreichen, müsste Springer erst einmal den Markt erobern, der als Vorbild aller Digitalisierer gilt: die USA. 2015 kaufte Springer dort für 343 Millionen Dollar das Online-Nachrichtenunternehmen Business Insider, in diesem August folgte – für angeblich eine Milliarde Dollar – die in Washington und Brüssel ansässige News-Firma Politico.

Wie Butter an der Sonne

Weltweit liefern sich Medienkonzerne und Internet-Plattformen derzeit ein Dotcom-Blasen-verdächtiges Wettrennen um Inhalte-Lieferanten. Fehlen interessante Inhalte, gibt es auch kein Digital-Wachstum. Newsletter-, Podcast- und Videoproduzenten, die man früher als kleine Start-up-Klitschen bezeichnet hätte, präsentieren gierigen Kaufinteressenten heute oft gigantische Seitenabrufzahlen, riesige Mitarbeiterstäbe, exorbitante Profiterwartungen und übertriebene Wachstumslyrik, während sie in Wahrheit händeringend Investoren suchen und ihre wenigen Mitarbeiter bis an die Belastungsgrenze schuften lassen.

Umgekehrt sieht es nicht anders aus: Während Springers Selbststilisierung penetrant nach atemloser Dynamik und brummendem Macher-Turbo klingt, scheint das wilde Expansionsstreben doch eher panikgetrieben zu sein. Untrügliches Zeichen sind die abenteuerlichen Preise, die auf dem Medienmarkt inzwischen erzielt werden. In derselben Woche, in der das Nachrichtenunternehmen Politico für eine Milliarde Dollar an Springer fiel, bezahlte die texanische TV-Sendergruppe Nextstar Media für The Hill – eine mit Politico vergleichbare Washingtoner News-Website – 130 Millionen Dollar. Warum zahlte Springer ein Vielfaches davon?

Offenbar verlangt die Realität zu Hause rasches Handeln. Die Auflagen der beiden Springer-Traditionszeitungen Bild und Welt schmelzen wie Butter an der Sonne. Fand Bild vor 20 Jahren noch 4,5 Millionen Käufer, sind es heute magere 1,1 Millionen. Die harte Auflage der Welt – dazu zählen Abos und Kioskverkäufe – sackte von über 200.000 auf 42.000. Bereits 2023 könnte das Printgeschäft, laut einer internen Studie, in die roten Zahlen rutschen. Die Einschaltquoten des im Sommer gestarteten TV-Senders Bildliegen trotz oder wegen der Fox-News-ähnlichen Krawallstrategie bei läppischen 0,1 Prozent, der Konzernumsatz stagniert seit bald zehn Jahren bei drei Milliarden Euro, die Verschuldung nimmt zu, die Corona-Krise hinterlässt ihre Spuren. Im Vergleich zu den wachstumsstarken US-Tech-Giganten wird der kleine Fisch Springer immer kleiner.

Global operierende Beteiligungsgesellschaften wie KKR machen sich solche Notsituationen zunutze. Sie kaufen sich in angeschlagene Konzerne ein, ermuntern diese, sich für Zukäufe zu verschulden, steigern dadurch den Marktwert und stoßen ihre Anteile nach einigen Jahren mit Gewinn wieder ab. Der Medienkonzern ProSiebenSat.1 hat das bereits zwei Mal erleben müssen. Die Deutschen gelten bei US-Investoren als ideale Adressaten. Schon während der Finanzkrise haben sie sich Schrottpapiere von US-Schattenbanken andrehen lassen, als alle anderen längst ausgestiegen waren. Da sich Springer in seinen Firmengrundsätzen auf bedingungslose Treue zu den USA verpflichtet, ist Misstrauen nicht erlaubt. Beraten von KKR, verabschiedete sich Springer von der Börse, um künftig ohne Berichtspflichten und störende Kleinaktionäre frei schalten und walten zu können. Denn „freies Unternehmertum“ hat für Springer einen hohen Wert. Fragt sich nur, wie frei der Konzern noch ist.

Das US-Beteiligungsunternehmen und der kanadische Pensionsfonds CPPIB halten mittlerweile 48,5 Prozent der Gesellschafteranteile. Könnten sie die fünf Prozent des Springer-Enkels Axel Sven noch hinzuaddieren, wäre die Mehrheit gesichert. Der Springer-Enkel hätte auch allen Grund, einen anderen Weg einzuschlagen, als ihn Springer-Haupterbin Friede mit der Installierung und finanziellen Ausstattung Döpfners vorgegeben hat. Zehn Jahre lang prozessierte er, weil er sich nach Axel Springers Tod 1985 um sein Erbe betrogen fühlte.

Vorzugswissen für Insider

Nun müsste man sich um Springer nicht allzu große Sorgen machen, wäre nicht eine Entwicklung mit diesem Konzern verbunden, die tiefgreifende Auswirkungen auf die demokratische Öffentlichkeit hat: Springers Verwandlung in ein rein digitales Tech-Unternehmen hat Konsequenzen für das Kernprodukt, den Journalismus. Am Beispiel von Springers US-Erwerbungen Business Insider und Politico lässt sich das gut veranschaulichen. Es gibt zwar die bekannten, frei zugänglichen Webseiten von Politico, Insider, Protocol oder Morning Brew, aber wer an wirkliche Insiderinformationen gelangen will, an Informationen, die „einen Wissensvorsprung“ sichern, muss dafür horrende Preise bezahlen. Politico etwa verlangt für den Zugang zu seinen speziellen Newslettern Jahresgebühren ab 10.000 Dollar! Rund 10.000 Abos erwirtschaften derzeit die Hälfte des Firmenumsatzes. Abonniert werden die Newsletter bevorzugt von Regierungsbehörden, Parlamenten, Lobbyisten, Konzernen, Anwaltskanzleien, Verbänden, Dienstleistern und anderen Experten des Washingtoner und Brüsseler Betriebs. Und natürlich instrumentalisieren die Fachleute des Politikbetriebs, die Konzerne und ihre Dienstleister umgekehrt die Journalisten durch gezielte Vergabe von Exklusivinformationen. Journalisten werden so Teil des inneren Zirkels. Sie verlieren die Distanz. Man benutzt sie. Auf diese Weise zerstört das grassierende Newsletter-Unwesen allmählich jene Öffentlichkeit, die sich durch allgemeinen und freien Zugang zu Informationen auszeichnet und verwandelt sie in zersplitterte, den Massen verborgen bleibende Dienstleistungen für Unternehmen und Regierungen, kurz: in Vorzugswissen für Insider. Die Folge ist eine Spaltung der Gesellschaft durch Journalismus. Den Outsidern, der Normalbevölkerung, werden billige Schlagzeilen und Allerweltsnachrichten à la Bild als Info-Brosamen hingeworfen, während sich „die Entscheidungsträger“, die Insider, an opulenten Fünf-Gänge-Menüs aus Hintergrundberichten, Analysen und Exklusivnachrichten laben. Verschärft wird die Spaltung noch dadurch, dass viele Online-Medien zur Aufbesserung ihrer Budgets immer häufiger Events für Führungskräfte aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft veranstalten. Aufgabe solcher Events ist es nicht, Aufklärung zu betreiben, sondern Entscheider-Zirkel untereinander zu vernetzen.

Nachrichten-Ramsch für Arme

Zur Doppelstrategie der News-Websites passt, dass Billignachrichten fürs Volk zunehmend über Tech-Plattformen ausgespielt werden. Nach Google News kooperiert der Großteil der deutschen und amerikanischen Presse nun auch mit Facebook News beim Vertrieb der eigenen Produkte. Facebook News zeigt seinen Nutzern in der Kategorie My-News nur jene Nachrichtenschnipsel, die auf die Interessen der Nutzer zugeschnitten sind. In der Kategorie Top-News dagegen werden Nachrichten angezeigt, die für die Allgemeinheit wichtig sind. Die Auswahl der ersten Kategorie besorgen Algorithmen auf der Basis des bisherigen Nutzerverhaltens, die Auswahl der Top-News erfolgt durch Redakteure. Für Facebook erledigt das der News-Aggregator Upday, eine Tochterfirma des Springer-Konzerns. Springer-Redakteure legen für mittlerweile 25 Millionen Nutzer fest, welche Top-Nachrichten ganz oben stehen.

Während Konzernchef Döpfner nicht müde wird, von einem fairen, unabhängigen und innovativen Journalismus zu schwärmen, verrät die digitale Technik, welche Entwicklung tatsächlich abläuft: die Spaltung des Journalismus in die Versorgung der Armen mit Nachrichten-Ramsch und die Bedienung der Reichen mit verwertbarem Insiderwissen. Das gab es zwar in Teilen schon immer, doch nun wird es durch Technik zum unvermeidlichen Sachzwang.

Das neue digitale Geschäftsmodell verstärkt den Trend, den der Rechtspopulismus in Europa und den USA vorgezeichnet hat: einerseits direkte, aber gesteuerte Ansprache der Masse, andererseits Insiderwissen für eine Politik zum Nutzen der Reichen: Rechtspopulismus und digitale Medien entwickeln parallel sehr ähnliche Strategien. Zugespitzt könnte man sagen: Die von der New York Times enthüllten Äußerungen Döpfners über die Bundesrepublik als Neo-DDR-Sozialismus und sein Lob der letzten Aufrechten, die dagegen Widerstand leisten, wurden bislang durch digitale Technik überdeckt.

Doch zurück zum Fall Reichelt. Viele mutmaßten, die Entlassung des Bild-Chefs sei nur deshalb so schnell erfolgt, weil die Amerikaner diskriminierende Unternehmenskulturen nicht mehr dulden würden. Das stimmt nicht ganz. Exakt drei Wochen bevor New-York-Times-Kolumnist Ben Smith die Zustände im Springer-Konzern aufs Korn nahm, schilderte er an gleicher Stelle das toxische Betriebsklima bei der US-News-Website Ozy. Es ging um Betrug, geschönte Nutzerzahlen und die kaltschnäuzige Ausbeutung der Mitarbeiter durch einen aggressiv auftretenden Chef. In einer Telefonkonferenz mit Goldman Sachs, in der ein dringend benötigtes Investment für die angeschlagene Seite besprochen wurde, gab sich ein Verantwortlicher von Ozy mit verstellter Stimme als Youtube-Führungskraft aus und lobte Ozy in allerhöchsten Tönen. Mit „Fake-Kultur“-Methoden wollte man an frisches Geld gelangen. Der Mutterkonzern von Youtube meldete den Skandal dem FBI. In Deutschland las man herzlich wenig darüber. Dabei ist Springer an Ozy beteiligt.

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