Warum liegen ukrainische Nationalhelden auf deutschen Friedhöfen?

Geschichte Stepan Banderas Grab in München und das von Pawlo Skoropadskyj im Allgäu zeigen, wie eng die ukrainische Nationalbewegung mit der gewaltsamen deutschen Ostexpansion in zwei Weltkriegen verbunden war

Im alten Teil des Waldfriedhofs in München steht ein massiges weißes Steinkreuz. Hier liegt der ukrainische „Nationalheld“ Stepan Bandera begraben. Er war am 15. Oktober 1959 in der Kreittmayrstraße 7 einem Blausäure-Attentat des sowjetischen KGB zum Opfer gefallen.

Rund 170 Kilometer südwestlich davon, auf dem Waldfriedhof des Allgäuer Kurorts Oberstdorf, findet sich die Grabstätte des ukrainischen Nationalisten Pawlo Skoropadskyj. Das einstige „Staatsoberhaupt“ war am 16. April 1945 bei einem alliierten Bomberangriff im niederbayerischen Plattling schwer verwundet worden und starb zehn Tage später im Kloster Metten.

Sowohl Pawlo Skoropadsky als auch Stepan Bandera kämpften gegen die Bolschewisten, um die Unabhängigkeit der Ukraine von Russland zu erlangen. Der eine verband sich deshalb mit Kaiser Wilhelm II., der andere mit Adolf Hitler. Indem sie die deutsche Ostexpansion unterstützten, glaubten sie ihrem Ziel näher zu kommen.

Ihr Kampf beginnt im Jahr 1917: Als Folge der Februarrevolution befindet sich das vom Krieg geschwächte Russland in einer Art Interregnum. Das Parlament – die Duma – ringt mit den Arbeiter- und Soldatenräten – den Sowjets – um die Macht. Andere Probleme erscheinen erst einmal nachrangig. Diesen Moment der Schwäche nutzen die ukrainischen Nationalisten und gründen – unbehelligt von russischen Großmachtinteressen – einen Zentralrat, die „Zentralna Rada“, die wenige Monate später in Kiew die „Ukrainische Volksrepublik“ proklamieren wird.

Die Führungsgruppe des Rats wird von Sozialdemokraten und Sozialrevolutionären dominiert, was die kompromisslos auftretende Minderheit der Bolschewisten veranlasst, im Dezember in Charkiw eine Gegenregierung, die „Ukrainische Volksrepublik der Sowjets“, auszurufen. Damit existieren bereits zu Beginn der ukrainischen Unabhängigkeit zwei ukrainische Staaten, die sich spinnefeind gegenüberstehen.

Im Januar 1918 erobern die Bolschewiki einen Großteil der „Ukrainischen Volksrepublik“ und besetzen Kiew. Die bedrängte sozialdemokratische Regierung weicht nach Schytomyr aus und ruft von dort die Mittelmächte Deutschland und Österreich-Ungarn zu Hilfe. Doch deren Generäle stellen eine Bedingung: Die Kornkammer Ukraine müsse ab sofort Lebensmittel für die vom Weltkrieg erschöpften und unterernährten Soldaten liefern.

Eine bizarre Situation: Während die Bolschewiki in Brest-Litowsk von den Mittelmächten gerade einen demütigenden „Diktatfrieden“ aufgezwungen bekommen, schließen die ukrainischen Unterhändler am 9. Februar 1918 einen separaten „Brotfrieden“ mit ihnen – Lebensmittel gegen Militärhilfe.

Flucht zu Paul von Hindenburg

Die deutsch-österreichische „Operation Faustschlag“ beginnt am 18. Februar 1918. 40 Divisionen mit rund einer Million Soldaten rücken auf breiter Front gegen Russland vor. Kiew fällt am 3. März, Odessa am 13. März, Charkiw am 18. April. Die „Ukrainische Sowjetrepublik“ ist damit erledigt. Doch den Siegern passt auch die soziale Politik ihres Bündnispartners nicht. Die Zentralna Rada will eine Landreform für die verarmten ukrainischen Bauern durchsetzen, was den Großgrundbesitzern missfällt. Also stürzen die deutschen Besatzer am 29. April 1918 die Regierung der Volksrepublik und ersetzen sie durch einen „Hetman“, einen erzkonservativ-autoritären Führer nach dem Vorbild feudaler Kosakenherrschaft.

Dieser Hetman ist der in Oberstdorf begrabene Pawlo Skoropadskyj, ein ehemaliger General des russischen Kaiserreichs, Nachkomme einer kosakischen Adelsfamilie aus der Ukraine. Bereits im Sommer 1917 beginnt Skoropadskyj auf Befehl des berüchtigten anti-kommunistischen Generals Kornilow innerhalb der russischen Truppen eine ukrainische Armee aufzubauen. Diese soll der jungen „Ukrainischen Volksrepublik“ als Schutztruppe gegen die Bolschewiki dienen. Zwar haben die Kommunisten die Volksrepublik im Friedensdiktat von Brest-Litowsk zähneknirschend anerkannt, aber nun, im Herbst 1918, wendet sich das Blatt zu ihren Gunsten: Die Mittelmächte müssen die Waffen strecken, das Friedensdiktat von Brest-Litowsk wird annulliert und die deutschen Truppen ziehen ab.

Damit endet auch Skoropadskyjs „Ära“ als Hetman und Erfüllungsgehilfe der deutschen Militärverwaltung. Im Januar 1919 rückt die Rote Armee wieder in Kiew ein. Skoropadskyj muss untertauchen und flieht nach Potsdam, wo er bei Paul von Hindenburg und Franz von Papen eine neue politische Heimat findet. Noch immer hofft er auf deutsche Hilfe bei seinen Versuchen, die Herrschaft der Kommunisten in der Ukraine zu beenden. Sein Wirken in der Berliner „Hromada“, einer romantisch inspirierten „Geheimgesellschaft zur nationalen Wiederbelebung der Ukraine“, wird von den jungen Hardcore-Nationalisten der 1929 in Wien gegründeten „Organisation Ukrainischer Nationalisten“ (OUN) nur milde belächelt. Die OUN, unter Führung von Stepan Bandera und Andrij Melnyk, orientiert sich eher an den Methoden von Mussolinis Faschisten und der kroatischen Ustascha.

Bandera-Grab auf dem Waldfriedhof München

Foto: Imago Images

Die Radikalisierung hat ihren Grund. In den 1930er Jahren verschlechtert sich die Situation in der Ukraine rapide. Die von Stalin angeordnete Zwangskollektivierung der Landwirtschaft führt in der Sowjetukraine zu einer mutwillig in Kauf genommenen Hungersnot (Holodomor) mit vier Millionen Toten. Und die „Westukrainische Volksrepublik“ ist längst von der Landkarte getilgt. Man hat sie 1921 – nach dem polnisch-sowjetischen Krieg – zwischen Polen, Rumänien und der Tschechoslowakei aufgeteilt.

Wieder setzen die ukrainischen Nationalisten auf Deutschland, diesmal: auf Hitler. Sie knüpfen Kontakte zur Wehrmacht und zum militärischen Geheimdienst. Mit den Nazis verbindet sie nicht nur ihr glühender Antikommunismus, sondern auch ein brutaler Antisemitismus. Als der deutsche Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941 beginnt, sehen sie die Chance gekommen, sich endgültig von polnischer, jüdischer und russischer Fremdherrschaft zu „befreien“. Viele Anhänger Banderas bewerben sich als Freiwillige bei der Wehrmacht und bilden dort die Bataillone „Nachtigall“ und „Roland“. Deren Aufgabe ist es, Sabotageakte zu unternehmen und Unruhe im Hinterland der Roten Armee zu stiften. Die ukrainischen Nationalisten beteiligen sich aber auch an zahlreichen Kriegsverbrechen. Sie drangsalieren und ermorden Angehörige der jüdischen und polnischen Minderheiten. Sie jagen Rotarmisten und Partisanen. Als Belohnung erwarten sie, nach Hitlers Endsieg den ersehnten eigenen Staat zu bekommen. Doch die Nationalsozialisten denken gar nicht daran. Für sie sind die Ukrainer bestenfalls willige, aber rassisch minderwertige Helfer beim „Kreuzzug gegen den Bolschewismus“. Ostpreußens Gauleiter Erich Koch, nebenbei Reichskommissar der Ukraine, bezeichnet sie abfällig als „unsere Neger“. Das deutsche Interesse gilt – wie im Ersten Weltkrieg – allein der Ausbeutung des Landes.

Erst die Niederlage in Stalingrad im Winter 1942/43 bewirkt eine Kehrtwende. Jetzt brauchen die deutschen Besatzer plötzlich dringend „nicht-germanische“ Freiwillige für ihre Truppen. Im April 1943 ergeht der Befehl, ukrainische Freiwilligen-Divisionen der Waffen-SS aufzustellen. Es melden sich 84.000 Männer, darunter viele Mitglieder der Ukrainischen Befreiungsarmee (UPA). Doch die stets misstrauisch bleibenden Deutschen verhindern geschickt, dass sich unter dem Dach der Wehrmacht eine ukrainische Nationalarmee organisieren kann, und sieben gründlich aus. 15.000 Ukrainer und Volksdeutsche bilden schließlich die „14. Waffen-Grenadier-Division der SS, die galizische Nummer 1“. Überzählige Bewerber werden in Polizeiregimenter und Schutzmannschaften gesteckt. Insgesamt dienen nach Angaben des Militärhistorikers Rolf-Dieter Müller rund 250.000 Ukrainer in der Wehrmacht. Nicht wenige beteiligen sich am Holocaust, etwa an der Erschießung jüdischer Frauen und Kinder in der Region Wolhynien. Und die ethnischen Säuberungen in Ostgalizien, denen mehr als 100.000 Polen zum Opfer fallen, gehen größtenteils auf ihr Konto.

Deckname „Konsul II“

Der OUN-Führer Stepan Bandera, der unter dem Decknamen „Konsul II“ für den deutschen Militärgeheimdienst arbeitet, ist an den Verbrechen seiner Organisation nicht unmittelbar beteiligt, denn er verbringt fast die gesamte Kriegszeit in Verbannung. Als „Ehrenhäftling“ des Führers, welcher den ukrainischen Nationalisten nicht über den Weg traut, logiert er im KZ Sachsenhausen unter einigermaßen erträglichen Bedingungen, bewohnt zwei möblierte Zimmer mit Teppichen auf den Böden und Bildern an den Wänden. Erst im September 1944 wird er gegen die Zusicherung freigelassen, mit seiner Widerstandsorganisation die vorrückende Rote Armee zu attackieren. Als letztes Aufgebot will sich Bandera aber nicht verheizen lassen. 1946 flieht er vor den Sowjets nach Österreich, knüpft Kontakte zu westlichen Geheimdiensten und lebt unter falschem Namen in München. Der blutige Kampf zwischen seiner OUN und dem sowjetischen Geheimdienst NKWD geht auch im Kalten Krieg unvermindert weiter. Bis zu seinem Tod 1959 bleibt Bandera Vorsitzender der „Organisation Ukrainischer Nationalisten“.

Dreißig Jahre später: Die Sowjetunion ist am Ende. Der letzte Präsident der UdSSR, Michail Gorbatschow, verliert die Kontrolle über sein Imperium. In Moskau kommt es zum Putschversuch. Und wieder – wie 1917 – nutzt das ukrainische Parlament die Gunst der Stunde, es proklamiert am 24. August 1991 die Unabhängigkeit des Landes. Das ist der letzte Sargnagel für die Sowjetunion. Nach 74 Jahren Kampf scheint die ukrainische Nationalbewegung ihr Ziel erreicht zu haben. Und Stepan Bandera wird begeistert gefeiert. Im Januar 2010 verleiht ihm Präsident Wictor Juschtschenko posthum den Ehrentitel „Held der Ukraine“. 2016 benennt der Kiewer Stadtrat die Prachtstraße Moskau-Prospekt in Stepan-Bandera-Prospekt um. Der „Held der Ukraine“ wird nicht nur von rechten oder rechtsradikalen Parteien wie „Swoboda“ und „Rechter Sektor“ heroisiert, auch Dutzende von bürgerlichen Stadt- und Gemeinderäten ehren ihn mit Statuen, Büsten, Gedenktafeln und der Benennung von Straßen und Plätzen. Das größte Denkmal steht in Lwiw und misst stattliche sieben Meter. Am 1. Januar, dem Geburtstag des Helden, veranstalten ukrainische Nationalisten gern nächtliche Fackelzüge.

Auch Banderas Grab in München wird liebevoll gepflegt. Nur hin und wieder kommt es zu Schändungen. Bisweilen schütten Unbekannte rote Farbe auf das schneeweiße Kreuz. Inzwischen steht ein Kerzenspender direkt gegenüber dem Grab, umschlossen von einem robust wirkenden Metallkasten. Die Süddeutsche Zeitung mutmaßt, er enthalte womöglich eine Überwachungskamera. Das Grab Skoropadskys im beschaulichen Oberstdorf liegt etwas außerhalb der Reichweite von Anhängern und Verehrern, doch auch hier fehlt nicht das nationale Bekenntnis: Vor dem Marmorkreuz steht eine ukrainische Flagge.

Die beiden „Heldengräber“ zeigen, wie eng die ukrainische Nationalbewegung mit der gewaltsamen deutschen Ostexpansion in zwei Weltkriegen verbunden ist. Das erklärt vielleicht, warum viele Deutsche – insbesondere der älteren Generation – in Sachen militärischer Intervention heute so zurückhaltend sind. Wer diese Zurückhaltung verurteilt, sollte sich die Frage stellen, warum ukrainische Nationalhelden eigentlich auf deutschen Friedhöfen liegen.

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